Einmal wöchentlich an „Jennys Fitwoch“ gibt die Cottbuserin Jennifer Bieling Tipps für einen gesunden Lebensstil.
In dieser Folge teilt Jennifer Bieling ihre persönlichen Erfahrungen mit gestörtem Essverhalten und zeigt Wege auf, die ihr selbst geholfen haben.

Mein Weg raus aus der Essstörung

Vor sieben Jahren habe ich mich erstmals in einem Fitnessstudio angemeldet und beschlossen, meine Ernährung umzustellen. Das Ziel: fitter werden und Gewicht verlieren. Meine Erfolge habe ich von Beginn an auf Instagram dokumentiert.
Mein Ziel entwickelte sich schnell in ein zu großes Extrem: Fitnessstudio, Lauftraining, viel zu wenig Essen. Die Folgen: Ängste gegenüber diversen Lebensmitteln. Ich verzichtete komplett auf Zucker, trank keinen Tropfen Alkohol und verzichtete insgesamt auf fettige Mahlzeiten. Ein spontaner Besuch mit Freunden, beim Italiener oder das Mittagessen bei der Oma kamen nicht mehr infrage. Ich erfand Ausreden, weshalb ich keine Zeit habe. Der Kontrollzwang und der Druck, den ich mir selbst machte, bestimmten plötzlich mein gesamtes Leben.
Jennifer Bielings Weg in Bildern: 2013 (l.) hat sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Sie war wenig aktiv und aß viel Fast Food. 2018 war sie in ihren Zwängen gefangen. Jenny joggte fast jeden Tag zehn Kilometer und zählte jede Kalorie. Heute (r.) treibt sie viel Kraftsport und ernährt sich ausgewogen.
Jennifer Bielings Weg in Bildern: 2013 (l.) hat sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Sie war wenig aktiv und aß viel Fast Food. 2018 war sie in ihren Zwängen gefangen. Jenny joggte fast jeden Tag zehn Kilometer und zählte jede Kalorie. Heute (r.) treibt sie viel Kraftsport und ernährt sich ausgewogen.
© Foto: Bieling

Aus Fitness-Zielen wurden Essstörungen

Mittlerweile sah ich alles andere als gesund und fit aus. Meine Familie machte sich Sorgen. Die Worte meiner Eltern öffneten mir die Augen und ich beschloss, ein weniger zwanghaftes Verhältnis zum Sport und zur Ernährung aufzubauen. Weg mit der Fitnessuhr, weniger exzessive Sporteinheiten, kein extremes Verbot mehr und lernen, was es wirklich bedeutet, auf den eigenen Körper zu hören.
„Wann habe ich Hunger?“, „Wann bin ich wirklich satt?“, „Wann brauche ich eine Pause?“, „Wann fühle ich mich schlapp und ausgelaugt und bleibe einfach mal auf der Couch liegen?“ Was für viele normal klingt, war für mich eine Herausforderung. Mit der Zeit lernte ich, was es eigentlich bedeutet, dem Körper etwas Gutes zu tun und nicht gegen ihn, sondern mit ihm zu arbeiten.

Hilfe für Menschen mit Essstörungen

Nun möchte ich den nächsten Schritt gehen und meinen Weg an dieser Stelle nicht nur teilen, sondern auch Lösungsansätze anbieten. Was hat mir persönlich geholfen? Ein gestörtes Essverhalten darf niemals unterschätzt werden.
Youtube

Youtube Essstörungen: Anzeichen und Hilfe

Wie entsteht eine Essstörung?

Anfangs war es so, dass ich lediglich das Ziel hatte, an Gewicht zu verlieren und meinen Körper zu formen - ohne konkret ein Vorbild zu haben. Nach den anfänglichen Erfolgen wurde das Streben danach, noch dünner und schlanker auszusehen, immer größer. Irgendwann hatte es oberste Priorität, alles andere erschien unwichtig. Ich suchte mir auch einige Vorbilder, meist Frauen, die unglaublich zierlich und dennoch gleichzeitig durchtrainiert aussahen. Ich recherchierte, wie sie das geschafft haben. Mein Tag bestand letztlich fast nur noch daraus, scheinbaren Körperidealen nachzueifern. Doch das ist so falsch! Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen, andere Gene, andere Möglichkeiten - und es gilt genau das zu erkennen.

Alarmsignale für Essstörungen deuten und rechtzeitig erkennen

Die ersten Anzeichen, die auf eine Essstörung (ES) hindeuten, sind bei den meisten gleich. Jedes noch so kleine Körnchen und Salatblatt wird abgewogen, zum Anbraten wird nur noch Wasser verwendet, Portionen werden entweder immer kleiner oder mit mehr und mehr Gemüse „gestreckt“, so dass Kalorien auch hier eingespart werden. Optisch werden im zweiten Falle die Portionen zwar nicht kleiner, jedoch geht es bei der Taktik „Volumenfood“ darum, Portionen größer aussehen zu lassen, jedoch mit Lebensmitteln zu füllen, die auf 100 Gramm beinahe null Kalorien haben (zum Beispiel Eisbergsalat und Gurken). Bei mir war es damals ganz genauso. Außerdem können extreme Fressanfälle ein Anzeichen für Unterernährung sein. Irgendwann holt sich der Körper, was er benötigt. Wenn wir ihm zu lange zu wenig Energie zur Verfügung stellen, holt er sich irgendwann alles auf einmal!

Schluss mit dem Kalorienzählen

Oftmals klammern sich Menschen mit einer ES an viele Zahlen und überwachen sich selbst, indem jeder Schritt und jede Kalorie gezählt wird: Ein Tag, an dem weniger als 10.000 Schritte angezeigt werden, ist ein schlechter Tag - deshalb geht es noch einmal für eine Stunde nach draußen, so die Denkweise. Bewegung ist wirklich etwas Tolles, sollte aber nicht als Waffe gegen sich selbst eingesetzt werden.
Auch sämtliche Apps zum Kalorien zählen können das Verhältnis für ein gestörtes Essverhalten verstärken. Der enorme Drang, alles schwarz auf weiß in Zahlen sehen zu können, wird zunehmend stärker. Ich rate daher dazu, diverse Apps und Uhren/Fitnesstracker zu meiden. Dieser Schritt allein kann schon unglaublich hilfreich sein, um nicht gegen, sondern mit dem Körper zu arbeiten.

Essgestörte sollten sich Bezugspersonen anvertrauen

Falls die ersten Merkmale bekannt sind und zutreffen, lautet das oberste Gebot: Vertrauen. Es ist enorm wichtig, Hilfe anzunehmen oder sich selbst aktiv Hilfe zu suchen. Es muss nicht zwingend gleich professionelle Hilfe sein. Personen mit einer ES benötigen besonders das Vertrauen und die nötige Unterstützung von engen Bezugspersonen. Und diese sollten mit den Informationen auch wirklich vertraulich und respektvoll umgehen. Da die nötige Einsicht aber oftmals fehlt, ist es für Angehörige wirklich wichtig, immer wieder die Hilfe anzubieten und Fragen zu stellen. Angehörige sollten aufklärende Gespräche über Krankheitsbilder oder Vorwürfe unbedingt vermeiden, Stattdessen sind emphatische und offene Gespräche gefragt. Jeder möchte sich doch Verstanden und akzeptiert fühlen - dieses Gefühl gilt es zwingend zu vermitteln. Lieber einmal zu oft statt einmal zu wenig nachfragen, ob es dem Gegenüber auch wirklich gut geht.

Es gibt keine schlechten Lebensmittel

Die wichtigste Sache, die Menschen mit einer ES wieder lernen müssen, ist der gesunde Umgang mit Lebensmitteln. Es gilt zu verstehen, dass prinzipiell kein Lebensmittel schlecht ist, denn es kommt immer auf die Menge an. Spaß und Freude an einem gesunden Lebensstil sind wichtig. Manche Menschen lieben Blattgemüse und Spinat, andere nicht. Jeder is(s)t anders. Und das ist völlig in Ordnung. Auch Schokoriegel und Kekse können und dürfen sogar mit in den Alltag integriert werden.

Hilfe für Betroffene von Essstörungen

Essstörungen sind ernsthafte Erkrankungen, die unbedingt behandelt werden müssen. Vor allem der Umgang mit dem Essen und das Verhältnis zum eigenen Körper sind dabei gestört. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellt ein Online-Portal mit Beratungsangeboten zur Verfügung. Dort gibt es Adressen von Beratungsstellen für Essstörungen in ganz Deutschland. Die Datenbank wurde in Zusammenarbeit mit dem Bundesfachverband Essstörungen e.V. überarbeitet und wird ständig aktualisiert.

Das ist Jennifer Bieling

Jennifer Bieling (geb. Berg) ist 27 Jahre jung, geboren in Lübben im Spreewald. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Gordon wohnt sie in Cottbus.

Die staatlich anerkannte Erzieherin arbeitet in einem Kindergarten. Sport war schon immer ihre große Leidenschaft. Vor sechs Jahren meldete sich Jennifer erstmals in einem Fitnessstudio an und beschloss, ihre Ernährung umzustellen.

Ihr Ziel: fitter werden und Gewicht verlieren. Ihre Erfolge dokumentierte die 27-Jährige auf Instagram. Mittlerweile folgen ihr auf der Online-Plattform mehr als 100 000 Menschen.