Staub wirbelt auf. Es ist laut. Und kleine Steine fliegen gelegentlich durch die Luft. Auf dem Senftenberger Güterbahnhof bietet sich Beobachtern am Dienstag ein ungewohntes Bild. Panzer sind aufgefahren. Per Zug sind sie am Morgen aus Norddeutschland herantransportiert worden. Vor dem Gleis steht ein Trupp Soldaten in Reih und Glied. Ein Vorgesetzter gibt ihnen lautstark Anweisungen. Wenige Meter weiter, an der Straße haben Soldaten in voller Ausrüstung Stacheldraht ausgerollt, eine Sperre und Posten aufgebaut. Ihre Aufgabe: Neugierige auf Abstand halten.

Denn was hier passiert, sieht man selten in Senftenberg. Die Soldaten am Gleisrand beginnen, auf die Waggons mit den Panzern zu klettern. Ketten werden gelöst, Wegfahrsperren entfernt, die Panzer für den Einsatz vorbereitet.

Gefechtsschießen auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz

„Auch für uns ist das in dieser Größenordnung keine alltägliche Übung“, sagt Brigadegeneral Andreas Durst. Er kommandiert das Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“, das in Senftenberg zum Manöver angerückt ist. „Die Übung besteht aus zwei Teilen“, erläutert er, während im Hintergrund die letzte Vorbereitungen laufen. Ein Teil ist das Gefechtsschießen, dass die Einheit mit rund 1800 Mann bis Ende August auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz durchführen wird. Der andere Teil ist die Anreise: der Transport der Panzer und Fahrzeuge per Schiene, das Abladen und „Verheiraten“ mit den dazugehörigen Soldaten und das Marschieren ins Zielgebiet – in diesem Fall der Truppenübungsplatz.

Mittlerweile ist der erste Panzer soweit. Der Marder rollt an den Rand des Waggons. Unten steht ein Einweiser und gibt Kommandos. Zentimeterarbeit ist jetzt gefragt. Sonst fällt der breite Panzer möglicherweise vom Waggon und der ganze Zeitplan für das Manöver ist dahin.

Premiere für Panzergrenadiere

Vor dem Waggon steht eine mobile Entladerampe. Mit ihr können die Panzer auch dort entladen werden, wo die nötigen Voraussetzungen fehlen. Für die Panzergrenadiere aus Hagenow ist es eine Premiere. Und eine, die gelingt. Vorsichtig rollt der Panzer an, kippt leicht nach vorne, dreht und landet wie vorgesehen auf seinen Ketten im Kiesbett neben dem Gleis. Jetzt wird es laut. Das Fahrzeug wendet und macht Platz für den nächsten Marder.

Alles klar. Panzer für Panzer verlässt den Zug und macht sich bereit für den weiteren Abmarsch. Jeweils fünf Soldaten klettern in das Fahrzeug, ergänzen die Besatzung, die bisher nur aus Fahrer und Kommandant bestand.

Ordnung muss sein

Nur das Kiesbett sieht ramponiert aus. Tiefe Spuren haben die Panzerketten hinterlassen. „Kein Problem“, sagt Brigadegeneral Durst. „Wir werden den Platz so verlassen, wie wir ihn vorgefunden haben.“ Als kurz darauf ein noch größerer Bergepanzer anrollt und beginnt, die Furchen wieder platt zu fahren, ist man geneigt, das zu glauben. Zur Sicherheit haben die Pioniere der Bundeswehr aber auch noch eine Planierraupe mitgebracht. Man will es sich ja nicht mit der Deutschen Bahn verscherzen.

Für die Schaulustigen, die sich mittlerweile zahlreich rund um den Bahnhof eingefunden haben, ist das alles schon aufregend. Doch dann setzt sich die erste Marschkolonne in Bewegung. Panzer nach Panzer rollt an ihnen vorbei, durch die Straßen des Gewerbegebiets Richtung Großräschen.

Feldjäger organisieren Transporte

Nun schlägt die Stunde von Hauptmann Markus Breitling. Er ist der Chef der Feldjäger für diese Übung. Die Feldjäger sind die Militärpolizei der Bundeswehr. Sie müssen die Transporte der Panzer, Radfahrzeuge und Soldaten organisieren, überwachen und begleiten. „Eigentlich ist das ein ganz normaler Vorgang, an den die Menschen auch gewöhnt waren“, sagt er. Wie muss man sich verhalten, wenn man eine Kolonne mit blauen Fahnen auf der Straße antrifft? „Früher wurde das in der Fahrschule gelehrt“, sagt Hauptmann Breitling.

In den vergangenen Jahren seien solche öffentlichen Übungen allerdings selten geworden. Auch, weil die Bundeswehr andere Aufgaben hatte, etwa in Afghanistan. „Mit dem Fokus auf Landes- und Bündnisverteidigung werden solche Übungen wieder wichtig“, sagt Breitling, setzt Helm und Sonnenbrille auf und steigt in sein gepanzertes Fahrzeug.

Kolonne kommt ins Stocken

Vor ihm zeigt der Computer die Karte der Region. Theoretisch wäre es möglich, dort in Echtzeit die Bewegung aller Marschkolonnen in der Region abzubilden. Heute funktioniert es allerdings nicht. Die IT im Feldlager bei Freienhufen steht noch nicht.Zur Sicherheit hat Breitling hinten im Wagen eine Papierkarte.

Und auch auf der Straße hakt es. Wenige Meter hinter dem Güterbahnhof steht die Kolonne schon. Breitling steigt aus, kontrolliert, was vorgefallen ist. Bei einem Panzer hat sich eine Schraube in der Kette verfangen. „Respekt, dass der Fahrer das bemerkt hat, bevor es zu einem Schaden gekommen ist“, sagt Breitling. Er lässt den ersten Teil der Kolonne vorfahren, folgt nach kurzer Reparatur mit dem Rest.

Bundeswehr hat die gleichen Befugnisse wie Polizei

Mit 30 Stundenkilometern wird gefahren. So steht es im Marschbefehl. Maximal sind 40 km/h erlaubt, um Lücken zu schließen. „Fährt ein Fahrer nur für 5km/h zu schnell, kann das den ganzen Ablauf gefährden“, erläutert Stabsfeldwebel Holger Schmidt, der für die Pressearbeit der Brigade zuständig ist.

An einer Kreuzung werden die Fahrzeuge kurz langsamer. Ein Feldjäger stoppt die zivilen Fahrzeuge aus der anderen Richtung. „Wir haben die gleichen Befugnisse, wie die Polizei“, erläutert Hauptmann Breitling.

Soldaten beziehen Lager in Freienhufen

Nach einer Viertelstunde, ist es dann soweit. Die Kolonne verlässt die Straße und nähert sich ihrem ersten Ziel. Im Wald bei Freienhufen beziehen die Soldaten ein Lager. Im Ort werden sie aber zunächst von zahlreichen Anwohnern begrüßt, die sich das Spektakel im Klappstuhl mit einem Bier anschauen.

„Wir haben die Anwohnern vorher mit Flyern informiert“, erklärt Stabsfeldwebel Schmidt. Möglichst transparent soll das Manöver ablaufen, niemand sich Sorgen machen. Auch die Warnungen an die Verkehrsteilnehmer wurden im Vorfeld breit gestreut. Aus gutem Grund: Im Frühjahr hatte es bei einem ähnlichen Manöver einen schweren Unfall gegeben. Eine Frau war bei Krauschwitz mit ihrem Pkw an einer Kreuzung in eine Kolonne gefahren und mit einem Militärfahrzeug kollidiert.

Diesmal bleiben ähnliche Vorfälle aus. Die Panzer erreichen den Wald und werden von Einweisern einzeln in ihre vorgesehenen Verstecke mitten im Wald gelotst. Solle ein Feind aus der Luft angreifen, sind die Panzer der Bundeswehr für ihn kaum zu entdecken.

Für die Soldaten beginnt nun ein kurzer Moment der Ruhe. Über Nacht schlagen sie ihr Lager unter den Bäumen auf.

Behinderung im Großraum Großräschen und Weißwasser

Doch schon am Morgen geht es weiter. Gegen 3.30 Uhr will Hauptmann Breitling seine ersten Feldjäger aussenden. Sie sollen die Straßen bis zum Truppenübungsplatz erkunden, wo die Brigade am Nachmittag erwartet wird. Sobald die Lage klar und alle Verkehrswege gesichert sind, setzen sich die Panzer in Bewegung. Von 6.30 Uhr bis gegen 16 Uhr ist die Bewegung der Panzer geplant, immer in kleinen Kolonnen. Autofahrer sollten sich auf entsprechende Behinderung im Großraum zwischen Großräschen und Weißwasser einstellen.

„Wir versuchen, die Beeinträchtigungen für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten“, sagt Hauptmann Breitling. Für die Soldaten seien solche Übungen aber wichtig. „Und es ist ja nur ein einziger Tag im Jahr.“