Drei Jahre ist die Szene jetzt her. Auf dem Rundschau-Gelände hatten RBB und LR zu einer Aussprache mit etwa 200 Fans von Energie Cottbus geladen. Es ging im Wesentlichen um Fußball, die Berichterstattung rund um den geliebten FCE – und doch um so viel mehr.
Denn schnell wurde aus dem Sportdialog eine Podiumsdiskussion über die Heimatstadt und den nicht immer vorteilhaften Ruf, der ihr im Rest der Welt vorauseilt. In der belebten Debatte griff schließlich ein Teilnehmer zum Mikro, um sich zu echauffieren: „Cottbus wird überall so schlecht gemacht und hat so ein schlechtes Image, dass man sich schämt. Wenn man mich fragt, wo ich herkomme, traue ich mich schon gar nicht mehr, Cottbus zu sagen – ich sage dann lieber, ich komme aus Berlin.“

Cottbus hat Probleme mit Rechtsextremismus – zum Image gehört aber viel mehr

Nun kann man sich gewiss über das Renommee von Cottbus ärgern. Deswegen seine Herkunft zu leugnen, ist aber kaum identitätsstiftend.
Ja, Cottbus hat wie jede andere Stadt auch seine Themen, die es aufarbeiten muss. Nicht zu selten geriet die Stadt in der Vergangenheit in so manche Schlagzeile. Negativmeldungen wie der Tod der ägyptischen Studentin 2017, Energie-Fans im Ku-Klux-Clan-Umhang auf dem Altmarkt 2018 oder Übergriffe auf Journalisten bei Zukunft-Heimat-Demos. Noch im Frühjahr 2018 berichteten Vertreter der Cottbuser Tourismusbranche von Einbußen durch das laut Oberbürgermeister Holger Kelch „verheerende Bild“ der Stadt.
Spürbar wird das insbesondere, wenn man Brandenburg verlässt. Bringt man dort im Smalltalk seine Cottbuser Herkunft an, so steht der Städtename zuallererst für seine Probleme mit dem Rechtsextremismus. Um Cottbus nicht nur darauf zu reduzieren, befindet man sich außerhalb von „Spreenedig“ oft in einer ständigen Rechtfertigungshaltung – doch es ist wichtig, genau das zu tun. Denn Cottbus ist mehr als ein kohleverdrecktes Nazi-Ödland.

Cottbus ist eine Alternative zum Metropolenstress und Millionstadtsmog

Wir sind eine der grünsten Städte Deutschlands. Wir können Großstadtleben bieten und mit unserem Miniaturformat trotzdem eine angenehme Alternative zum Metropolenstress und Millionenstadtsmog sein. Wir haben Oasen zum Verweilen, wir haben den Branitzer Park, den Schillerplatz, den Amtsteich, eine gute Anbindung an den Spreewald und das Seenland, und bald auch einen großen Ostsee.
Wir haben Kultur und Unterhaltung, wir haben das Staatstheater, ein Filmfestival, zwei Kinos und mit dem Weltspiegel vielleicht sogar das Schönste in ganz Brandenburg. Wir haben einen gemütlichen Altstadtkern mit einer exquisiten Gastro-Landschaft, die keine Wünsche offenlässt. Wir haben das Sebastians, das Heimat&Herz, das Coffeelatte, das U-Boot (oh mein Gott, Rehrücken an Kürbisgnocchi!), das Butcher and Friends, das Schiller-Café, wir haben eine Strandbar aufm Dach, das Primawetter, wir haben einen stolzen und geschichtsträchtigen Profifußballklub, Olympiamedaillengewinner, wir haben eine gute Uni mit einem innovativen Umfeld, ja wir hatten bis zu seinem kürzlichen Ableben sogar einen winkenden Opi, der die Hälfte der Stadt vom Bürgersteig aus zum Lächeln brachte.

Cottbuser dürfen stolz auf ihre Stadt sein: „Nur so kann man das Image drehen“

Kurzum: Cottbus ist einfach ein l(i)ebenswerter Fleck Erde! Das muss man sich nur immer wieder auch selbst bewusstmachen. Dafür wirbt auch Gabi Grube, die bis zuletzt mehr als zehn Jahre lang das Gesicht vom Stadtmarketingverband Cottbus gewesen ist. Natürlich weiß auch sie, dass es durchaus Schwierigkeiten mit Nazis gibt und zu viele Menschen hier der AfD hinterherrennen. „Und es hilft nicht, das wegzulügen oder mit schöner Werbung drüber zu tünchen“, sagt sie. „Man muss sich den Problemen stellen, Wege finden, wie man das verhandelt in der Stadtgesellschaft und zeigen, dass Cottbus bunt und offen ist. Nur so kann man das Image drehen.“
Sie bezeichnet sich selbst als „Cottbuser Pflanze“, die sich in keiner anderen Stadt so verwirklichen kann. „Wir haben kurze Wege zur Arbeit mit dem Fahrrad, wir wohnen im Grünen, wir haben Festivals, Musik, Subkultur und können uns überall einbringen“, sagt Gabi Grube. „In Cottbus ist das alles viel einfacher. Es ist viel möglich, was in großen Städten schwierig ist.“ Die Cottbuserinnen und Cottbuser stolz auf ihre eigene Stadt zu machen, war immer auch ihr Anliegen im Stadtmarketing. „Wenn Cottbuser selbst gut über ihre Stadt sprechen, ist das besser als jeder Radiospot.“

Die 18- bis 29-Jährigen sind leider noch die kleinste Gruppe in Cottbus

Ein Trend, der sich bei jungen Menschen und in den Profilen sozialer Medien noch verstärken darf. Denn auf einmal kommt die langjährige Schulbekanntschaft vom Leichhardt-Gymnasium hier aus Berlin, obwohl sie schon von Geburt an in der Vogelsiedlung lebt. Für viele Junglausitzer heißt es: Hauptsache weg nach der Schule. Auch deshalb ist die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen mit 11.245 Menschen die kleinste Gruppe in Cottbus, während die 45- bis 64-Jährigen (27.039) und die Über-65-Jährigen (26.395) die größten Gruppen sind.
Im Gespräch mit jungen Cottbuser Kreativschaffenden wie der Künstlerin Hella Stoletzki oder dem Filmemacher Stefan Göbel, die es beide fürs Studium ins Ausland trieb, zeigt sich, dass genau der Schritt raus aus Cottbus nötig ist, um die Attraktivität der Stadt anzuerkennen, weil man sie dadurch erst in Relation setzen konnte.
Womöglich hätten Weltstädte ein weit größeres Netzwerk bereitgehalten. Doch es laugt aus, sich ständig dem Superlativ hinzugeben. In den hipsten Bezirk zu ziehen, die angesagtesten Künstler*innen live zu sehen und die prestigereichsten Galerien anzusteuern. Der Lifestyle birgt ein Fass ohne Boden. Vor gut einem Jahr sagte der Cottbuser Künstler Glenn „Glönn“ Buchholz: „Ich hab‘ hier doch alles.“ Der gefragte Monstermaler fährt an den Wochenenden auf die verschiedensten Conventions quer durch Deutschland – hat aber Atelier und Wohnsitz immer schon in Cottbus.
Es muss eben nicht zwangsläufig Leipzig, Berlin oder New York sein. Wer sich erst selbst davon überzeugen will, dem sei gesagt: Zieht weg. Seht Österreich, die Niederlande oder Neuseeland. Aber dann kommt zurück. Seht euch um. Geht in euch. Vielleicht hattet ihr hier schon alles.
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