Staatstheater Cottbus: Verhaltener Beifall für Heimattrilogie „Ich mach ein Lied aus Stille“

Die Heimattrilogie „Ich mach ein Lied aus Stille“ ist seit 2. Dezember 2023 am Staatstheater Cottbus zu sehen.
Bernd SchönbergerEs ist ein poetischer Titel, der über dieser vierstündigen Heimat-Trilogie am Staatstheater Cottbus steht. Co-Schauspieldirektor und Hausregisseur Armin Petras hat ihn sich bei Eva Strittmatter geborgt, der wohl feinsinnigsten Dichterin der DDR: „Ich mach ein Lied aus Stille“ nennt er den dreiteiligen Theaterabend. Hält der Titel, was er verspricht?
Keine andere hat für die Wurzelsuche der Menschen eine schönere Sprache gefunden. In der schlichten Poesie von Eva Strittmatter, der nichts Elitäres anhaftet, schwingt eine große Sehnsucht und Lebensklugheit mit – und auch eine leise, zerbrechliche Melodie. „Ich mach ein Lied aus Stille“ – Die junge Schauspielerin und Musikerin Juli Niemann, neu im Ensemble, hat es wörtlich genommen. Und so beginnt der erste Teil des Abends mit zarten Songs, deren Worten man gern nachsinnen möchte. „Meine Seele ist wie ein Mauersegler...“ Schade, dass das Lyrische flugs unterbrochen wird durch poppige, auch lärmende Töne.
Erstaunliche sängerische Talente
Die Schauspieler aber offenbaren jede und jeder auf ganz eigene Weise erstaunliche sängerische Talente. Sie bedienen sich nicht nur aus der Konserve, sondern begleiten sich sogar selbst an Klavier, Akkordeon, Saxofon und mit der Ukulele.
Die Idee eines musikalischen Zeitlifts, der am Geschmack verschiedener Generationen andockt, wirkt zwar befremdend, aber durchaus interessant. Wenn im Takt geklatscht wird, das Verständnis leidet, aber finden die berührenden Gedichtzeilen mit großformatigen DDR-Kunstwerken im Rücken keinen Ast zum Landen.

Der Titel der Heimattrilogie ist von Eva Strittmatter geborgt – der wohl feinsinnigsten Dichterin der DDR.
Bernd SchönbergerIm zweiten Teil wird Erwin Strittmatters „Ole Bienkopp“ zur Vorlage
Strittmatter-Sprache ist es auch, die den Zuschauer einfängt, als sich der eiserne Vorhang zum zweiten Teil des Abends hebt. Nun liefert Eva Strittmatters Mann Erwin Strittmatter, der ihr das Leben nicht immer leicht machte, die literarische Vorlage. 1963 schuf er mit „Ole Bienkopp“ ein Werk, das in der jungen DDR heiß diskutiert wurde, archaisch wirkt und doch Urfragen der Menschen berührt.
Keinen Krieg mehr und Gerechtigkeit. So tönt es im Chor einer Dorfgemeinschaft irgendwo im Brandenburgischen. Eine sich drehende schräge Rampe aus (verkohlten?) Bäumen symbolisiert die „Dürre Zone“, auf der die Menschen versuchen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Denn mit der neuen Gleichheit bildet sich neue Ungleichheit aus.

Kai Börner als Ole Bienkopp: das Stück von Erwin Strittmatter ist eine der Vorlagen für die Heimmattrilogie
Bernd SchönbergerDie Menschen, bewaffnet mit Forken, Sensen und Mistgabeln, verbergen ihre Namen auf dem Rücken. Sie sind nicht immer eins mit dem gegen bürokratische Windmühlen kämpfenden Ole, eindringlich gespielt von Kai Börner. Hier erscheint keine einzige graue Masse. Nicht nur die kleinen Details der Kostüme von Annette Riedel machen die Landleute aus Kriegsheimkehrern, Altbauern, Säufern, Funktionären, Umsiedlern und Übriggebliebenen unterscheidbar. Vor allem ist es das facettenreiche Spiel des gesamten Ensembles, das Armin Petras hier agieren lässt.
Bemerkenswert ist die Choreografie von Berit Jentzsch
Strittmatters hintergründiger Humor erleichtert noch immer den Zugang. Bienenkopp verspricht „blühende Landschaften“ und ein Leben mit Milch und Honig. Lange vor der Zwangskollektivierung auf dem Lande verwirklicht er hinter dem Rücken der Partei eine Idee. Damit es den kleinen Bauern besser geht, gründet er eine LPG „Blühendes Feld“. Dafür wird er von der Partei verstoßen. Und dann auch noch von Frau und Freunden. Der umtriebige Ole aber versucht sich immer wieder aufzurappeln. Und mit ihm der noch heute gültige Anspruch, auch gegen verordnete, uniformierte Gedanken für seine eigenen Überzeugungen einzustehen.
In antiker Wucht wird das Bühnengeschehen von einem dampfenden Sprechchor ganz in Einar-Schleef-Manier in Bewegung gehalten. Apropos Bewegung. Bemerkenswert ist auch die Choreografie von Berit Jentzsch, die das Schauspiel teilweise zu einem bewegenden, dramatischen Tanz ausufern lässt. Und immer wieder fällt der Satz, der Ole zu einem archaischen Helden macht: Die Erde reist durch den Weltenraum, und wir reisen mit. Der Stoff hätte einen ganzen Theaterabend füllen können.
Vielschichtige, ja widersprüchliche Bilder von Heimatgefühl
Hat er aber nicht. Co-Schauspieldirektor Armin Petras setzt noch einen dritten Teil drauf. Selbst mehrfach hin- und hergewandert zwischen Ost und West vermengt er vielschichtige, ja widersprüchliche Bilder des Heimatgefühls von früher und heute mit unterschiedlichen theatralen Mitteln. So lässt Bühnenbildner Julian Marbach die halbkreisförmige aufsteigende Rampe auf der Drehbühne verschwinden.

Auch eine Live-Kamera kommt in „Ich mach ein Lied aus Stille“ zum Einsatz: Juli Niemann (v.l.n.r.), Markus Paul und Rafael Ossami Saidy
Bernd SchönbergerJetzt wird erzählt wie im Film. Im Fokus der Live-Kamera, die Rafael Ossami Saidy lenkt, steht im dritten Teil der Heimat-Trilogie eine namenlose Frau. Von Mann und Tochter getrennt verlässt sie eine Stadt im Westen, um irgendwo auf dem brandenburgischen Land nach Wurzeln zu graben, wohl auch aus der Kiste zu kommen.
„Daheim“ von Judith Hermann dient ebenfalls als Vorlage
Basierend auf dem Gegenwartsroman „Daheim“ von Judith Hermann, der 2021 für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, wird hier die Verlorenheit von Menschen in der Gegenwart durchaus spürbar. Zumal die Kamera dicht herangeht, und jede Gefühlsregung so mehrdimensional abgebildet wird. Wer den Roman nicht gelesen hat, wird dennoch etwas verwirrt sein. Sicher wäre hier eine Fokussierung auf die Hauptfigur hilfreich gewesen. Eine Lösung, wie man das beklemmende Gefühl der Heimatlosigkeit loswerden kann, bietet die Uraufführung nicht. Und doch beginnt man zu ahnen, wie es ist, eine Haut zu verlieren und eine neue zu bilden. Das kostet Kraft.
Kraft fordert auch dieser lange Heimatabend. Nach vier Stunden ist der Beifall verhalten. Obwohl das ganze Schauspielensemble mit großer Leidenschaft und Ausdrucksstärke auf der Bühne agiert, wird die Suche nach Wurzeln zu einem Theatermarathon, bei dem manch Zuschauer die Puste ausgeht.
Dem Stück fehlt es zwischendurch an Höhepunkt
Ein paar Straffungen im Mittelteil und vor allem am Ende hätten das Durchhaltevermögen stärken können. Vor allen Dingen fehlt es an Erfrischungen zwischendurch, an Höhepunkten, die die Aufmerksamkeit immer wieder neu fesseln. Wie schon in der Premiere ist das Große Haus kaum zur Hälfte gefüllt, leeren sich nach der ersten und zweiten Pause die Plätze. Wenn auch andere Zuschauer dafür zusammenrücken: Daheim haben sich an diesem Heimatabend im Staatstheater wohl zu wenige gefühlt. Was wohl kaum allein an dieser Inszenierung liegt.
Denn so ein durchaus auch kraftspendender Marathon birgt angelehnt an großartige Literatur viel Potenzial. In vier Stunden hätte er sogar das Zeug zu einem Theaterfest, das den Menschen aus dem Herzen spricht, nicht mit Anmut sparet noch mit Lachen, einander ins Gespräch bringt. So eine Art Ermutigung am Zonenrand könnte man gerade jetzt wieder dringend gebrauchen.
„Ich mach ein Lied aus Stille“ (Vorstellungen)
Karten für die nächsten Vorstellungen am 28. Dezember 2023, 19.30 Uhr, und 14. Januar 2024, 19 Uhr sind erhältlich im Besucherservice (im Großen Haus, Schillerplatz 1, +49 355 7824 242), an der Abendkasse sowie online über www.staatstheater-cottbus.de


