Da kommt was zu auf die Lausitz: 37 000 Soldaten, Hunderte Panzer, 13 000 Stück Material und Kriegswaffen – Defender Europe 20 ist das größte Manöver, dass die US-Armee im vergangenen Vierteljahrhundert auf dem europäischen Kontinent durchgeführt hat. Für die Amerikaner ist es ein Härtetest ihrer militärischen Fähigkeiten, für die Bundeswehr eine logistische Herausforderung, für die Friedensbewegung in Deutschland ein Affront, für Russland eine Provokation, für die Lausitz eine Belastung. Aber der Reihe nach:

Was ist Defender 2020?

„Defender 2020“ oder „Defender Europe 20“, wie es im Sprachgebrauch der US-Armee heißt, ist eine militärische Großübung der US-Armee. Geübt wird die Verlegung von Soldaten samt ihrer schweren Geräte aus den USA quer durch Europa nach Polen und ins Baltikum. Bei der Übung soll auch die Zusammenarbeit in Europa trainiert werden. „Diese Fähigkeit ist wichtig, um kurzfristig Stärke zeigen zu können, unsere Einsatzbereitschaft beruhigt unsere Alliierten und schreckt mögliche Gegner ab“, erklärte der kommandierende General der US-Streitkräfte in Europa, Christopher G. Cavoli, bei der Ankündigung des Manövers im Oktober 2019.

So illustriert die US-Armee das geplante Großmanöver 2020. Screenshot
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Was ist daran neu?

Die Größe des Manövers! Seit der russischen Annexion der Krim 2014 haben die USA ihre militärische Präsenz in Osteuropa erhöht – auf Wunsch der Nato-Partner in der Region. Im Neun-Monats-Rhythmus werden die Verstärkungstruppen in Polen und den anderen osteuropäischen Ländern ausgetauscht. Unter anderem betrifft das eine komplette Panzerkampfbrigade mit rund 1000 Mann. Der Name der Operation: Atlantic Resolve.

Fünfmal haben die USA eine solche Truppe nun schon aus den USA per Schiff nach Deutschland und dann per Bahn und Straße durch die Lausitz nach Polen geschafft. Im Vergleich zu „Defender 2020“ waren das aber nur kleine Manöver. Diesmal soll eine komplette Division der US-Armee verlegt werden. Das hat es so seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. „Mit allein schon 26 000 us-amerikanischen Soldaten ist diese Verlegung mehr als fünfmal so groß wie die bewährten Rotationen“, informiert die Bundeswehr.

Was ist über das Groß-Manöver bekannt?

Bis vor wenigen Tagen haben sich die USA mit Informationen weitgehend zurückgehalten. Nun sickern immer mehr Details durch. Die Bundeswehr hat eine Informationsseite ins Internet gestellt. Abgeordnete der Linkspartei haben die Bundesregierung mit parlamentarischen Anfragen zur Information gedrängt. Und auch die US-Armee hat nachgezogen.

Demnach sollen 20 000 Soldaten aus den USA direkt nach Europa verlegt werden. Ein Teil wird mit ihren Panzern verschifft, ein Teil per Flugzeug eingeflogen und mit bereits eingelagerten Waffen ausgerüstet und gen Osten geschickt. Hinzu kommen US-Soldaten, die bereits in Europa stationiert sind – sowie Soldaten anderer Nato-Länder, die gemeinsam mit der US-Armee üben wollen.

Wann geht es los?

In wenigen Wochen. Im Februar soll die Mobilmachung der Truppen in den USA erfolgen, dann folgt die Verschiffung nach Europa. Das Gros der Truppenverlegungen in Europa soll im April und Mai erfolgen. Im Anschluss findet eine Reihe kleinerer Schießübungen und Manöver in Polen statt, ehe die Rückverlegung der Truppen Richtung US-Heimat beginnt. Insgesamt soll sich das Ganze bis in den Juli hinziehen.

Wo findet das Manöver statt?

Quer durch Europa. Die Schiffe mit der schweren Kriegstechnik werden in mehreren Häfen in Estland, Lettland, den Niederlanden und Belgien ankommen. In Deutschland sollen Bremerhaven und Bremen beteiligt sein. Von dort geht es per Schiene und Straße quer durch Europa Richtung Polen. Rund 4000 Kilometer werden dabei laut Angaben der US-Armee zurückgelegt.

Als Flughäfen sollen Berlin, Hamburg, Frankfurt/Main, München, Nürnberg und Ramstein involviert sein. In Deutschland soll es zwei Straßenrouten geben, auf denen die Truppenbewegungen stattfinden. „Düsseldorf - Hannover - Magdeburg - Frankfurt/Oder“ sowie „Düsseldorf - Mannheim - Nürnberg - Dresden - Görlitz“. So hat es die Bundesregierung auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Alexander Neu (Linke) im Dezember bekannt gegeben.

Welche Rolle spielt die Lausitz?

Eine Große. Der Truppenübungsplatz Oberlausitz bei Weißwasser ist eines der Convoy-Support-Zentren für die Marschkolonnen. Auf dem Truppenübungsplatz werden zudem die auf der Straße reisenden Kolonnen übernachten.

Youtube Aufmarschgebiet Lausitz – die Bundeswehr übt für den Nato Einsatz

Dabei bildet die Lausitz erneut den Aufmarschraum, aus dem die Truppen ins fiktive Einsatzgebiet in Polen starten. Dass der Truppenübungsplatz (TÜP) bei Weißkeißel dafür perfekt geeignet ist, haben Nato und Bundeswehr im vergangenen Sommer bei mehreren Manövern testen können.

Youtube Mit der Panzerkolonne durch die Lausitz

Die Route über den TÜP Oberlausitz hat sich zudem bei den diversen US-Truppenverlegungen der vergangenen Jahre bewährt. Auch ein Großteil der Schienentransporte wird wohl wieder durch die Lausitz rollen. Details zu den Truppenverlegungen wollen Bundeswehr und US-Armee am Dienstag in Berlin bekannt geben.

Welche Rolle spielt die Bundeswehr?

Als Host Nation, also Gastgeber, wird die Streitkräftebasis der Bundeswehr den Truppentransport durch Deutschland für den Nato-Partner USA organisieren. „Transportkolonnen in der Nacht auf deutschen Autobahnen, lange Güterzüge, die durch deutsche Bahnhöfe gen Osten rollen, Panzer auf Binnenschiffen im Ruhrgebiet: Deutschland wird aufgrund seiner geo-strategischen Lage im Herzen Europas zur logistischen Drehscheibe“, heißt es auf der Informationsseite der Bundeswehr.

Dazu gehört auch, dass die Bundeswehr sämtliche Transporte durch ihre eigene Polizei, die Feldjäger, absichern wird. Lausitzer Autofahrer werden sich auf lange Konvois auf den Straßen einstellen müssen – und die damit verbundene Gefahr von Unfällen.

Youtube Nachtschießen auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz

Ist die Bundeswehr darauf vorbereitet?

Das wird sich zeigen. Die Truppenverlegungen der vergangenen Jahre und eigene Übungen wie Noble Jump haben die logistischen Fähigkeiten der Bundeswehr stark verbessert.

Bildergalerie In Zagan hat die Bundeswehr bei einem Demonstrationstag ihre Feuerkraft gezeigt. Die Aktion für die Öffentlichkeit war Teil des Nato-Manövers „Noble Jump“.

Aber diesmal warten neue Herausforderungen. So muss etwa extra eine Tankanlage auf dem Truppenübungsplatz Bergen in der Lüneburger Heide aufgebaut werden. Für die deutschen Stellen geht es auch darum, die Belastbarkeit der eigenen Infrastruktur – Brücken und Verkehrswege – zu überprüfen. Ein Kampfpanzer auf Tieflader kann mehr als 130 Tonnen wiegen. Und damit das überhaupt geht – US-Panzer auf deutschen Tiefladern transportieren – mussten Experten beider Länder im November eigens Zertifikate entwickeln. „Deutsche Logistikverbände können und dürfen ab sofort auch amerikanische Gefechtsfahrzeuge auf deutschen Straßen transportieren“, teilte die Bundeswehr kurz darauf mit.

Selbst die Deutsche Bahn ist involviert und hat extra zusätzliche Waggons für den Schwertransport bereitgestellt.

Wird nur transportiert oder auch geschossen?

Im Anschluss an die Truppenverlegungen sind diverse weitere Manöver in Osteuropa geplant: Astral Knight, Allied Spirit XI, Dynamic Front, Joint Warfighting Assessment, Saber Strike, Swift Response und Trojan Footprint. Einige beinhalten gemeinsame Kampfübungen mit anderen Nato-Partnern. In Drawsko Pomorskie in Polen soll zudem das Überbrücken eines Flusses in Divisionsstärke geübt werden.

Was kostet das Ganze?

US-Medien berichten von rund 340 Millionen Dollar (rund 305 Millionen Euro), die das Manöver kosten soll.

Was hat das Ganze mit Russland zu tun?

Offiziell natürlich nichts. Deutsche Stellen betonen bei solchen Manövern stets, dass sie sich gegen niemanden richten. Die USA werden da deutlicher. General Cavoli spricht von einem „very big Deal“. Die USA und ihre Partner würden deutlich machen, dass sie jederzeit in der Lage sind, Aggressoren in Europa abschrecken könne. „Eine Machtdemonstration an die Adresse Russlands, eine Beruhigungspille für die Osteuropäer“, nennt die Neue Züricher Zeitung aus der Schweiz das. Aus Russland selbst gibt es bisher keine offiziellen Reaktionen.

Gibt es Kritik in Deutschland?

Ja. Die Linkspartei in Sachsen hat die Landesregierung aufgefordert, das Manöver zu boykottieren. „Das Land Sachsen sollte sich an Defender 2020 nicht beteiligen und jedwede Kooperation bei der Durchführung der militärischen Muskelübung verweigern“, sagt die Landesvorsitzende Susanne Schaper. Auch aus der Friedensbewegung gibt es bereits deutliche Kritik. Am 18. und 26 Januar sind Aktionstreffen geplant, auf denen über „Gegenaktivitäten“ beraten werden soll. „Das Manöver ist ein Umweltdesaster, eine wahnwitzige Verschwendung von Ressourcen und eine Zerstörung vielfältiger Natur. Es ist ein aktiver Beitrag des Militärs zur drohenden Klimakatastrophe“, heißt es in einer Erklärung die rund 100 Aktivisten bereits Ende November nach einem Treffen in Leipzig verabschiedet haben. „Vielfältige Aktionen“ seien in Leipzig überlegt worden. „Diese reichen von Transparenten an den Brücken, über eine Mahnwache, Stafetten an der gesamten Strecke und auf Bahnhöfen bis zu Aktionen des zivilen Ungehorsams.“

Die Linken in OSL wollen im März eine „Friedenskonferenz“ in der Lausitz einberufen.

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