Diagnose Leukämie: Wie ein 21-Jähriger aus Wittichenau zum Lebensretter wurde

Nico Katzer aus Wittichenau trägt stolz das T-Shirt mit der Aufschrift Lebensretter. Weil er nicht gezögert hat, hat ein anderer Mensch die Chance auf ein zweites Leben.
Carin WürzEs ist ein ziemlich großes Wort: Lebensretter. Es prangt auf dem knall-orangenen T-Shirt von Nico Katzer – und das ganz zurecht. Denn der 21-Jährige aus Wittichenau ist seit Kurzem ein echter Lebensretter. Weil der junge Mann nicht zögerte, das Richtige zu tun, hat ein anderer Mensch eine neue Chance auf Leben. Aber wie lief das eigentlich ab?
Alles begann vor etwa zwei Jahren: Damals kam die Deutsche Stammzellspenderdatei (DSD) für einen Aktionstag an das Berufsschulzentrum „Konrad Zuse“ (BSZ) in Hoyerswerda. Die DSD ist eine der größten von insgesamt 26 solcher Dateien in Deutschland. Circa 190.000 potenzielle Stammzellspender sind bei der Gesellschaft mit Sitz in Dessau-Roßlau bereits registriert. An jenem Tag im Jahr 2022 wurden auch in Hoyerswerda bei einer Typisierungsaktion neue, junge Spender gesucht.
Stäbchen in den Mund und fertig!
Nico Katzer, der am BSZ den Beruf des Erziehers lernt, zögert keinen Augenblick: Stäbchen in den Mund und fertig! „Für mich gab es keinen Grund, es nicht zu tun“, erinnert er sich. Er hat die kleine Episode längst vergessen, als Ende Dezember 2023 plötzlich ein Anruf von der Stammzellspenderdatei DSD kommt: Ein 55 Jahre alter Mann, der schwer an Blutkrebs erkrankt ist, braucht dringend Hilfe.
Es stellt sich heraus, Nico Katzer ist sein „genetischer Zwilling“. Das kommt nur selten vor. Die Wahrscheinlichkeit, einen genetischen Zwilling zu finden, variiert von 1:10.000 bis zu 1:1 Million. Doch bei Nico Katzer ist der Treffer perfekt: Die gesunden Blutstammzellen des jungen Wittichenauers könnten helfen, dass der erkrankte Mann weiterleben kann.
„Ich habe keinen Moment gezögert: Natürlich habe ich das gemacht“, erzählt der heute 21-Jährige. Viel Unterstützung und Zuspruch bekam er von seiner Familie, in der ein Familienmitglied ebenfalls schon einmal dank einer Stammzellspende von einem fremden Menschen wieder gesund werden konnte. Aber auch Freunde und Lehrer ermutigten ihn.
Nur wenig Aufwand und trotzdem Lebensretter
So nahm Nico Katzer also hoch motiviert die kleinen Strapazen auf sich, um Stammzellspender zu werden. Zuerst hat seine Hausärztin ein paar Tests gemacht und die Ergebnisse an die Deutsche Stammzellspenderdatei geschickt. Danach war schon klar, wie gut alles passt: Nun wurde der Termin festgelegt, wann die Stammzellspende für den schwer erkrankten Leukämie-Patienten erfolgen muss. „Eine Woche vorher bin ich zu einer umfangreichen Voruntersuchung ins Uniklinikum nach Leipzig gefahren“, erzählt Nico Katzer. Da wurde er von Blutproben bis zum Röntgen und Ultraschall auf Herz und Nieren untersucht. Auf diese Weise soll schließlich ein Risiko auch für den Spender ausgeschlossen werden.
Ein paar Tage später dauerte die Stammzellspende selbst nur wenige Stunden. Nico Katzer wurde in einem Arm Blut entnommen, aus dem die Stammzellen herausgefiltert wurden. Im Anschluss wurde ihm wieder Blut zugeführt. „Mir wurde gesagt, dass ein paar Rückenschmerzen oder Schmerzen im Arm auftreten können. Aber was ist das schon, wenn man damit ein Leben retten kann“, sagt er heute rückblickend.
Junger Sorbe aus Wittichenau liebt seine Heimat
„Kein großes Ding“ ist die uneigennützige Tat also für den jungen Lebensretter, der im kleinen Ortsteil Keula in der Stadt Wittichenau lebt. Ob er eines Tages jenen Mann treffen wird, der mit seiner Stammzellspende eine neue Chance auf Leben bekam, weiß er heute noch nicht. Vor einer Kontaktaufnahme müssen erst mindestens 24 Monate vergehen, so sagen es die Regeln der Spenderdateien.
Die Deutsche Stammzellspenderdatei (DSD)
►Alle 15 Minuten erhält in Deutschland ein Mensch völlig unerwartet die Diagnose Leukämie. Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland 13.000 Menschen an bösartigen Blutkrankheiten. Für viele Patienten ist die Transplantation von Knochenmark oder Blutstammzellen gesunder Spender die einzige Chance, die Krankheit zu überwinden.
►In Deutschland gibt es 26 Stammzellspenderdateien, in die sich potenzielle Stammzellspender aufnehmen lassen können. Eine der größten davon ist die Deutsche Stammzellspenderdatei (DSD) gGmbH mit Sitz in Dessau-Roßlau. Sie wurde 1992 gegründet, hat inzwischen 190.000 registrierte Spender und konnte bisher an über 2600 Patienten lebensrettende Stammzellspenden vermitteln.
Jeder zwischen 17 und 50 Jahren kann sich als potenzieller Stammzellspender typisieren lassen. Das ist bei den offiziellen Typisierungsaktionen oder bei speziellen Blutspendeaktionen möglich. Es geht aber auch mithilfe eines Typisierungssets für zu Hause, das online bestellt werden kann. Termine für Typisierungsaktionen und das Set gibt es unter www.deutsche-stammzellspenderdatei.de
Nico Katzer geht stattdessen seinen eigenen Weg zielstrebig weiter. Er will Erzieher werden und als muttersprachlicher Sorbe später einmal in einer vielleicht auch sorbischen Kita hier in seiner Heimat tätig werden. „Die Großstadt lockt mich nicht. Ich will gern hier in der Region verankert bleiben“, sagt der junge Mann. Hier kann er seine Leidenschaft für Fußball in der Männermannschaft von Königswartha in der Landesklasse ausleben. Hier hat er im Jugendklub „Kulow Section“ seine Freunde und arbeitet unter dem Dach der United Clubs for Kulow für ein abwechslungsreiches Jugendleben in der Kleinstadt mit.
„Ich würde es wieder tun!“
Die Erfahrung „Stammzellspende“ hat ihn als Menschen auf jeden Fall reicher gemacht. „Ich würde es wieder tun“, sagt Nico Katzer. Und er würde auch jedem dazu raten, als Stammzellspender zu helfen, wenn man dafür infrage kommt. „Der erste Schritt dahin ist eine Registrierung“, ist seine Botschaft.


