Epitaph ohne Worte: Neues Buch erinnert an jüdische Geschichte in Elbe-Elster
Der 29. Kreisheimatkundetag des Landkreises Elbe-Elster stand ganz im Zeichen der Aufarbeitung jüdischer Geschichte. Besonders im Fokus: das Schicksal der jüdischen Kaufhausbesitzer Martha und Emil Galliner aus Finsterwalde. Emotional wurde es, als deren Urenkelin Jeanine Hack – sie lebt in Kapstadt – per Video live aus Frankreich, wo sie sich momentan aufhält, zugeschaltet war.
Jeanine Hack sprach mit Babette Weber, der Leiterin des Museumsverbundes Elbe-Elster, über das Leben ihrer Urgroßeltern. Hack hat deren Flucht im Buch „Epitaph of no words“ dokumentiert.
Landrat: „Nie wieder ist jetzt“ darf keine Floskel bleiben
Landrat Christian Jaschinski betonte die Aktualität des Themas. „In allem Für und Wider zum Krieg in Israel, bei aller Sehnsucht nach Frieden muss es eine Konstante geben: Antisemitischer Hass und menschenverachtende Hetze dürfen keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Der Satz ‚Nie wieder ist jetzt‘ darf keine Floskel bleiben. Wir müssen ihn mit Zivilcourage leben“, so Jaschinski. Daher sei es umso wichtiger, die Geschichte jüdischen Lebens aufzuarbeiten und in Erinnerung zu behalten.
„Jüdisches Leben fand auch im jetzigen Landkreis Elbe-Elster vor den Haustüren statt, ist aber vielen Menschen nicht bekannt“, stellte Claudia Sieber, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Liebenwerda, fest. Das Buch von Jeanine Hack soll helfen, die jüdische Geschichte in der Region bekannter zu machen.
Geschichte der Kauhausfamilie Galliner im deutschen Buchhandel
Nach der englischen Ausgabe wird am 23. November 2023 Jeanine Hacks Buch mit dem Titel „Epitaph ohne Worte – Emil und Martha Galliners Odyssee von Finsterwalde nach Südafrika“ auch in deutscher Sprache erscheinen. Unterstützt wurde die Herausgabe vom Museumsverbund Elbe-Elster und der Stadt Finsterwalde. Auch Finsterwalder Schulen werden das Buch bekommen.
Die Veranstaltung, die unter dem Motto „In Gedenken an die Novemberpogrome des Jahres 1938“ stand, widmete sich auch anderen jüdischen Schicksalen aus Finsterwalde und Herzberg. Dr. Rainer Ernst, Rainer Bauer, Thomas Irmer und Ulf Lehmann beleuchteten in ihren Vorträgen die Lebenswege und Schicksale jüdischer Bürger. Lehmann stellte die Schulhausarbeit seiner Tochter Stine zum Schicksal der Herzberger Kaufmannsfamilie Schlesinger vor. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei auch dem „Verlorenen Transport“ bei Tröbitz gewidmet. Dazu konnte die aktuelle Ausstellung „Wer ein Leben rettet“ im Technischen Denkmal Brikettfabrik Louise in Domsdorf besichtigt werden. Die Schau arbeitet vor allem die Schicksale der rund 500 Kinder aus dem „Verlorenen Transport“ auf.

Archivfoto: Die Galliner-Urenkelin Jeanine Hack und ihr Mann Howard aus Südafrika haben 2009 das erste Mal Finsterwalde besucht. Museumsleiter Rainer Ernst (l.) führte sie damals auch ins Schloss.
Babette WeberDas Gespräch mit Jeanine Hack verdeutlichte, warum und über welche Stationen die Odyssee der Galliners nach der Verwüstung ihres Hauses durch Finsterwalder Nazis, der zwischenzeitlichen Inhaftierung im KZ Sachsenhausen von Emil Galliner und Sohn Heinz ab 1941 bis Südafrika verlief. Trotz der Verfolgung fühlten sich Juden in der Nazi-Zeit auch immer noch als Deutsche und waren stolz auf ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Deutsche Kultur und Literatur waren fest in ihrem Leben präsent. Im Buch „Epitaph of no words“ erzählt Jeanine Hack, dass ihre Urgroßmutter ständig deutsche Sprichwörter nutzte.
Dr. Ernst, ehemaliger Museumsleiter in Finsterwalde und Mitinitiator zur Verlegung von „Stolpersteinen“ vor ehemals jüdischen Wohnhäusern, hat neben Babette Weber an der Überarbeitung der englischen Ausgabe des Buches für die deutsche Fassung mitgearbeitet. Seit den 1980er-Jahren setzt er sich dafür ein, die Erinnerung an jüdische Mitbürger durch Publikationen und Veranstaltungen im Finsterwalder Museum wach zu halten.
Er erinnerte an weitere jüdische Bürger von Finsterwalde wie die Familien Deutschkron, an die Familie von Leo Henesch und Dr. Hildegard Burgheim. Seit 1933 wurden sie diskriminiert, boykottiert, schikaniert und zunehmend vom nationalsozialistischen Mob, zu dem auch Bürgermeister Münster gehörte, verfolgt. „Viele, die gut integriert waren, nicht als Juden und nicht die jüdische Religion gelebt haben, wurden erst durch die Nazis wieder zu Juden“, so sein Fazit.



