Kinderoper in Cottbus: Die Bremer Stadtmusikanten – was das Staatstheater aus dem Märchen macht

„Die Bremer Stadtmusikanten“ am Staatstheater Cottbus. Kinderoper in zwei Akten von Attila Kadri Sendil nach dem Märchen der Brüder Grimm. Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Sarah Hayashi (Hahn), Rahel Brede (Katze), Dirk Kleinke (Hund) und Nils Stäfe (Esel)
Bernd SchönbergerDas sind nicht die Bremer Stadtmusikanten wie sie im Buche der Brüder Grimm stehen. Und doch sind sie in ihrer Sehnsucht nach Heimat und Freiheit schnell wiederzuerkennen.
Die Ausgestoßenen, die ihr Glück in Bremen suchen, kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Der Esel (Nils Stäfe) wurde von einem türkischen Theaterdirektor (Ulrich Schneider) hinausgeworfen. Die Katze (Rahel Brede) ist von einem englischen Lord (Hans Anacker) vor die Tür gesetzt worden, weil sie der Maus (Nina Preusche) kein Härchen krümmt. Der Hund (Dirk Kleinke) wird von der italienischen Köchin Carlotta (Gesine Forberger) mit dem Nudelholz bedroht. Hanka (Katharina Kopetzky) indes legt sich nicht nur mit den Stammgästen des Staatstheaters Otto (Tina Wilke) und Ottilie (Thomas Stobernack) an. Sie verjagt obendrein noch den Hahn von ihrem Lausitzer Hof. Was den Gockel zu Kikerikis in schwindelerregende Höhen treibt. Damit gibt die französisch-japanisch-amerikanische Sopranistin Sarah Hayashi ihr Debüt am Staatstheater Cottbus. Wobei sie sogar Niedersorbisch spricht.
Vor allem aber ist es der gemeinsame Gesang, der alle ermutigt, zu sein, wie sie sind und zu begreifen: Etwas Besseres als Tod und Vertreibung findet sich überall. Nach und nach fassen sich die Verjagten ein Herz, um ihr Schicksal hinter sich zu lassen und ihr neues (Musikanten) Leben selbst in die Hand zu nehmen. Was für ein farbenfrohes Kuddelmuddel (prächtige, fantasievolle Kostüme: Fabienne Ank) von Individualisten und Kulturen, in dem Sängerinnen und Sänger nicht nur auf ihre ganz eigene Art und auch gemeinsam brillieren können.

Ende gut, alles gut: Szenenfoto mit: (vordere Reihe v.l.n.r.) Hans Anacker (Calum), Dirk Kleinke (Hund), Nils Stäfe (Esel), Sarah Hayashi (Hahn), Rahel Brede (Katze), Katharina Kopetzky (Hanka); (dahinter) Gesine Forberger (Carlotta)
Bernd SchönbergerPremiere im Staatstheater Cottbus
Alle Darsteller haben auch sichtlich Spaß am Spiel – bis in die kleinste Rolle. Der aus Izmir stammende Komponist und Klarinettist Attila Kadri Şendil vertonte für seine Kinderoper das Libretto von Ulrich Lenz, das dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten ein neues Gesicht gibt. Am Sonntag feierte die Neufassung des Staatstheaters, die auch unter Mitarbeit von Murat Cağlar entstand, glanzvolle Premiere.
„Wir ziehen los nach Bremen, dort werden Märchen wirklich wahr“ singen die vier heimatlosen Tiere in vier Sprachen, die sich vermischen, angefeuert vom Philharmonischen Orchester unter Leitung von Johannes Zurl. Klassische und traditionelle Instrumente, orientalische Rhythmen, große Oper, mitreißende Melodien und jazzige Töne verbünden sich ganz selbstverständlich über alle Verschiedenheit hinweg.
Zu dieser fröhlichen Melange gesellt sich noch ein ganz besonderer Sprachenmix, der den Tieren hilft, einander zu verstehen. Aber auch für die jungen Zuschauer, die lautstark dabei helfen, die Quälgeister zu vertreiben, ist der Gesang gut verständlich. Ein wunderbarer Einstieg in die Opernwelt. Zumal Hans-Holger Schmidt eine märchenhafte Bühne gebaut hat, in der Videos (Ron Petraß, Jan Isaak Voges) den Weg nach Bremen vorgaukeln und Träume sichtbar machen.
Gemeinsam sind sie stark
In der Regie von Johannes Oertel, der 2022 schon die Oper „Gold!“ für die jungen Zuschauer des Staatstheaters inszenierte, wächst auf der Bühne ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich im Großen Haus ausbreitet. Soziale und kulturelle Grenzen scheinen überwindbar, wenn man etwas Neues erreichen will.
Wie geht das, ohne einander die Augen auszukratzen? Nun, bei all der Verschiedenheit liegen schon mal die Nerven blank. Und auch Ängste und Gezänk bleiben nicht aus. Und doch geht es, das alle miteinander friedlich und ausgelassen swingen, selbst die Quälgeister der Vergangenheit. Eine märchenhafte Illusion. Ein Traum. Aber mit Respekt kann es gelingen. Was für eine schöne Vorstellung!
Familienvorstellungen, Beginn jeweils 11 Uhr: 3.,17., 25., 26. und 28. Dezember. Karten im Besucherservice (im Großen Haus, Schillerplatz 1, Telefon 0355 7824 242) sowie online über www.staatstheater-cottbus.de

