Rechtsextremismus in Cottbus
: In diesem Plattenbau am Stadtring sitzen brisante Firmen

Eine Adresse in Cottbus sticht besonders hervor, wenn es um Rechtsextremismus geht. Am Stadtring 3A geben sich Rechte unbemerkt die Klinke in die Hand.
Von
Jakob Kerry,
Heike Reiß
Cottbus
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Geschäftshaus Stadtring 3A

Hinter dem Geschäftshaus am Stadtring 3A in Cottbus verbirgt sich mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Dort haben mehrere Firmen aus dem rechtsextremen Spektrum ihren Sitz.

Michael Helbig
  • Cottbus, Stadtring 3A: mehrere vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Firmen.
  • Vor Ort u. a.: „Label 23“, „Black Legion Wear“, SVP Media/„Subversion Production“, Oikos-Verlag.
  • Martin S.: Ex-Spreelichter, betreibt „Black Legion Wear“ und „Rebel Records“ im Gebäude.
  • SVP Media vermarktet „Bloody32“, Andy Habermann, „Wutbürger“; Soli für Manuel E.
  • Oikos-Verlag (seit März 2025 dort) gibt „Die Kehre“ heraus; nicht Beobachtungsobjekt in Brandenburg.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Regen fällt auf die Autoscheibe. Am Straßenrand spritzt Schneematsch hoch. Noch eine Runde um den Turbokreisel, dann weiter entlang der Baustelle Richtung Ortsausgang. Es geht vorbei an Unternehmen und einem neuen Restaurant.

Zwischen den Bauten am Straßenrand fällt der Plattenbau am Stadtring 3A kaum auf. Nur wenige Menschen scheinen sich dorthin zu verirren. Ein paar Autos auf dem Parkplatz.

Dahinter erhebt sich das Gebäude in den grauen Januarhimmel. Neben einer Schuldnerberatung haben ein Straßen- und Tiefbauunternehmen sowie ein Konstruktions- und Zeichenbüro dort ihren Sitz. Doch nicht nur diese Unternehmen sind an der Adresse zu Hause.

Im Stadtring 3A in Cottbus sitzen mehrere brisante Firmen

Ein genauer Blick auf die Plaketten am Gebäude und in das Handelsregister verrät: Dort haben sich mehrere vom brandenburgischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Unternehmen niedergelassen. Neben Szene-Größen wie den Bekleidungsmarken „Label 23“ und „Black Legion Wear“ betrifft das auch ein Magazin aus dem AfD-Umfeld.

Wer das Gebäude betritt, entdeckt ein buntes Mosaik auf der weißen Raufasertapete des Eingangs. Durch die zweite Messingtür geht es in das Gebäude. Nach den ersten Schritten durch den Vorbau stehen Besucher im Treppenhaus, wie es die meisten noch aus DDR-Schulzeiten kennen dürften. Rechts und links geht jeweils ein langer Gang ab.

Extrem Rechte aus Brandenburg sitzen in Cottbus

Der wohl bekannteste Name an dieser Adresse ist Martin S. Er ist seit vielen Jahren in der rechtsextremen Szene in Brandenburg aktiv. S. war unter anderem Teil der verbotenen Widerstandsbewegung Südbrandenburg, besser bekannt als „Spreelichter“. Einer völkisch-rassistischen Vereinigung, die Anfang der 2010er-Jahre in Südbrandenburg aktiv war.

Verbotene Vereinigung: Widerstandsbewegung Südbrandenburg (Spreelichter)

Das Netzwerk „Widerstand Südbrandenburg“ ist eine völkisch-rassistische Vereinigung.

Deren Mitglieder wurden vor allem durch nächtliche Fackelzüge bekannt, die sie filmten und online verbreiteten.

Inhalte waren typisch rechtsextreme Themen wie der „Volkstod der Deutschen“ und „das Überleben der weißen Rasse“.

Im Jahr 2012 wurde das Netzwerk verboten, das Oberlandesgericht Berlin-Brandenburg bestätigte dieses Verbot ein Jahr später.

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung

Hinter welcher Tür sich das Modelabel „Black Legion Wear“ von S. verbirgt, ist in der Objektbeschreibung nicht gekennzeichnet. Das Impressum auf der Website des Unternehmens verrät jedoch, dass sich der Laden am Stadtring 3A befindet. Bei Black Legion handelt es sich nicht um eine herkömmliche Modemarke, das kann man bereits anhand der Vorschaubilder erahnen.

Personen, die in der Vergangenheit auch Veranstaltungen des Vereins „Zukunft Heimat“ besucht haben, posieren auf der Webseite für die Kleidungsstücke. Der Verein wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als rechtsextrem eingestuft. Überdies macht Black Legion auf ihrer Webseite Werbung für den sogenannten „Kampf der Nibelungen“.

Ein Event, das das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als die „größte und renommierteste europäische Kampfsportveranstaltung der rechtsextremistischen Szene“ bezeichnet. S. ist durch seine Kampfsportveranstaltungen mit der internationalen rechtsextremen Szene in Europa vernetzt. Das gilt ebenso für seine Modemarke. So wird auf der Homepage Solidarität mit dem verurteilten österreichischen Rechtsextremen Manuel E. kundgetan.

Der sitzt derzeit in Österreich eine neunjährige Haftstrafe wegen Verstoßes gegen das österreichische Verbotsgesetz und wegen fahrlässigen Waffenbesitzes ab. Bei dem fünffachen Vater aus Osttirol handle es sich um einen Hochrisiko-Gefährder und ein Aushängeschild der rechtsextremen Szene, erklärte die für den Prozess zuständige Staatsanwältin vor dem Innsbrucker Landesgericht.

Cottbuser Label sammelt für österreichischen Rechtsextremisten

Nicht anders läuft es mit „Subversion Production“, einem Musiklabel, das von der SVP Media GmbH unter der Leitung von Mario H. betrieben wird. Dessen Textilien und Tonträger lagern ebenfalls im Erdgeschoss des Plattenbaus am Cottbuser Stadtring. Das Musiklabel vermarktet Akteure wie Rapper „Bloody32“, Andy Habermann und Rechtsrock-Bands wie „Wutbürger“. Alle drei werden vom brandenburgischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft.

Auf T-Shirts im Online-Shop stehen Slogans, die das von Rechtsextremen benutzte Vokabular für die Absicht, Menschen ausländischer Herkunft aus Deutschland zu deportieren, nutzen. Das Konzept basiert auf einem Programm des Aktivisten Martin Sellner, einem der führenden Köpfe der Identitären Bewegung. Diese wird ebenfalls vom Bundesverfassungsgericht als rechtsextrem kategorisiert. Deutschland und die Schweiz hatten Sellner 2024 temporär mit einem Einreiseverbot belegt.

Ferner wirbt auch Subversion-Production mit einem „Soli-T-Shirt“ für Unterstützung des österreichischen Neonazi Manuel E., der als Musiker „Kombaat“ bei dem Cottbuser Label unter Vertrag steht.

Völkischer Kampfsport in Cottbus trifft auf AfD-Vorfeld

Im Eingangsbereich des Gebäudes erstrecken sich zahlreiche weiße Briefkastenreihen – jedes Unternehmen hat seinen eigenen. Auf dem Briefkasten des Musiklabels SVP Media klebt ein zweites Unternehmens-Schild. Und zwar das des „Oikos-Verlag“. Laut Unternehmensregister ist der Verlag im März 2025 von Dresden in die Lausitzstadt an den Stadtring 3A gezogen. Geschäftsführer des Verlages ist Philip S., der das Netzwerk „Ein Prozent“  leitet.

Dieses Netzwerk wird vom Bundesverfassungsschutz als „gesicherte rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. In seiner Begründung zu der Einstufung schreibt die Behörde, dass ein Prozent einen auf ethnischen Abstammungsprämissen beruhenden Volksbegriff vertritt. Beim Oikos-Verlag in Cottbus, dem S. auch vorsteht, sieht es in Bezug auf die Verfassungskonformität anders aus.

Zusammen auf einem Briefkasten am Stadtring 3a in Cottbus: Der Oikos-Verlag und SVP-Media mit dem Label Subversion-Records.

Zusammen auf einem Briefkasten am Stadtring 3A in Cottbus: Der Oikos-Verlag und SVP-Media mit dem Label Subversion Production.

Jakob Kerry

„Derzeit ist der ‚Oikos-Verlag‘ kein eigenständiges Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes Brandenburg“, sagt Andreas Carl, Sprecher des brandenburgischen Innenministeriums. Der Oikos-Verlag gibt jedoch das neurechte Öko-Magazin „Die Kehre“ heraus. Chefredakteur des Magazins ist Jonas S. Er hingegen ist dem Verfassungsschutz bekannt. In dem Einstufungsvermerk der AfD in Brandenburg als gesichert rechtsextremistische Bestrebung wird er mehrfach erwähnt.

Der Oikos-Verlag hat auf eine Anfrage dieses Medienportals nicht geantwortet, weder darauf, warum er sich für die Adresse am Stadtring entschieden hat, noch darauf, wie die Zusammenarbeit mit den anderen Unternehmen in dem Gebäude abläuft.

Modemarke aus rechtsextremem Spektrum sitzt am Stadtrand

Im Erdgeschoss, am rechten Ende des Flurs, befinden sich die Räumlichkeiten der Modemarke „Label 23“. Das Markenlogo ist gut sichtbar an der Tür zu den Lagerräumen angebracht. Das Label ging aus dem Unternehmen „Boxing Connection“ des ehemaligen deutschen Kickboxmeisters Marcus W. hervor, der wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und 2019 im Zuge der Ermittlungen gegen die sogenannte „Kampfgemeinschaft Cottbus“ in den Fokus der Behörden geraten war. Der Gruppierung wurde damals vorgeworfen, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben.

Die martialisch wirkenden, vordergründig unpolitischen Slogans von Label 23 vermitteln ein pathetisches Image von Ehre und Herkunft. Kleidung dient in der rechtsextremen Szene seit jeher als Mittel zur Wiedererkennung und Vernetzung, auch wenn diese Funktion in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren hat, denn Produkte von Label 23 sind inzwischen wie selbstverständlich im Stadtbild von Cottbus anzutreffen. Am Hintergrund der Marke, die vom brandenburgischen Verfassungsschutz ebenfalls als rechtsextrem eingeordnet wird, ändert das wenig.

So groß ist das Netzwerk von Martin S. in Cottbus

Wenn man die alten Treppen des Plattenbaus hinaufgeht, gelangt man in den Vorraum des ersten Stocks. Zwei weiße Türen, jeweils links und rechts, markieren den Eingang zu den Geschäftsräumen. Auf blauen Schildern ist aufgeführt, welche Unternehmen sich auf dem Stockwerk befinden. Auf der rechten Seite des Treppenhauses sitzt eine Steuerberatung.

Geschäftshaus Stadtring 3A

In diesem Gebäude am Stadtrand von Cottbus lagern Textilien, Tonträger und Bücher aus dem extrem rechten Spektrum. Die werden vom Stadtring 3A aus an Kunden in ganz Deutschland verkauft werden.

Michael Helbig

Gegenüber auf der linken Seite finden sich hinter einer Glastür weitere Unternehmen, die der rechtsextremen Szene nahestehen. Ein Name taucht auch dort immer wieder auf: Martin S. Laut einer Tafel vor der Glastür befindet sich sein Büro im Raum 212.

Im musikalischen Vertrieb hat sich S. mittlerweile einen Namen gemacht. Unter dem Namen Rebel Records vertreibt er rechtsextremistische Hassmusik. Der Brandenburger Verfassungsschutz schreibt in seinem Bericht, dass das Label „wichtiger Anlaufpunkt“ für die rechtsextreme Musikszene sei.

Im Online-Shop von Rebel Records wird nicht nur Rechtsrock vertrieben. Auch Reichsflaggen und geschichtsrevisionistische Anstecker sind im Sortiment. Auf einem Button ist ein lachendes blondes Mädchen zu sehen, darüber steht in Frakturschrift „Opa war in Ordnung“. Ein anderer Anstecker wird in seiner politischen Botschaft noch deutlicher. „Nationaler Sozialismus jetzt“ steht in schwarzer Schrift vor gelbem Hintergrund, darüber hebt ein Mann den rechten Arm zum Hitlergruß.

Normalisierung von Rechtsextremismus längst Realität

Was von außen wie ein austauschbarer Zweckbau am Stadtrand wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Knotenpunkt einer Szene, die dort im Verborgenen agiert. Zwischen Schuldnerberatung und Bauunternehmen haben sich rechtsextreme Akteure angesiedelt, die vom Verfassungsschutz als solche beobachtet werden - unauffällig, aber nicht weniger vernetzt.

Das Haus selbst rechnet der brandenburgische Verfassungsschutz zu den einschlägigen Szene-Objekten, weil Mieter aus dem rechtsextremen Spektrum das Gebäude laut jüngstem Verfassungsschutzbericht „regelmäßig“ nutzen. Der Vermieter, ein benachbarter Lkw-Händler, äußert sich zu den Unternehmen, die in seinem Objekt ansässig sind, nicht.

Der Plattenbau am Stadtring 3A steht laut Verfassungsschutz exemplarisch für eine Strategie, die auf Normalität setzt: keine Parolen an der Fassade, kein offenes Bekenntnis, sondern taktische Harmlosigkeit, die keinen Deut an politischer Brisanz einbüßt.