Trotz des Krieges in der Ukraine können Cineasten den 32. Geburtstag des Cottbuser Filmfestivals live und im Kino feiern. Neben einem Schlaglicht auf Rumänien hebt die Filmschau in diesem Jahr erstmals Produktionen mit dem Schwerpunkt Natur und Umwelt ins Programm. Was das Publikum zudem vom 8. bis 13. November sehen kann, verrät Programmdirektor Bernd Buder im Gespräch.

Herr Buder, aktuell bekriegen sich zwei Nationen, die mit zu den bedeutendsten Filmländern in Osteuropa zählen. Wie geht das Filmfestival Cottbus damit um?

Bernd Buder: Es gab im Vorfeld große Diskussionen darüber, russische Filme zu boykottieren. Aktuell laufen beispielsweise in den baltischen Ländern und in Polen keine russischen Produktionen in den Kinos. Wir haben uns dem Boykott nicht angeschlossen, weil wir im Kulturbereich immer für den Dialog stehen.

Dann kommen russische Filme in Cottbus zur Aufführung?

Keine Filme, sondern ein Film über eine Rechtsanwältin. Sie vertritt vor Gericht einen Studenten, der sich an Anti-Putin-Demonstrationen beteiligt hat. Ich persönlich empfinde es im Moment als nicht angebracht, russische Unterhaltungsfilme oder auch gut gemachten Arthouse-Produktionen zu zeigen.

Wie haben russischen Regisseure darauf reagiert?

Im Moment ist die Kommunikation sehr verhalten… Der eine Grund ist wohl schlichtweg Scham. Der andere, dass die Filmemacher, die ins Exil gegangen sind, sich erst einmal neu positionieren müssen. Andere, die geblieben sind, haben Angst um ihre Familien und wollen deshalb ihre Meinung nicht groß kundtun. Und weitere finden das alles vielleicht sogar gut...

Sie beziehen klar Position. Ukrainische Staatsbürger haben am Festivalfreitag freien Eintritt und Sie rollen ukrainischen Filmen den roten Teppich aus…

Ja, wir zeigen in diesem Jahr insgesamt 13 Filme aus der Ukraine und noch drei weitere über ukrainische Themen. Das ist ein bunter Mix – angefangen beim Eröffnungsfilm „Luxemburg, Luxemburg“, der bereits in Venedig lief. Außerdem eine Komödie über zwei Kleinstadt-Rapper, die groß rauskommen wollen. Und einen Jugend-Film, der zu Sowjetzeiten spielt – bis hin zu einem aktuellen Kriegsfilm. Spannend ist auch das Filmprojekt „One day in Ukraine“ von Volodymyr Tykhy, der mit insgesamt zwölf Kameraleuten einen Monat nach Beginn des russischen Angriffs an verschiedenen Standorten in der Ukraine einen Tag gedreht hat.

Neben dem Krieg ist die Pandemie das zweite beherrschende Thema. Wie hat sich Corona auf die Kinobranche ausgewirkt?

Fatal. Filme, die eigentlich schon vor eineinhalb Jahren fertig sein sollten, kommen jetzt erst raus. Andere haben sich in der Drehzeit extrem verlängert, weil Mitwirkende krank geworden sind. Auch Budget-Entscheidungen wurden immer wieder vertagt. Darunter hat die Filmbranche in vielen Ländern gelitten. Und seit dem Ausbruch der Pandemie sind die Zuschauerzahlen in den Kinos drastisch zurückgegangen. Damit werden wir auch in den nächsten Jahren noch zu kämpfen haben.

Wird es parallel zum Präsenzfestival wieder Livestreams geben?

Nein. Im Lockdown-Jahr war es vergleichsweise einfach, die Rechte für das Film-Streaming zu bekommen. Das ist zurzeit fast unmöglich. Die meisten Verleiher, Weltvertriebe und Produzenten hoffen, dass es noch weitere Festivals geben wird und ihr Film dort einen Verleih findet. Diese Hoffnung gab es 2020 nicht. Für so einen großen Markt wie Deutschland ist es sehr schwierig, die Online-Rechte zu bekommen. Außerdem ist die Konkurrenz durch die großen Streaming-Anbieter erdrückend: Festivals haben es da schwer, sich mit ihrem Streaming-Angebot über ihr Stammpublikum hinaus durchzusetzen.

Werden jetzt andere Geschichten im Kino erzählt als vor Corona?

Ja, die Filme sind persönlicher. Vielleicht haben sich die Regisseurinnen und Regisseure durch die Isolation mehr darauf konzentriert, ihre eigenen Geschichten abzubilden. Oder es ist der politische Druck, der in vielen Ländern zunimmt und darin gipfelt, Geschichten wieder persönlicher zu erzählen.
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In diesem Jahr zeigen Sie 219 Filme aus 48 Ländern. Worum geht es im Eröffnungsfilm „Luxembourg, Luxembourg“ des Ukrainers Antonio Lukich?

Das ist eine Familien-Tragikomödie über Zwillingsbrüder, Söhne einer ukrainisch-jugoslawischen Mischehe. Der Vater kam ursprünglich aus Serbien und hat früh die Familie verlassen. Einer der Brüder ist ein strenger Polizist, der andere Busfahrer und Kleindealer. Als der Vater in Luxemburg verstirbt, reisen sie hin und hoffen aufs große Geld. Doch dann kommt alles anders. Ein Film mit sehr viel Situationskomik und absurdem Humor.

Im Spielfilm-Wettbewerb konkurrieren zwölf Filme aus 19 Ländern. Welches Land sticht besonders hervor?

Das war zum wiederholten Mal Polen. Und deshalb haben wir auch insgesamt drei polnische Filme im Spielfilmwettbewerb – ein Rekord. Dazu gehört „Woman on the roof“, der neue feministische Film von Anna Jadowska. Sie hat vor einigen Jahren mit „Wild Roses“ gleich fünf Preise abgeräumt. Dann führt uns Damian Kocur in seinem Debüt „Bread and Salt” latenten Kleinstadtrassismus vor Augen und „Fools“ von Tomasz Wasilewski ist ein ästhetisch extrem ambitioniertes Kunstwerk.

Auch Rumänien ist mit zwei Filmen im Wettbewerb vertreten. Und es gibt das Spotlight Rumänien als eine der Special-Reihen…

Ja, da werfen wir ein Schlaglicht auf das aktuelle rumänische Kino. Mit dabei ist „R.M.N“, der neue Film von Cristian Mungiu, der gerade in Cannes lief. Bogdan George Apetri zeigt bei uns mit „Miracle“ den zweiten Teil seiner Trilogie. Im ersten Teil ging es um einen Polizisten, der seine Exfreundin umbringt und den Mord einem Rom in die Schuhe schiebt. Dieses Jahr geht es auch wieder um einen Polizisten im Gewissenskonflikt. Er muss den Mord an einer Nonne aufklären, mit der er vielleicht, denn das wird nur angedeutet, eine Affäre hatte… „Metronom“ von Alexandru Belc ist eine Zeitreise: Es geht um Jugendliche, die Ende der 1960er die Musik-Sendung „Metronom“ auf Radio Free Europe hören – bis sie die Securitate dafür verhaftet.
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Gibt es auch heitere Filme im Programm?

Ja, mehrere. Wir zeigen unter anderem mit „Tree of Eternal Love“ eine wunderbare estnische Sommer-Komödie, die im lakonischen Kaurismäki-Stil gefilmt ist. Es geht um einen jungen Mann, der von seiner Freundin verlassen wird. Mit seinem Kumpel will er nun den Baum fällen, auf dem erst einst seiner Freundin ein Herzchen eingeritzt hat. Und auf dem Weg erleben die beiden allerlei seltsame Geschichten…

Was verbirgt sich hinter der neuen Reihe „What's left?“

Da suchen wir nach den Überbleibseln der Stimmung Anfang der 1990er Jahre: Zwischen Aufbruch, Hoffnung und Zusammenkommen. Damals waren die Menschen neugierig, suchten den Dialog. Und wie ist es jetzt? Nach der Pandemie, während des Krieges und nach dem Zusammenbrechen mehrerer politischer, ökologischer, ökonomischer und auch nationalistischer Heilsversprechen?

War das eine deprimierende Suche?

Eigentlich nicht. Das hört sich erst einmal schlimm an, wenn Versprechen gescheitert sind. Aber wenn man sich diese Versprechen mal anguckt, waren sie ja gar nicht zu halten. Die Filme zeigen, wie die Osteuropäer:innen damit umgehen, dass viel Kapital geopfert wurde, einschließlich menschlichen Lebens. Und trotzdem ist da noch ein Rest Hoffnung auf bessere Zeiten...
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Auch der Klimawandel ist in Cottbus angekommen – mit der Sektion „EcoEast“.

Die wird es ab sofort ständig geben, um zu gucken, wie osteuropäische Regisseur:innen sich mit ökologischen Themen beschäftigen. Beim Nachdenken mit Irine Beridze und Susanne Strätling vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, mit denen wir die Reihe gemeinsam konzipiert haben, stellten wir fest, dass es in Georgien schon lange viele Filme zu dem Thema gibt. Der älteste aus dem Jahr 1934. Da geht es um die Urbarmachung eines Sumpf-Gebietes. Anhand weiterer Öko-Filme aus Georgien zeigen wir, dass dieses Thema eben nicht erst seit den letzten zehn Jahren vom Himmel gefallen ist, sondern sich Filmschaffende schon sehr lange damit beschäftigen.

Wird es in diesem Jahr für das Festival Pandemie-Auflagen geben?

Da wage ich im Moment keine Prognose. Wir müssen abwarten. Jeden Morgen, nachdem ich die Neuigkeiten aus der Ukraine gelesen habe, schaue ich auf die aktuellen Coronazahlen und hoffe nur das Beste. Bis jetzt dürfen wir zum Festival die reguläre Anzahl von Plätzen im Kino anbieten.

Was kann wieder mehr Lust auf Kino machen?

Ich hoffe, dass Festivals wie unseres mit frischen Filmen zu Initialzündungen werden, damit Kinos sich wieder als Begegnungsorte durchsetzen. Dass die Menschen wieder gerne dorthin gehen und dann wieder mehr Lust bekommen, sich gemeinsam noch mehr außergewöhnliche Filme im Kino anzugucken, statt alleine Zuhause vor dem Fernsehgerät zu sitzen.
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Das 32. Filmfestival Cottbus

Mit 213 Produktionen gibt das Cottbuser Filmfestival in sechs Tagen einen spannenden Einblick ins aktuelle Filmschaffen in Mittel- und Osteuropa – alles zum Programm finden Sie hier. Zuschauende können in der Lausitz zahlreiche Deutschland-, Welt- und Internationale Premieren erleben. Das Herz des Festivals bilden die vier Wettbewerbe. Die Internationale Festivaljury, rund um albanischstämmigen TV-Star Kasem Hoxha, kürt neben dem besten Spielfilm, auch die beste Regieleistung und die beste darstellerische Einzelleistung. Auch der beste Kurzfilm sowie der Spezialpreis in dieser Kategorie werden ausgezeichnet. Den Hauptpreis im U18 Wettbewerb Jugendfilm vergibt eine polnisch- tschechisch-deutsche- Jugendjury. Insgesamt werden beim diesjährigen Cottbuser Filmfestival 16 Preise im Gesamtwert von knapp 70.000 Euro vergeben.