• Nirgends ist die Corona-Inzidenz so hoch wie aktuell in Sachsen: Am 15.11. lag sie bei 754
  • Der Großteil der Patienten in den Kliniken sind Ungeimpfte, die Krankenhäuser drohen zu überlasten
  • Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KV) fordert jetzt die Ausrufung des Katastrophenalarms
  • Was würde das bedeuten?
  • Ministerpräsident Michael Kretschmer schließt einen Lockdown in Sachsen nicht mehr aus
Angesichts der rapide steigenden Zahl an Corona-Fällen rechnet die sächsische Sozialministerin Petra Köpping (SPD) in wenigen Tagen mit einer Überlastung des Gesundheitssystems in ihrem Bundesland. Sie gehe davon aus, dass Ende der Woche offiziell der Überlastungszustand ausgerufen wird, sagte die auch für Gesundheit zuständige Ministerin am Montag in Dresden bei der Vorstellung von Plänen zur Ausweitung der Impfkapazitäten.

Corona in Sachsen: Ärzte werden angefeindet

Der Präsident der sächsischen Landesärztekammer, Erick Bodendieck, beklagte zunehmende Übergriffe auf medizinisches Personal. Aggressionen gegen Ärzte seien „nicht mehr tolerierbar“. Sie würden dafür angefeindet, dass sie anderen helfen. Es könne nicht sein, dass Mediziner und Pflegepersonal als Mörder und Verbrecher beschimpft würden.
Der Ärztekammerpräsident äußerte sich besorgt über Maskenverweigerer in Arztpraxen: „Das geht so nicht.“ Die aktuelle Krise könne nur beendet werden, wenn jeder sich zurücknehme und überlege, wie er andere schützen könne.
Die Ministerin appellierte vor diesem Hintergrund an die Bevölkerung, sich um einen „fairen Umgang“ zu bemühen. Die derzeitige Krise könne nur gemeinsam überwunden werden. „Es hilft nicht, dass ich Menschen beschimpfe“, mahnte Köpping.
Derzeit liegt die Impfquote in Sachsen laut Sozialministerin bei 57 Prozent. Das sei „zu wenig“, sagte Köpping. Der jüngste Ansturm auf Impfangebote gehe vor allem auf Dritt-Impfungen zurück. Bei Erst- und Zweitimpfungen gebe es keinen nennenswerten Anstieg.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erwartet ein Andauern der vierten Corona-Welle bis Ostern und eine Rekordzahl an Toten. "Wir stehen erst am Anfang eines harten Winters: Die Welle, die wir vor uns haben, wird alle bisherigen Wellen in den Schatten stellen", sagte Kretschmer der "Bild am Sonntag". "Diese vierte Welle wird mehr Opfer, auch mehr Todesopfer, verlangen als alles, was wir bisher kannten."

Corona in Sachsen: Kretschmer fordert noch mehr Maßnahmen

Der sächsische Ministerpräsident verwies auf die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr. Dies habe gezeigt, es müsse bis Ostern durchgehalten werden. "Vorher wird diese Welle nicht zu Ende sein." Dennoch glaubt Kretschmer, dass ein Lockdown in der Weihnachtszeit derzeit noch zu verhindern sei. "Aber die Zeit läuft uns davon."
Als weitere Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie forderte Kretschmer, Kontakte zu reduzieren und größere Veranstaltungen wie Weihnachtsmärkte abzusagen. In seinem eigenen Bundesland drohte der CDU-Politiker Gastronomen, die sich nicht an die dort geltende 2G-Regel halten, mit Entzug ihrer Konzession. "Ein Gastronom, der sich nicht an Gesetze halten will oder kann, erfüllt nicht die Voraussetzungen für eine Konzession. Der muss seinen Laden zusperren."

Dresden

Die Lage in den Kliniken spitzt sich wegen der stark steigenden Zahl von Corona-Patienten deutlich zu. Die Kapazitäten auf den Intensivstationen sind teilweise fast ausgeschöpft, planbare andere Operationen werden verschoben, Patienten finden unter Umständen in ihrer Nähe keine freie Klinik mehr und werden in andere Städte ihres Bundeslandes gebracht. Vor allem im Süden und Osten bereiten sich Kliniken auf die Verlegung von Patienten auch in andere Bundesländer vor, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab.

Intensivstationen voll: Patienten müssen verlegt werden

Allerdings sind die Aufnahmemöglichkeiten anderer Länder ebenfalls begrenzt. Sachsen-Anhalt etwa kann zwar noch Kranke aus dem eigenen Land versorgen - aber: „Es sieht so aus, dass man keine Kapazität hat, Patienten aus anderen Bundesländern aufzunehmen“, sagte ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft.
Aus einem vertraulichen Bericht der Länder geht hervor, dass in Bayern und Baden-Württemberg bereits „täglich Verlegungen zwischen Krankenhäusern zum Ausgleich und zum Erhalt der Funktionsfähigkeit durchgeführt“ werden, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichten. „Im Norden gibt es noch Kapazitäten, im Süden sind sie praktisch aufgebraucht“, heißt es demnach im Bericht der länderübergreifenden Steuerungsgruppe des so genannten Kleeblattsystems zur Patientenverteilung bei regionaler Überlastung.
Die 16 Bundesländer sind in bundesweit fünf Gruppen (Kleeblätter) eingeteilt, die sich zunächst gegenseitig helfen sollen. Ist ein ganzes Kleeblatt überlastet, wird deutschlandweit verteilt.

KV Sachsen: Die Corona-Lage ist der „Worst-Case“

Laut einem Bericht des MDR hat der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, nun die Ausrufung des Katastrophenalarms in Sachsen gefordert. Es sei der „Worst Case“ in der Corona-Pandemie für Sachsen festgestellt worden. Weiter schreibt der MDR, dass die Prognosen zur Bettenauslastung erschreckend seien, weshalb der Eintritt einer Katastrophenlage unverzüglich festzustellen sei, so die Kassenärztliche Vereinigung. „Der anschließende Maßnahmenplan solle nach Ausrufen des Katastrophenalarms auch unter Beteiligung der Landesärztekammer zeitnah festgelegt werden,“ heißt es weiter.

Dresden

In Bayern wurde am Mittwoch, 10. November der Katastrophenfall ausgerufen. Im Freistaat ist die kritische Marke von 600 Covid-Patienten auf Intensivstationen überschritten worden, sodass Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zu diesem Schritt gegangen ist.

Katastrophenalarm in Sachsen: Was bedeutet das?

Das sächsische Gesetz zum Katastrophenschutz definiert eine Katastrophe wie folgt: „Katastrophe im Sinne dieses Gesetzes ist ein Geschehen, welches das Leben, die Gesundheit, die Versorgung zahlreicher Menschen mit lebensnotwendigen Gütern und Leistungen, die Umwelt oder erhebliche Sachwerte in so außergewöhnlichem Maße gefährdet oder schädigt, dass Hilfe und Schutz wirksam nur gewährt werden können, wenn die zuständigen Behörden und Dienststellen, Organisationen und eingesetzten Kräfte unter der einheitlichen Leitung einer Katastrophenschutzbehörde zusammenwirken.“ Bei Ausrufen einer Katastrophe können Katastrophenbehörden die Situation besser koordnieren, Entscheidungen werden gebündelt. Zudem sind diese Behörden im Fall einer Katastrophe Weisungsbefugt und können Maßnahmen anordnen.

Lockdown in Sachsen: Kretschmer schließt Shutdown nicht aus

Angesichts massiv steigender Corona-Infektionszahlen schließt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) auch einen neuerlichen Lockdown nicht mehr aus. Die 2G-Regel werde im Kampf gegen die aktuelle Corona-Welle nicht reichen, sagte er am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“. „Wir müssen weitere Instrumente dazusetzen.“
Dazu gehöre etwa die geplante Wiedereinführung kostenloser Bürgertests für alle. Zudem müssten Arbeitgeber den Impfstatus von Beschäftigten abfragen und Tests anweisen können. Auch Kontaktbegrenzungen halte er für notwendig. Andernfalls könne die jetzige Situation in einer „humanitären Katastrophe“ enden.

Corona in Sachsen: Landkreise und Gemeinden überfordert

Während die Pandemie immer schlimmer wird, kommen die Behörden der Kontaktnachverfolgung immer weniger nach. So ist beispielsweise im Landkreis Zwickau eine lückenlose Kontaktnachverfolgung nicht mehr möglich. „Wir können nicht mehr jeden Kontakt anrufen. Wir konzentrieren uns auf Einrichtungen wie Pflegeheime und Schulen sowie Familienangehörige“, sagte Landrat Christoph Scheurer (CDU) am Donnerstag. Wer mit einer später positiv getesteten Person Kontakt hatte, erfährt dies in der Regel nicht mehr vom Gesundheitsamt, sondern vom Betroffenen selbst oder über die Corona-Warn-App. Zuvor hatte die „Freie Presse“ darüber berichtet.
Derzeit sind nach Angaben des Landratsamtes im bereits aufgestockten Gesundheitsamt 120 Mitarbeiter dauerhaft mit der Kontaktverfolgung beschäftigt und weitere 25 zeitweise. In der zweiten Corona-Welle vor etwa einem Jahr waren es insgesamt etwa 200. Laut Landrat Scheuer hatten im Vorjahr Landesbedienstete ausgeholfen. Ein neuerliches Hilfeersuchen sei aber abgelehnt worden. Seit einigen Tagen wird das Gesundheitsamt zwar von 20 Bundeswehrsoldaten unterstützt, im vergangenen Winter waren es aber bis zu 40.
In Leipzig dauert es derzeit bis zu vier Tage, ehe ein Quarantäne-Bescheid die Betroffenen erreicht, zuvor waren es zwei Tage, wie die Stadt am Donnerstag mitteilte. Rund 80 Prozent der Mitarbeitenden im Gesundheitsamt arbeiten an Aufgaben im Zusammenhang mit Corona. Es wurden Arbeitsgruppen für die Bereiche Hygienekonzepte, Schule, Kita, Hort, medizinische und Erstaufnahmeeinrichtungen, Reiserückkehrer und Teststellen gebildet. Den größten Teil bildet jedoch das Ermittlungsteam, welches die Kontaktpersonennachverfolgung bearbeitet. Auch aus anderen städtischen Ämtern wurde Personal abgezogen, zudem unterstützen zehn Soldatinnen und Soldaten die Arbeit.
Auch in der Landeshauptstadt Dresden ist eine Kontaktaufnahme nur mit mehreren Tagen Verzögerung möglich, wie die Stadt mitteilte. Im Schnitt werden bis zu 60 Personen im Gesundheitsamt im Bereich Corona eingesetzt. Hinzu kommen 108 Beschäftigte aus anderen Bereichen der Stadtverwaltung und externe Mitarbeiter. Außerdem wurde bei der Bundeswehr um Unterstützung gebeten. Hierzu laufen derzeit Gespräche, hieß es weiter.

Corona Verordnung Sachsen: Vorwarnstufe greift

Aktuell gilt laut sächsischer Landesverordnung die Vorwarnstufe. Zudem hat das Land flächendeckend die 2G-Regel beschlossen, sodass Ungeimpfte von vielen Bereichen das öffentlichen Lebens ausgeschlossen sind. Die aktuelle Verordnung lest ihr hier nach:

Lockdown in Sachsen: Viele Ungeimpfte im Krankenhaus

Der Leipziger Mediziner Christoph Josten hat die Bevölkerung in Sachsen zu einem freiwilligen Lockdown aufgerufen. „Es hilft weiterhin, die sozialen Kontakte auf das familiär Notwendige zu beschränken, Abstand zu halten, Maske zu tragen und – ganz wichtig – sich impfen zu lassen, durch Grundimmunisierung oder Boosterung“, sagte er am Donnerstag im Interview der „Leipziger Volkszeitung“. Josten, Medizinischer Vorstand des Leipziger Universitätsklinikums, hatte schon Anfang November vor einer „Tsunami-Welle“ an Infektionen gewarnt. Inzwischen liegt die täglich in Sachsen gemeldete Zahl an Neuinfektionen bei mehr als 6000.
Aufgrund der hohen Belastung hat das Uniklinikum Leipzig inzwischen seine Leistungen reduziert. Planbare Operationen werden verschoben, Ambulanz-Sprechstunden fallen aus. Laut Josten sind auf seiner Intensivstation 75 Prozent ungeimpft, auf der Normalstation 65 Prozent geimpft. „Die allermeisten Geimpften, die sich mit einer Infektion auf der ITS befinden, haben eine schwere Begleit- oder ganz andere Grunderkrankung. Mit Blick auf die relativ hohe Quote Geimpfter auf der Normalstation ist festzuhalten: Die einen haben entweder ebenfalls andere erhebliche Erkrankungen. Und die anderen sind zwar positiv getestet, aber nicht an Covid erkrankt, und liegen nicht wegen Corona bei uns im Klinikum. Sie zählen aber für die Statistik.“ Die Impfung bleibe der beste Schutz. „Wer doch erkrankt, hat einen deutlich milderen Verlauf. Und die Ansteckungsgefahr für andere wird erheblich reduziert.“
Nach einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ vom Donnerstag sind 85 bis 90 Prozent der Corona-Patienten auf Intensivstationen sächsischer Krankenhäuser ungeimpft. Die jüngsten Erkrankten seien zwischen 30 und 40 Jahre alt, die ältesten über 80. „Grund sind schwere Formen von Lungenversagen, zusammen mit Störungen der Blutgerinnung sowie Leber- und Nierenversagen. 26 von 71 Kliniken geben zudem an, keine Intensivpatienten mehr aufnehmen zu können. Auf den Normalstationen sind etwa 70 Prozent der Patienten ungeimpft, hieß es.
Laut einem Bericht des MDR hat sich der Oberbürgermeister von Leipzig mit einem dringenden Appell auf Facebook an die Bürgerinnen und Bürger gewendet. „Bitte lassen Sie sich, lasst Euch impfen oder boostern! [...] Die Lage ist wirklich dramatisch. Wir alle - ja auch ich - haben gehörig die Nase voll. Ja auch mir reicht es mit Covid-19. Viel lieber würde ich meine Zeit für Zukunftsprojekte unserer Stadt nutzen, anstatt Krisenstäbe zu leiten. Aber das ist dem Virus egal! Nur wir alle gemeinsam und jeder für sich können etwas an der sehr ernsten Situation ändern,“ schrieb Bürgermeister Burkhard Jung laut MDR. Die Stadt und das Land seien „auf einem sehr schlechten Weg“, so Jung.