Für zwei Stunden wirkt es so, als wäre das Tempo aus ihrem Alltag entwichen. Vier Gäste sprechen beim Bürgerdialog in der Cottbuser Oberkirche darüber, was das Ende der DDR und die Jahrzehnte danach für sie bedeuten.

Viele Plätze in der Kirche bleiben jedoch leer. So sagt der Moderator des Abends, Pfarrer Uwe Weise: „Ich weiß nicht, ob es uns zu denken geben soll, dass wir heute etwas mehr Platz haben als vor 30 Jahren, als es hier voller war.“

Im Bus nach Altdöbern

Zu den Gästen zählt Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU). Er erinnert sich, dass er in der Nacht des Mauerfalls in einem Bus von Lübbenau nach Altdöbern saß, auf dem Weg zurück von der Volkshochschule, wo er sein Abitur nachholte. „Im Bus wurde es auf einmal ganz still, als der Fahrer das Radio lauter stellte.“ Im Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre sagt Holger Kelch: „Was wir gewonnen haben, ist Freiheit.“ Sie müsse jedoch jeden Tag verteidigt werden, was zugleich mit Verantwortung einhergehe. „Den Dialog zu pflegen, das gilt es zu bewahren.“

Eben dieser Dialog scheint jedoch inzwischen wie einst an Grenzen zu stoßen: Das befürchten Besucher wie der Fotograf Rainer Weisflog. Er fragt: „Was können wir aus den Fehlern der alten DDR lernen, in der nicht auf die Stimmen der Menschen gehört wurde?“ Heute gebe es eine Tendenz zum Populismus, die ihn sehr sorge. „Ich sehe das Problem, dass wir hier in Cottbus uns immer weiter von der Landeshauptstadt Potsdam entfremden.“

Der Oberbürgermeister räumt ein: „Das treibt mich auch um.“ Er versuche schon, Leute wachzurütteln, ob sie in Berlin sitzen, in Potsdam oder in Brüssel. „Aber ich will ja auch nicht als Nörgler gelten“, sagt Holger Kelch. Ein „richtiges Rezept“ kenne er nicht. „Die einzige Möglichkeit ist es, sich mit Taten zu beweisen und zu zeigen, uns kriegt ihr nicht so schnell untergebuttert.“

Gestörte Kommunikation

Zu den Gästen auf der Bühne gehört auch Christoph Polster, bis zum Jahr 2015 der Pfarrer der Oberkirche. „In der DDR war die Kommunikation mit dem Volk gestört, heute ist es die Kommunikation im Volk“, sagt er. „Es bedarf einer gewissen Fantasie und Kreativität, das zu überwinden.“ So möge jeder Besucher selbst überprüfen, wie er sich in sozialen Netzwerken verhält, ob er nur in seiner Filterblase verharrt oder doch daraus ausbricht.

Im Publikum meldet sich der AfD-Stadtverordnete Andy Schöngarth. Ihm erscheine es oft so, dass sich Menschen die Teilung zurückwünschten, über deren Ende sie vor 30 Jahren froh gewesen seien. „Heute hat man nicht mehr diese Meinungsfreiheit“, sagt er.

Darauf antwortet einer der Podiumsgäste, der Stadtverordneten-Vorsteher Reinhard Drogla, Sozialdemokrat und Leiter des Piccolo-Theaters. „Lieber Andy Schöngarth“, sagt er. „Dass du das sagen konntest, zeigt doch, dass wir diese Meinungsfreiheit haben.“

Kurz hält Reinhard Drogla inne. „Wir müssen aufhören, mit Feindbildern zu arbeiten, und erfahren, dass wir als Menschen gleich sind“, fügt er hinzu. „Niemand anders wird uns unser Glück auf dieser Erde bescheren als wir selbst.“ Die da oben gebe es sowieso nicht. Vielmehr handele es sich auch nur um Menschen, die versuchen, ihren Job zu machen, und dabei mitunter Fehler begehen, „die folgenreicher sind als unsere“.

Nichts bleibt für immer

Eine Professorin von der Universität in Zielona Gora sitzt ebenfalls auf der kleinen Bühne. Barbara Krzeszewska-Zmyslony schrieb einst ihre Magisterarbeit über „Das Bild des geteilten Deutschlands in der Prosa von Uwe Johnson“. Nun sagt sie: „Nichts ist einem für immer gegeben. Ich hoffe, dass wir in der aktuellen Situation nicht verlieren, was wir uns erkämpft haben.“