Filmfestival Cottbus 2023: Programmchef Buder über die Generation Cottbus im osteuropäischen Kino

„Wir wollen zeigen, was im Kino möglich ist“, sagt der Programmdirektor des Filmfestival Cottbus, Bernd Buder.
Michael HeiderEs dürfte gern mehr osteuropäisches Kino auf deutschen Leinwänden geben. Dass Bernd Buder, Programmdirektor des Filmfestivals Cottbus (FFC), dieser Ansicht ist, überrascht nicht. Von Arthouse über Zombie–Streifen bis hin zur Kung–Fu–Komödie — die filmische Vielfalt des Ostens präsentiert er dem Publikum in Cottbus auch diesmal wieder in einer bunten Collage.
Im Interview mit LR.de gibt Bernd Buder Einblick ins neue Programm, spricht über Wiedersehen mit alten Bekannten in 33 Festivaljahren und beantwortet die Frage, wie der Krieg in der Ukraine das osteuropäische Kino und das Filmfestival Cottbus verändert.
Herr Buder, das Filmfestival Cottbus geht in seine 33. Ausgabe. Es wurde einst auch aus der Sorge gegründet, mit der Wende könnten osteuropäische Filme von deutschen Leinwänden verschwinden. Haben sich diese Sorgen bewahrheitet?
Bernd Buder: Ja und nein. Der Deutsche Kinomarkt ist relativ eng. Skandinavische Filme sind genauso wenig vertreten. Insofern kann man nicht klagen, dass das osteuropäische Kino weniger präsent wäre als andere kleine Kinematografien, abseits von USA, Frankreich und Deutschland. Auf der anderen Seite, guckt man sich die Größe Osteuropas an, einschließlich Baltikum, Südosteuropa und Zentralasien, ist es natürlich ein riesiger Raum mit diversen kinematografischen Landschaften. Die bilden sich augenblicklich im normalen Kinobetrieb nicht ab. Durch die schrecklichen Vorgänge im russischen Krieg gegen die Ukraine ist das Kino Osteuropas mehr in Fokus gerückt. Angesichts der Tatsache, wie viel produziert wird und wie divers Osteuropa ist, sollte es aber natürlich mehr sein.
Inwiefern würde die hiesige Kinolandschaft dadurch bereichert?
Einerseits ist da die Tradition des osteuropäischen Films, gesellschaftliche Situationen, Beobachtungen und politische Botschaften zwischen den Zeilen auszudrücken. Das war früher der Zensur geschuldet und teilweise jetzt wieder. Politischer Druck in Ungarn zum Beispiel, in zentralasiatischen Ländern oder ganz stark in Russland. Da wurde ein Handwerk ausgearbeitet, Sachen zu diskutieren, ohne mit dem Zeigefinger auf eine Botschaft hinzuweisen, sondern das Individuum in der Gesellschaft zu zeigen. Gerade im polnischen und tschechischem Kino gibt es außerdem eine Art magischen Realismus. Auch den stark ironischen, sarkastischen Humor über Alltagssituationen könnte man noch nennen.
Im diesjährigen Hauptwettbewerb des FFC ist vom Politthriller über einen Zombie–Streifen bis hin zur Kung–Fu–Komödie eine große thematische Vielfalt dabei. Unterscheidet sie das von anderen Festivals?
Viele Festivals begrenzen sich größtenteils auf Arthouse–Filme. Wir wollen zeigen, was im Kino möglich ist. Natürlich alles mit Anspruch. Uns geht es um solides Handwerk, gute Unterhaltung und Messages, die allgemein verständlich sind. Auf anderen Festivals wird häufig jedes Jahr der gleiche osteuropäische Film gezeigt, der kasachische Steppenfilm oder der düstere, baltische Film. Das bildet nicht die Filmlandschaft Osteuropa ab. Die Kreativität explodiert dort und führt zu unglaublich guter Unterhaltung. Dass wir so eine Vielfalt vorfinden, zeigt, wie osteuropäische Filmschaffende Trends aufgreifen. Und verrückte Ideen sind Teil des Magischen Realismus. Das ist eine osteuropäische Spezialität, auch weil manche politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse so absurd sind.

Die Stadthalle in Cottbus beherbergt das jährliche Filmfestival.
picture alliance/dpa/Filmfestival CottbusFilmfestivals stehen auch in Konkurrenz zueinander, buhlen um die gleichen Beiträge. Stößt das FFC auf offene Türen, wenn es einen Film ins Programm nehmen will?
Auf erstaunlich offene Türen! Das ist immer wieder toll zu sehen. Die Strategie von fast allen Filmemachern ist der Start auf einem großen Festival wie Berlin, Cannes oder Toronto. Aber wir sind auch als kleineres Festival erstaunlich weit vorn. Das ist sicher auch unserem Ko–Produktionsmarkt Connecting Cottbus zu verdanken, wo viele Kontakte vermittelt werden. Nichtsdestotrotz stehen wir natürlich in der Konkurrenzsituation. Aber Konkurrenz belebt das Geschäft, und wir haben eigentlich mit allen Mitbewerbern gute Kontakte. Manchmal ist es eben auch eine persönliche Entscheidung des Filmemachers oder Produzenten, auf welches Filmfest man möchte.
Sie hatten voriges Jahr 219 Filme aus 48 Ländern im Programm. Diesmal sind es 150 Filme aus 40 Produktionsländern. Gab es weniger Auswahl?
Nein. Wir haben uns eher überlegt, das Programm ein bisschen zu reduzieren, um auch Wiederholungen anbieten zu können. Das war vergangenes Jahr kaum möglich. Wenn ein Zuschauer oder eine Zuschauerin einen Film sieht und Freunden empfiehlt, sollten die auch die Chance haben, den Film zu gucken. Diesmal zeigen wir fast alle Filme zweimal. Das ist gut für Filmschaffende und Publikum gleichermaßen. Was die Auswahl angeht, hätten wir wahrscheinlich 500 oder 600 Filme programmieren können.
Auch aufgrund des russischen Angriffskrieges hat sich das FFC im Jahr 2022 dem ukrainischen Kino viel Platz eingeräumt. Welche Rolle spielt die Ukraine diesmal?
Fast eine gleich große. Das ukrainische Kino ist eines der interessantesten Europas. Es ist inhaltlich und formal sehr vielfältig. Davor habe ich großen Respekt. Von einem Land, das in einen Krieg hineingezogen wurde, könnte man nur noch Kriegsfilme erwarten oder solche, die den eigenen Kampf heroisieren. Dem ist aber nicht so. Wir haben zum Beispiel eine Komödie dabei, die sich sehr pointiert mit Homophobie auseinandersetzt. Auch einen Coming–of–Age–Film über Hierarchien an einer Schule. Ukrainische Filmemacher arbeiten daran, die demokratischen Werte in ihrer Gesellschaft zu highlighten. Trotzdem hat die kriegsbedingte Traumata–Aufarbeitung auch im ukrainischen Film begonnen.
Im Jahr 2022 haben Sie die Frage gestellt, inwieweit russische Filmschaffende den Kulturbruch des Krieges in ihrer Kunst reflektieren werden. Was ist Ihr Befund?
Viele russische Filmemacher sind exiliert und leben mittlerweile in Ländern wie Lettland, der Türkei oder Kasachstan. Der Schock über diesen Krieg sitzt tief und beeinflusst natürlich die Inhalte des Films. In allen osteuropäischen Ländern. Welche Rolle spielt die bestehende gesellschaftliche Ordnung? Die Durchsetzung bestimmter Werte? Die Armee und die Herrschaft der Großväter, wo junge Rekruten bewusst gedemütigt werden, damit sie Anweisungen folgen? All das spielt im unabhängigen russischen und auch belarussischen Film eine sehr große Rolle, größtenteils im Dokumentarfilm.
Die russische Filmindustrie war in Osteuropa stets sehr dominant. Stellen Sie Verschiebungen fest?
Die russische Filmindustrie war so dominant, weil das Land riesig ist und eine lange filmische Tradition hat. Handwerklich hat Russland unglaublich viel zur Filmgeschichte beigetragen, Auf dieser Tradition fußt das russische Kino bis heute. Andererseits war das russische Kino nie wirklich in Osteuropa verwurzelt. Es gab zum Beispiel kaum tschechisch–russische Koproduktion, so gut wie gar keine polnisch–russischen Koproduktionen. Der Graben verlief also schon vorher aus historischen Gründen. Trotzdem hat man in Russland immer gute Filme gefunden. Aber man kann derzeit einfach keinen russischen Abenteuer–, Action– oder Kriminalfilm zeigen. Das wäre unangemessen. Auch weil sich zuletzt Filme über den Zweiten Weltkrieg im Land wieder stark durchgesetzt haben. Insofern bildet das Themenspektrum des russischen Kinos natürlich auch das ab, was politisch gerade angesagt ist. Was bei uns Platz hat, sind unabhängige russische Filme, die die Situation ihrer Gesellschaft kritisch reflektieren.
Das FFC muss sich inhaltlich stärker mit geopolitischen Konflikten auseinandersetzen als andere Filmfestivals. Wird es diesmal auch Programmpunkte zum Konflikt in Bergkarabach geben?
Die Ereignisse dort kamen, nachdem wir das Programm fertiggestellt hatten. Wir haben aber vor, nächstes Jahr einen Schwerpunkt zu Armenien zu machen. Im armenischen Film spielt der Konflikt um Bergkarabach eine ausgesprochen große Rolle, gerade im Studenten– und Dokumentarfilm. Es fährt einem immer wieder stark in den Kopf, wenn ein Konflikt in Osteuropa eskaliert. Manchmal hat man das Gefühl, Osteuropa kommt gar nicht aus diesen negativ Schlagzeilen raus. Manche haben womöglich keinen Bock mehr, sich mit der Region zu beschäftigen, weil es so kompliziert ist. Häufig gibt es ja eine unglaublich lange Vorgeschichte. So sind wir froh, dass wir ab und zu Filme zeigen können, die diese Konflikte aus verschiedenen Richtungen zumindest reflektieren. Zuschauer sehen durch sie neben den notgedrungen verknappten Tagesnachrichten andere Bilder, Protagonisten oder Identifikationsfiguren.

„Das Publikum kennt sie ja mittlerweile auch“: Viele der Besucherinnen und Besucher des Filmfestival Cottbus kommen jedes Jahr aufs Neue.
Patrick Pleul/dpaDie Nachwuchssektion spielte auf dem FFC schon immer eine große Rolle. Gab es in 33 Jahren Wiedersehen mit aufstrebenden Filmmachern?
Ganz stark. Mir fällt zum Beispiel Vinko Brešan aus Kroatien ein, Petr Zelenka aus Tschechien oder Igor Sterk aus Slowenien. Es gibt durchaus welche, die zu den etablierten Regisseuren gehören und deren Filme wir immer wieder gerne zeigen. Sie landen aber nicht unbedingt im Wettbewerb. Die sind etabliert genug und müssen keinen Preis mehr gewinnen. Aber natürlich möchten wir zeigen, was aus ihnen geworden ist. Das Publikum kennt sie ja mittlerweile auch. Ich würde also schon sagen, dass es so eine Art Generation Cottbus gibt, und da kommen auch öfters welche nach.
Mit „EcoEast“ feierte vergangenes Jahr eine neue Sektion Premiere, die sich mit der Klimakrise auseinandersetzt. Wie wichtig ist es für ein Filmfestival, sich zu gesellschaftlichen Großthematiken zu verhalten?
Es ist sehr wichtig. Ökologie und Klima wird überall diskutiert. Wir wollen zeigen, wie das filmisch begleitet wird. Gerade in einer Region, wo man häufiger hört: „Ach, Osteuropa und Umweltbewusstsein, das geht ja gar nicht zusammen.“ Doch, es geht! Da entstehen viele Filme zum Thema. Das bedeutet, dass es schon längst in Osteuropa angekommen ist. Deswegen haben wir vergangenes Jahr mit der EcoEast–Reihe zum Thema Georgien angefangen und haben als ersten Ökofilm einen Stummfilm aus den 1930er–Jahren gefunden. Das zeigt, wie lange das Thema Ökologie in Osteuropa schon diskutiert wird. Natürlich ist uns das Thema auch wegen der Situation in der Lausitz wichtig. Stichwort Braunkohleabbau, Abriss von Dörfern.
Welche Bedeutung hat der Standort Cottbus für das Festival?
Der Standpunkt sehr nahe zur polnischen Grenze und zu einer Region, wo es eine sogenannte slawische Sprachminderheit gibt, das sind zwei gute Argumente, ein Osteuropa Filmfestival hier zu veranstalten. Auch, weil Cottbus nicht Berlin ist, wo es im kulturellen Trubel wohl untergehen würde. Und dass es eine gute Idee war, das Festival in Cottbus zu verankern, zeigt sich auch durch den großen Publikumszuspruch und dadurch, dass sich das Publikum inhaltlich stark auskennt und bei Gesprächen gleich Tacheles redet und intensiv nachfragt. Man kennt sich eben inzwischen und teilt Erfahrung durch biografische Brüche und ähnliche Neuanfänge in Ostdeutschland.
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