In wenigen Minuten startet der Live-Stream. Matthias Heine vom Piccolo Theater Cottbus hat den Organisator-Hut auf und den Plan in der Hand: Thomas Mann, Erich Kästner, Nelly Sachs, Else Lasker Schüler - Werke dieser und vieler anderer Autoren werden von mehr als 20 Künstlern aus Cottbus vortragen. Wo? Im Glad House. Ohne Publikum, dafür im Livestream auf YouTube. „Mit dieser szenischen Lesung gedenken wir Autoren, deren Werke 1933 im Feuer landeten“, sagt Matthias Heine. „Holt die Bücher aus dem Feuer“, so der Titel der Veranstaltung, die nicht zum ersten Mal stattfindet. Und doch ist 2020 alles anders: „Wir können kein Publikum empfangen, alle Clubs und Einrichtungen liegen brach. Um die zu unterstützen, haben wir die Lesung etwas größer aufgezogen und bekannte Künstler eingeladen“, erklärt Heine im Backstage-Raum. Kai Börner vom Staatstheater Cottbus ist dabei, genau wie Momo und Kai-Uwe Kohlschmidt. Just in diesem Moment kommt Schauspieler Urs Rechn dazu, der mit der ungarischen Produktion „Son of Saul“ bereits einen Oscar abgeräumt hat (2016 in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“). „Mich verbindet meine Kindheit mit der Stadt und ich bin gerne hier und unterstütze solche Veranstaltungen.“ Gleich wird Urs Rechn Wolfgang Borcherts „Die Kegelbahn“ vorlesen. „Wir gedenken Schriftstellern, die damals auch zu Opfern wurden. In den Zeiten, in denen wir jetzt gerade leben, gibt es schon eine gewisse Gefahr. An solche Sachen zu erinnern, ist ständig nötig. Dafür bin ich hier.“

Youtube Oscar-Preisträger Urs Rechn über Gedenken an die Bücherverbrennung 1933

Lesung ist Zusammenschluss der Cottbuser Kulturszene

Während sich der Backstage-Bereich weiter füllt, läuft Philipp Gärtner mit schweren Kisten von A nach B. Der Scandale-Chef und Mitbegründer der Club Kommission Cottbus hat gute Laune. „Wir haben die 20.000 Euro-Marke geknackt“, sagt der 38-Jährige. Er spricht vom eingesammelten Geld einer Crowdfunding-Aktion, die der Cottbuser Kulturszene in den Zeiten des Shutdown zugute kommt. Vor einigen Wochen haben sich Künstler der Stadt zusammengeschlossen und zur Spende aufgerufen. Mit Erfolg. Auch diese Lesung hat Gärtner gemeinsam mit Club Kommission, Piccolo Theater, der Bücherei Sandow und dem Glad House-Team geplant. „Wir haben es innerhalb kürzester Zeit geschafft, eine Top-Besetzung zu organisieren“, so Gärtner. Auch in musikalischer Hinsicht: Zwischen den Lesungen kommt Swing auf die Bühne. Schlagzeuger Christoph Böhm und seine Kollegen präsentieren Songs wie „Seeräuberjenny“ und „Wann?“ von Rio Reiser. Schließlich soll es keine düstere Veranstaltung sein, sagt Matthias Heine. Dennoch: „Auf Schickimicki haben wir bewusst verzichtet. Es ist ein sensibles Thema.“ Er verweist auf das Zitat von Heinrich Heine: „Wo Bücher brennen, werden bald auch Menschen brennen.“ Worte, die sich traurigerweise bewahrheitet haben. „Damit das nicht mehr vorkommt und die Menschheit nicht wieder in eine solche Situation stürzt, machen wir diese Lesung“, sagt der Piccolo-Vize-Chef. Der Ort sei passend, nicht zuletzt, weil das Glad House erst kürzlich von der AfD angegriffen wurde. „Das kennen wir schon vom Piccolo Theater und auch die Kulturfabrik in Hoyerswerda hat das schon erlebt“, so Heine.

Youtube Szenische Lesung Cottbus

Glad House plant neue Varianten

Auch Glad-House-Chefin Hendrikje Eger ist vor Ort, erfreut über das Engagement der Teilnehmer. Seit dem 16. März sind Glad House und Obenkino dicht. „Wir müssen noch durchhalten. Wie lange, das wissen wir heute noch nicht.“ Untätig ist das Team trotzdem nicht. „Wir planen natürlich stetig und überlegen, welche Varianten denkbar sind“, sagt Hendrikje Eger. Ob Live-Stream, Gutscheine oder Literaturwerkstatt im kleinen Rahmen: „Wir schauen schon drauf, aber wir brauchen auch Partner und müssen sehen, wie wir die Einnahmeausfälle ausgleichen können.“

Hohe Reichweite dank Live-Stream

Punkt 19 Uhr startet der Live-Stream. In angemessenen Abstand sitzen die Künstler vor der Bühne. Sänger Mario Heß eröffnet die Lesung mit „Mein blaues Klavier“ von Else Lasker Schüler. Piccolo-Chef Reinhard Drogla liest im Anschluss Thomas Manns „Deutsche Hörer“. Knapp eine Stunde wechseln sich die Künstler vor und auf der Bühne ab. Der Stream läuft. Und so erreichen die Künstler mit ihrem Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 am Ende weitaus mehr Menschen als je ins Glad House passen würden.

Hier gibt es die gesamte szenische Lesung zu sehen:

Youtube „Holt die Bücher aus dem Feuer“

Cottbuser Künstler lesen "verbrannte Werke"

Szenische Lesung Cottbuser Künstler lesen „verbrannte Werke“