Bahnwerk Cottbus: Der Kanzler startet offiziell die ICE-Instandhaltung
Das Bahnwerk Cottbus hat einen roten Teppich ausgerollt. Über die gesamte Länge der Halle ist der Boden zwischen den beiden Gleisen entsprechend markiert. Mit Ehrerbietung für die zahlreichen Gäste zur Eröffnung hat das allerdings wenig zu tun. Über das Signalrot rollen nach dem Eröffnungs-Tamtam schließlich Maschinen und bewegen Bauteile. Die schwere Instandhaltung hat in Europas modernstem Bahnwerk bereits am 8. Januar begonnen. Für den Kanzlerbesuch wird der laufende Betrieb für eine Schicht unterbrochen.
Luzie Bobusch überreicht Olaf Scholz einen schweren Steck-Schraubenschlüssel. Das Werkzeug liegt nicht so leicht in der Hand wie ein Füllfederhalter. Der Kanzler lässt das Gewicht erst einmal wirken und geht ans Werk. Mit der Ratsche zieht er eine Schraube am Radsatzdeckel des ICE fest. Der befindet sich in angenehmer Arbeitshöhe. Der Politiker muss sich weder strecken noch hinknien. Die junge Bahnmitarbeiterin schaut genau zu und nickt. Alles richtig. Olaf Scholz spricht: „Das Werk ist eröffnet.“ Applaus.
Bis 2019 kämpft das Bahnwerk um die Existenz
Auf den Moment haben die Gäste lange gewartet, wurde zuvor doch in mehreren Reden noch einmal die Bedeutung dieses Ereignisses gewürdigt. Denn bis zum Jahr 2019 rang das Bahnwerk Cottbus immer wieder um seine Existenz. Insofern war die Entscheidung für die ICE-Instandhaltung in der Lausitz wirklich wegweisend für die gesamte Region. Die erste Halle des neuen Werkes ist das erste sichtbare Zeichen für den Strukturwandel in der Lausitz im laufenden Kohleausstieg.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) studiert die Rede, die er zur Eröffnung des neuen Bahnwerkes in Cottbus halten wird.
Frank HammerschmidtBegeisterung löst der Kanzler unter den Gästen allerdings mit einem einfachen Satz aus. Es ist nicht das Lob für das Eiltempo, mit dem der erste Teil des Bahnwerks errichtet wurde. Nur 20 Monate hat es gedauert. Es ist auch nicht der Hinweis auf die Innovation eines Cottbuser Start-ups, mit dem deutlich weniger Beton für die Fertigung der Bauteile benötigt wurde. Die Entwicklung der Sonocrete GmbH lässt in der gesamten Baubranche aufhorchen. Es ist auch nicht das neue Partnerschaftsmodell, mit dem die Deutsche Bahn die Firmen erstmals frühzeitig in das ehrgeizige Bauprojekt einbinden konnte. Das soll zur Blaupause für weitere komplizierte Infrastrukturprojekte in Deutschland werden.
Der Kanzler regt eine ICE-Strecke nach Cottbus an
Den größten Jubel und Applaus gibt es, als der Kanzler sagt: „Der ICE fährt künftig nicht nur aus der Lausitz, sondern auch in die Lausitz.“ Das soll das neue Projekt für die Region sein. Das hört Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) besonders gern. Beharrt er doch darauf, dass nach dem neuen ICE-Werk ein ICE-Halt am Cottbuser Bahnhof das nächste Ziel der Stadt sein muss.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), erhält bei der Eröffnung des Bahnwerkes in Cottbus von Richard Lutz, DB-Vorstandsvorsitzender, einen Mitarbeiterausweis der Deutschen Bahn.
Frank HammerschmidtDoch bislang wartet die Lausitz noch auf den Hauptstadt-Takt. Denn erst mit dem zweiten Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus können die Züge des RE2 künftig auch alle halbe Stunde zwischen Berlin und der Lausitz pendeln. Im Dezember 2027 soll es endlich so weit sein. Mit den Plänen für den ICE sollte deshalb vielleicht besser bald begonnen werden. Da ist Zuspruch von höchster Stelle schon hilfreich.
Das Bahnwerk ist der Beweis, dass in der Lausitz schnell und effektiv gearbeitet wird. Da wundert sich selbst der Kanzler: „Die Vorschriften sind ja überall die gleichen.“ Das Cottbuser Werk setze deshalb Maßstäbe für alle Projekte in Deutschland. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kann es sich dann auch nicht verkneifen, richtig anzugeben: „Die Lausitz ist die dynamischste Region des wirtschaftlich dynamischsten Bundeslandes.“ Im ersten Halbjahr 2023 stieg in Brandenburg das Bruttoinlandsprodukt um sechs Prozent – der absolute Spitzenwert aller Bundesländer. An dem Wert hat der Elektro-Autobauer Tesla bereits seinen Anteil. Und trotzdem haben die Lausitzer Elon Musk in puncto Bau-Geschwindigkeit eingeholt.
Alle wollen beim Bauen jetzt das Cottbus-Tempo
So streiten sich bei der Eröffnung des Bahnwerks gleich drei Parteien um ein Copyright. Der Kanzler spricht vom Deutschland-Tempo, der Ministerpräsident vom Brandenburg-Tempo und der Bahnvorstandschef Richard Lutz vom ICE-Tempo, das in Cottbus vorgelegt werde. Die Cottbuser Gäste schweigen. Sie wissen um ihren Anteil. Denn das Werk war auf die flotte und mutige Planung im Rathaus ebenso angewiesen. Schließlich begannen die ersten Vorbereitungen für den Bau mit allerlei Sondergenehmigungen; lange bevor die finale Baugenehmigung vorlag. Insofern gibt es mindestens auch ein Cottbus-Tempo.
Genauso flott muss es jetzt weitergehen. Denn das Bahnwerk für die schwere Instandhaltung der ICE4-Flotte ist noch nicht vollständig. Eine zweite Halle mit vier Wartungsgleisen muss bis Ende 2026 errichtet werden. Die Arbeiten haben am 8. Januar begonnen. Damit wird sich die Kapazität des Werkes noch einmal deutlich erhöhen.
Cottbuser Bahnwerk ist Maßanfertigung für ICE4
Bereits die erste Halle ist eine Maßanfertigung für den ICE4. Die modernste Baureihe der Hochgeschwindigkeitszüge bringt es in ihrem XXL-Format auf eine Länge von fast 400 Metern. Selbst diese 13-teiligen Züge passen komplett in die Halle hinein. Das macht Kuppeln und Rangieren unnötig. Und es können gleich mehrere Mitarbeiter gleichzeitig und in drei Ebenen an den Fahrzeugen arbeiten. Damit will die Bahn die Wartungszeit für den ICE halbieren.
Im März werden die letzten bestellten ICE4 an die Bahn ausgeliefert. Damit wächst die Flotte auf 137 Fahrzeuge an. Sie werden künftig alle Cottbus gut kennenlernen.
Zahlen und Fakten
Die zweigleisige Halle des neuen Bahnwerks Cottbus ist in einer Rekordzeit von nur 20 Monaten errichtet worden. Das Bauwerk bringt es auf eine Länge von 445 Metern. Dafür sind zunächst 48.000 Kubikmeter Erde ausgehoben worden. Für die Halle selbst wurden 11.800 Kubikmeter Beton, 1.800 Tonnen Baustahl und 83 Kilometer Kabel verbaut worden.





