Einkaufscenter in Berlin
: Kriselnde Shoppingmalls – welche Ideen sie retten sollen

Verändertes Einkaufsverhalten, Online-Shopping und steigende Gewerbemieten stürzen immer mehr Einkaufscenter in die Krise. So wollen Politiker und Bezirke gegensteuern.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Das Shoppingcenter "Wilma" in Berlin-Charlottenburg ist eines von derzeit rund 70 Einkaufszentren in Berlin.

Das Shoppingcenter „Wilma" in Berlin-Charlottenburg ist eines von derzeit rund 70 Einkaufszentren in Berlin.

Maria Neuendorff
  • Berliner Shoppingmalls kämpfen mit Leerstand – Online-Handel und hohe Mieten als Gründe.
  • Grüne fordern Mischnutzung: Arztpraxen, Kultur, Bürgerbüros und Freizeitangebote.
  • Erfolgsmodell: Forum Kienberg kombiniert Gesundheits- und öffentliche Angebote, Vermietungsquote 90 %.
  • Fokus auf Kinder, Jugendliche und Nahversorgung, z. B. Jugendtreff in Spandau Arcaden.
  • Grüne betonen Klimastrategie: mehr Grünflächen, Schatten und hitzeresiliente Gestaltung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Berlin gilt mit seinen aktuell rund 70 Einkaufscentern als europäische Shopping-Hauptstadt. Doch viel Konkurrenz sorgt auch für viel Leerstand. Und der hat in den Centern in den vergangenen Jahren durch den Online-Handel und sinkende Besucherzahlen immer dramatischer zugenommen.

In die leer gezogenen Flächen sollen künftig Arztpraxen, Bürgerbüros, Beratungsstellen, Familien-Freizeitangebote sowie Kultur einziehen. So sehen es zumindest die Fraktion Bündnis90/Grüne und der Handelsverband Berlin-Brandenburg. „Es braucht neue Ideen, die über das reine Angebot von Waren und Konsum hinausgehen, damit sich die Menschen auf den Weg machen“, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Bettina Jarasch, am Mittwoch.

Einkaufszentrum in Berlin: Das könnte sich bald ändern

Zur Vorstellung ihres Positionspapiers zur Rettung der verödeten Berliner Einkaufszentren hatte sie in das Einkaufszentrum „Wilma“ nach Charlottenburg geladen. Denn wer mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock der Einkaufs-Passage an der Wilmersdorfer Straße fährt, findet sich plötzlich im Bürgeramt des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf wieder. Wartemarken und Personaldokumente anstatt Preisschilder und Kleiderhaken, könnte man verkürzt sagen.

In den übrigen Etagen gibt es weiterhin die üblichen Klamottenmarken, Bistros und einen Supermarkt. Dazu hat das Blutspendezentrum Einzug in die Wilma-Arcaden gehalten. Der Leerstand beträgt derzeit noch acht bis zehn Prozent, berichtet Centermanagerin Catja Schneider. Der Berliner Durchschnitt liegt laut Handelsverband bei rund 20 Prozent.

„Eine Win-Win-Situation für alle“, nennt auch Kirstin Bauch (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, den Einzug des Bürgeramts in die leerstehenden Räume der Shopping-Mall. „Man kann nicht alle Fachbereiche im Rathaus unterbringen, wenn man die Wege für die Bürger kurz halten will.“

Diese wiederum könnten dann den „langweiligen Amtsgang mit einem Shopping-Erlebnis“ verbinden, freut sich die Bezirksbürgermeisterin.

Shoppingcenter sollen nicht subventioniert werden

Doch Amtstuben in leerstehenden Geschäften sollen nur eine Maßnahme sein, mit dem man Shoppingmalls wieder zu lebendigen Orten machen will. Denkbar sind auch noch mehr Ärzte und therapeutische Einrichtungen, kulturelle Angebote wie Theater, Ausstellungen, Galerien, Beratungsstellen und Bildungsangebote, heißt es von den Grünen.

Allerdings müssten die Center-Eigentümer bereit sein, bei diesen Sondernutzungen nicht die Höchstmieten aufzurufen, sondern auch Kompromisse einzugehen, damit es für ... die neuen Mieter wirtschaftlich bleibe. „Eine Quersubventionierung der Shoppingcenter lehnen wir strikt ab“, betont Jarasch.

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Centermanagerin Catja Schneider in der Markthalle der „Wilma“-Arcarden in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Maria Neuendorff

Ein gutes Vorbild sei heute schon das Forum Kienberg in Marzahn-Hellersdorf. Das Center wurde vor fünf Jahren mit hohem Leerstand von einem neuen Betreiber übernommen. Danach wurden aktiv gesundheitliche und öffentliche Angebote angeworben. Heute beherbergt das Forum Kienberg zahlreiche Facharztpraxen, eine Stadtteilbibliothek, gesundheitliche Beratungsstellen und künftig auch eine Zweigstelle des Gesundheitsamts. Die Vermietungsquote liegt bei über 90 Prozent.

Viele Shoppingmalls sind in den 1990er und 2000er-Jahren ohne eine übergeordnete stadtentwicklungspolitische Steuerung entstanden. „Nach der Wende lag in Ost-Berlin die durchschnittliche Verkaufsfläche im Einzelhandel bei etwa 0,3 Quadratmetern pro Einwohner, während der Bundesdurchschnitt bei 1,1 lag und es eine riesige Konsumbereitschaft gab“, erinnert Nils Busch-Petersen, Chef des Einzelhandelsverband Berlin-Brandenburg, an die Historie.

Einkaufscenter in Berlin wie an der Perlenkette

Da aber damals gerade in Ost-Berlin viele Eigentumsverhältnisse noch ungeklärt waren, habe man in den 90er-Jahren vor allem auf Bahn-Flächen gebaut. „So entstanden alleine an der Ringbahn die Einkaufscenter wie an einer Perlenkette“, erklärt der Handelsvertreter.

Das ParkCenter am S-Bahnhof Treptower Park zum Beispiel steht heute zu 70 Prozent leer. Seit 2023 versucht die Initiative „Sorge ins ParkCenter“, aus dem Einkaufszentrum ein „Sorgezentrum“ mit vermehrt öffentlichen und gemeinnützigen Angeboten zu machen.

„Es gibt nicht ein Konzept, das für alle Standorte gleichermaßen funktioniert“, betont Julian Schwarze, Grünen-Sprecher für Stadtentwicklung. Er will den Fokus vor allem auch auf Angebote für Kinder und Jugendliche legen, die Einkaufszentren oft als öffentliche Orte wahrnehmen würden, was sie rechtlich aber gar nicht seien.

So befände sich seit Kurzem im ersten Obergeschoss der Spandau Arcaden der Jugendtreff „SpandOur Jugendpoint“. Die Räumlichkeiten werden dem Jugendhilfeträger mietfrei zur Verfügung gestellt. Organisation, Gestaltung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen übernimmt die Jugendförderung des Jugendamts in Kooperation mit den freien Trägern der Jugendhilfe in Spandau.

Ring-Center in Berlin-Lichtenberg sucht Ärzte

„Eine erfolgreiche Mischnutzung ist aber auch immer abhängig von der Höhe der Mieten und der Eigentümerstruktur des jeweiligen Shoppingcenters“, betont Schwarze.

So sei zum Beispiel die Ansiedlung von Ärzten und anderen Gesundheitsangeboten im seit Sommer 2024 leerstehende Ring-Center III in Lichtenberg bisher trotz viel Werbung gescheitert.

In die ehemaligen Räume der Galeria-Kaufhof-Kette direkt am U- und S-Bahnhof Frankfurter Allee luden Anfang Juli Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (beide SPD) zum 2. Berliner Zentrengipfel. Denn auch der schwarz-rote Senat will nun im Zuge der Warenhauskrise gemeinsam mit den Bezirken standortspezifische Lösungen für gebeutelte Einkaufszentren entwickeln.

Blick in das Bürgeramt im Einkaufszentrum "Wilma" in Berlin.

Blick in das Bürgeramt im Einkaufszentrum „Wilma" in Berlin.

Maria Neuendorff

Dafür hat jeder Bezirk ein Zentrum vorgeschlagen – dazu gehören unter anderem die Müllerstraße inklusive Leopoldplatz in Mitte, die Schönhauser Allee Arcaden in Pankow, Tempelhofer Damm in Tempelhof-Schöneberg oder die Schlossstraße in Steglitz-Zehlendorf.

Letztere gehört zu den größten und beliebtesten Einkaufsstraßen Berlins und vereint gleich vier unterschiedliche Shoppingcenter – jedes mit eigenen Licht- und Schattenseiten. „Besonders punkten jene Center, die auf vielfältige Nutzungskonzepte setzen und Angebote schaffen, die über den klassischen Einzelhandel hinausgehen“, heißt es in dem Positionspapier der Grünen.

Uni-Sport im Forum Steglitz

So beherbergt etwa „das Schloss“ eine große Bezirksbibliothek und überzeugt mit einem Kulturprogramm. Das „Forum Steglitz“ wiederum stellt Flächen für den Universitätssport der FU Berlin bereit und hat seinen Mietermix gezielt auf die Nahversorgungsbedarfe der Anwohnerschaft im umliegenden Quartier ausgerichtet.

Aber auch die Neukölln Arcaden an der Karl-Marx-Straße beherbergen mit der Helene-Nathan-Bibliothek eine öffentliche Einrichtung, die auf 300 Quadratmetern mit ihrem breiten Medienangebot für alle Altersgruppen zusätzliche Besucher in das Einkaufszentrum zieht. Auf dem Dach befindet sich zudem der Kunst- und Kulturdachgarten „Klunkerkranich“, ein hipper Klub, der weit über den Bezirk hinaus bekannt ist.

Apropos Dachgarten. Die Grünen wären ja nicht die Grünen, wenn sie nicht auch die klimaresiliente Stadtgestaltung im Auge haben würden. „Shoppingcenter müssen Teil der Berliner Klimastrategie werden“, heißt es in dem Papier. So fordert die Partei, auch grüne Vorplätze mit Sitzmöglichkeiten, Bäumen und Bewegungsräumen, die Schatten spenden und Hitzestress im städtischen Raum mindern.