Immobilien in Berlin: Friedrichstraße 206 unterm Hammer, Auktion mit Symbolwert

Luxuriöses Pflaster: Passanten laufen über den spiegelnden Marmorfußboden im Quartier 206 in der Friedrichstraße in Berlin.
dpa/Jens Kalaene- Quartier 206 an der Friedrichstraße steht erneut vor der Zwangsversteigerung.
- Bei der letzten Runde lagen zwei Gebote bei 39 und 40 Mio. Euro – Verkehrswert 187 Mio.
- Passage ist weitgehend leer, verbleiben Klinik, Unterwäsche-Laden und ein Antiquitätenhändler.
- Anwohner fehlen, Luxusmarken sind weg; Verkehrsversuche und Bahnhofs-Schließung belasten.
- Vorschläge zur Belebung: weniger Parkplätze, breitere Gehwege, Mischnutzung mit Entertainment.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Türen zum Quartier 206 an der Friedrichstraße in Berlin sind schon länger verschlossen. Wer noch einen Blick auf das imposante Atrium mit Marmortreppe werfen will, kann das über den Eingang der verbliebenen Klinik tun. Deren Arztpraxen, ein Unterwäsche-Laden sowie ein Antiquitätenhändler sind die letzten Mieter der berühmten Einkaufspassage, die am Freitag (24.4.) unter den Hammer kommen soll.
Die Zwangsversteigerung der Luxus-Immobilie war zunächst für den Freitag zuvor anberaumt. Vor dem Amtsgericht Mitte gingen zwei Gebote ein. „Das erste lag bei 39 Millionen Euro, das zweite hat 40 Millionen Euro betragen“, berichtet Gerichtssprecher Sebastian Jungnickel.
Als in der gesetzlich vorgeschriebenen Mindest-Bietezeit von einer halben Stunde nichts mehr geschah, hätten Gläubiger wie auch Schuldner beantragt, den Termin noch einmal zu verschieben.
Gebot liegt weit unter Verkaufswert der Einkaufspassage
Beide Parteien, die Aktiengesellschaft UBS Europe SE (Gläubiger) und ein Tochterunternehmen der Jagdfeld Gruppe (Schuldner), wollen sich auf Anfrage zu den Gründen nicht äußern.
Ein Motiv könnte sein, dass die Gebote weit unter dem Verkehrswert der Einkaufspassage liegen, der beträgt laut Gericht 187 Millionen Euro.
Es geht um 8000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche, 15.000 Quadratmeter Büro- und Praxisflächen, elf Wohnungen (1300 Quadratmeter) und zwei Ebenen Tiefgarage. Das 1996 eröffnete Quartier 206 gehört zu den Friedrichstadt-Passagen, die aus drei unterirdisch verbundenen Blöcken bestehen. Im Quartier 207 hatte im Sommer 2024 das Warenhaus Galeries Lafayette dicht gemacht. Dieser Block wird in ein Büro- und Geschäftshaus umgebaut.
Im südlichen Block 205 tummeln sich noch Touristen und Büroangestellte, um sich bei Rewe oder einem asiatischen Edelimbiss Salat von der Theke oder Sushi für die Mittagspause zu holen. Das große Problem der Friedrichstraße ist, dass sie so gut wie keine Anwohner hat und sich scheinbar nicht mehr zum Luxus-Shoppen eignet.

Das Quartier 206 an der Friedrichstraße in Berlin steht seit 2011 unter Zwangsverwaltung. Seitdem scheiterten mehrere Versteigerungsversuche.
Maria Neuendorff„Den richtigen Knacks hat die Straße bekommen, als sie dichtgemacht haben“, sagt eine Verkäuferin, die gerade eine Schaufensterpuppe mit Unterwäsche einkleidet. Der Ärger über die Verkehrs-Experimente des Senats, bei denen die Friedrichstraße in den Jahren 2020 bis 2023 mehrfach zwischen Französischer und Leipziger Straße für Autos gesperrt wurde, scheint bei vielen Anrainern tief zu sitzen.
Shopping in Berlin: Friedrichstraße für Autos gesperrt
„Wer mit der Rolex einkaufen geht, will sein Auto vor der Tür parken können und nicht an Obdachlosen und Bettlern vorbeilaufen müssen“, betont die Verkäuferin. Die hätten sich nach dem Einrichten der Fußgängerzone mit riesigen Bänken und Blumenkübeln gerne vor den Geschäften breit gemacht.
Auch dass der Bahnhof Französische Straße 2020 zugunsten des neuen Kreuzungsbahnhofs „Unter den Linden“ geschlossen wurde, habe dafür gesorgt, dass die Einkaufs-Passage abgehängt wurde, meint die Verkäuferin, die seit 18 Jahren im Quartier arbeitet.
Dass der Niedergang nach der Wieder-Freigabe des Autoverkehrs weitergehe, liest die gebürtige Berlinerin daran ab, dass sich inzwischen eine Shisha -Bar, ein Dönerladen und mehrere Spätis angesiedelt haben.
Luxusmarken verlassen die Friedrichstraße
An der Art-déco-Fassade des Quartiers 206 aus Glas und Jurakalkstein stehen immer noch die Namen der Luxusmarken, die nach der Zwangsverwaltung ab 2011 und gescheiterten Versteigerungsversuchen ihre Filialen aufgaben.
„Zwischen 2003 und 2008 haben sich freitags und samstags hier die Leute in Massen durch die Passagen geschoben. Da wurde gebummelt und gestaunt“, erinnert sich Willy Breitenkamp, der immer noch seinen Antiquitätenladen im Untergeschoss betreibt. Das mondäne Quartier mit dem schwarzweißen Marmor-Boden und seinen Luxus-Boutiquen sei ein Ort gewesen, den man einfach besuchen musste, wenn man in Berlin zu Gast war, meint der 82-Jährige.
Sein Laden profitierte aber auch von den Kunden, die französische Spezialitäten in der Galeries Lafayette einkauften und auf dem Rückweg vorbeischlenderten. Lafayette und das Q 206 hätten Besucher aus ganz Deutschland angezogen und Frequenz in die Straße gebracht. „Heute leben wir alleine von Stammkunden“, sagt der Antiquitätenhändler. Die müssen nun vor jedem Besuch anrufen, damit er sie oben an den verschlossenen Centertüren abholen kann.

Die Marken, die einst im Quartier 206 in der Friedrichstraße ihre Filialen hatten, stehen immer noch an der Fassade.
Maria Neuendorff„Aus der Friedrichstraße wurde der Jarasch Weg“, sagt der 82-Jährige spöttisch. Die ironische Umbenennung geht auf Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) zurück, die einen Teil der Straße Anfang 2023 für den Autoverkehr sperren wollte. Ein Schritt, der damals selbst bei Berlins Regierender Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) für Ärger sorgte und später vom Gericht gekippt wurde. „Mit der Veränderung der Verkehrsführung hat sich auch das Publikum verändert“, sagt Breitenkamp. „Kaufkräftige Kunden blieben zunehmend aus, die Umsätze gingen zurück – und viele Fachgeschäfte haben die Straße verlassen.“
Mehr Entertainment in der Friedrichstraße gefordert
Der zunehmende Online-Handel verstärkt die Probleme. Innenstädte bräuchten jedoch den kleinen, Einzelhandel, wo der Chef noch selber hinter dem Ladentisch steht, findet Breitenkamp. „Dort findet echte Beratung statt, dort entsteht Vertrauen. Wenn diese Geschäfte verschwinden, verlieren wir nicht nur wirtschaftliche Substanz, sondern auch Lebensqualität und Begegnung im Alltag.“
Was ist die Lösung für die Friedrichstraße? Bürgermeister Kai Wegner (CDU) will den Verkehr zumindest reduzieren. Ein Vorschlag des Architekten- und Ingenieurvereins (AIV) sieht vor, Parkplätze zu entfernen, um die Gehwege zu verbreitern und Platz für Gastronomie zu schaffen.
„Das ist doch auch kein wirkliches Konzept“, findet Rainer Beckmann vom Wirtschaftskreis Mitte e.V. Um die Friedrichstraße wiederzubeleben, müsste man Experten an einen Tisch holen, die wirklich etwas von Einzelhandel, Gastronomie und Entertainment verstehen. Beckmann würde auf Mischnutzung setzen mit Theater und anderer Unterhaltung. „So war die Friedrichstraße in den goldenen 20er-Jahren.“
Solche eine Mischnutzung würde auch das Quartier 206 selbst wiederbeleben, glaubt Beckmann. „Egal, wer der neue Eigentümer wird, das Quartier 206 müsste sich genau wie die Friedrichstraße selbst ganz neu erfinden.“



