Bahnwerk Cottbus: Modernstes ICE-Werk der Bahn eröffnet – Zahlen, Ziele und Jobs
Cottbus ist eine Bahnstadt. Seit dem Jahr 1873 haben viele Generationen von Lausitzern im Instandhaltungswerk der Bahn ihren Lebensunterhalt verdient. Bis heute werden dort Diesellokomotiven instandgesetzt. Direkt neben dem traditionsreichen Werk entsteht in Rekordgeschwindigkeit das modernste Werk der DB-Instandhaltung für die schwere Instandsetzung aller Züge der Baureihe ICE-4.
Erst im Jahr 2026 soll das Werk komplett fertig gebaut sein. Aber schon jetzt geht eine erste Halle in Betrieb. Das neue Bahnwerk in Cottbus soll dabei von Anfang an neue technische Maßstäbe setzen.

Das Interesse der Lausitzer am neuen Bahnwerk ist riesig. Das bewies auch ein „Tag der Schiene“ im Sommer 2023.
MICHAEL HELBIGICE-4 Zug der Superlative
Bis zum Jahr 2025 wird die ICE-4-Flotte der Deutschen Bahn auf insgesamt 137 Züge anwachsen. Sie sollen nach Aussagen der Bahn das Rückgrat des schienengebundenen Fernverkehrs in Deutschland bilden.
Grundsätzlich sind drei Varianten des ICE-4 bei der DB im Einsatz. Der kleinste dabei ist ein siebenteiliger Zug (Länge 202 m) mit drei separaten Antriebseinheiten. Diese Züge werden häufig zusammengekoppelt als sogenannte Doppeltraktion eingesetzt, um sie für unterschiedliche Zielorte auf einer Linie einfach teilen zu können. Im Einsatz für die stark nachgefragten Strecken aber sind meist zwölf- (Länge 346 m) oder dreizehnteilige ICE-4 (Länge 374 m) – die sogenannte XXL-ICE. Diese Züge verfügen über bis zu 918 Sitzplätzen, sechs bzw. sieben separate Antriebseinheiten und sind für eine Höchstgeschwindigkeit von 265 km/h ausgelegt. Übrigens: Die ICE-4 sind nicht die schnellsten Züge der DB. Die Züge der Baureihe ICE3 und ICE3neo sind noch flotter unterwegs und erreichen Höchstgeschwindigkeiten bis 320 km/h.
So oft müssen ICE-4 in die Wartung
Während die betriebsnahe Wartung der Züge laufend in Instandhaltungswerken direkt an den ICE-Strecken erfolgt, ist eine Hauptinstandsetzungen der Züge etwa alle vier bis sechs Jahre notwendig. Dann haben sie ungefähr 2,5 Millionen Kilometer zurückgelegt. Bei dieser Hauptinstandsetzung werden beispielsweise alle Drehgestelle getauscht und zahlreiche weitere Komponenten zerlegt, gewartet und gewechselt. Bahnmanager gehen davon aus, dass in Zukunft, wenn das Werk ab dem Jahr 2026 voll in Betrieb sein wird, vier bis fünf Züge pro Woche zur Instandsetzung nach Cottbus überführt werden.

Der Gesamtkomplex des neues Bahnwerks in Cottbus. Im Januar 2024 beginnt in der Halle 2 die Instandsetzung des ersten ICE-4
Deutsche BahnDie zwei neuen Mega-Hallen in Cottbus
Mit der Halle 2 wird beim neuen Bahnwerk in Cottbus zunächst die „kleinere“ der beiden Instandhaltungshallen am 8. Januar 2024 mit zwei Wartungsgleisen in Betrieb genommen. Die Halle ist mit 445 Metern Länge (Breite 26 bis 33 m) auch für die Wartung der XXL-ICE ohne Zugteilung auf einem Gleis optimiert .
Ursprünglich war in Cottbus der Bau einer einzigen Riesen-Halle geplant. Deren Fertigstellung aber hätte zu lange gedauert, um mit der Wartung der ICE4-Flotte beginnen zu können. Die Halle 1 in Cottbus, deren Bau inzwischen auch bereits begonnen hat, soll bis Mitte des Jahres 2026 einsatzbereit sein. Mit ihr werden noch einmal ganz andere Dimensionen erreicht. Halle 1 (Breite 200 Meter) ist mit 526 Metern fast 100 Meter länger als ihre kleine Schwester, die Halle 2. In der großen Halle gibt es in Zukunft nicht nur vier weitere Instandhaltungsgleise, sondern zusätzlich eine separate Lackierstraße, um den ICE eine neue Lackierung zu verpassen. Im Bereich der Halle 1 untergebracht werden auch eine große Werkstatt und ein großflächiger, weitgehend automatisierter Lagerbereich.
Besondere Ausstattung der neuen Hallen in Cottbus
Die Mitarbeiter im Bahnwerk Cottbus werden in den neuen Hallen gleichzeitig auf drei Arbeitshöhen an den Zügen arbeiten können. Dafür werden die ICE aufgeständert. Sie fahren auf eine Höhe von knapp einem Meter in die Halle. Die Fahrleitung dort kann nach der Einfahrt eines Zuges weggeschwenkt werden. Damit sind die Beschäftigten in der Lage gleichzeitig die Unterbauten mit den Drehgestellen entfernen und daran arbeiten zu können. Dazu kommen ein noch tieferer Arbeitsschacht und eine Dacharbeitsbühne. Schwere Bauteile werden von Deckenkränen bewegt, die über die gesamte Hallenlänge im Einsatz sind. In Stoßzeiten sollen beispielsweise mehrere Drehgestelle gleichzeitig demontiert werden.

Arbeiten auf mehreren Ebenen. Insgesamt an die 400 Mitarbeiter sollen schon in der zweigleisigen – „kleineren“ – Halle 2 oft Zeitgleich an einem ICE-4 arbeiten können.
MICHAEL HELBIGStandzeit der ICE-4 soll halbiert werden
Die große Instandsetzung eines ICE-Zuges nimmt heute noch oft mehr als 20 Tage in Anspruch. Das Ziel der Bahn ist es, die Instandhaltungszeiten für die ICE-4 im Cottbuser Werk nahezu zu halbieren, um die Züge schneller wieder zum Einsatz bringen zu können. Erreicht werden soll das nicht allein durch das zeitgleiche Arbeiten an unterschiedlichen Baugruppen auf mehreren Ebenen. Die voll vernetzten Züge sollen schon die während ihres Einsatzes gesammelten Daten an einen Rechner der Instandhaltung übertragen, um auftretenden Verschleiß rechtzeitig zu erkennen. So könnten „Schäden“ behoben werden, ehe sie auftreten.
In kniffligen Fällen können Techniker, ausgestattet mit speziellen AR-Brillen, Fachleute aus Zulieferfirmen online direkt zurate ziehen, um Probleme zu beheben.
Ziel in Cottbus ist nach Angaben der Bahn außerdem die „komplett papierlose Instandhaltung“. Künftig soll es keine Zettelwirtschaft um jeden Zug geben. Alle Wartungsprotokolle werden digital bearbeitet und gespeichert.
Bahn wird zum großen Ausbilder in der Lausitz
Die Deutsche Bahn will mittelfristig Fachleute des Lausitzer Energieunternehmens Leag in Größenordnungen übernehmen, wenn deren Beschäftigungsmöglichkeiten in der Kohlewirtschaft entfallen. Gleichzeitig übernimmt die Bahn eine Ausbildungsstätte der Leag am Kraftwerk Jänschwalde. Pro Jahr sollen dort nicht nur 100 Bahn-Azubis ausgebildet werden. Mittlerweile arbeiten die Bahnmanager gemeinsam mit den Wirtschaftskammern in der Lausitz an einer Ausbildungskooperation für den Mittelstand in Südbrandenburg und Ostsachsen.
Diese Jobs werden im Bahnwerk Cottbus gebraucht
Für Abiturienten bietet die Deutsche Bahn duale Studiengänge. Zur Auswahl stehen dabei Elektrotechnik, Bauingenieur- und Bahningenieurwesen. Wer sich für eine Ausbildung interessiert, kann sich auch zwischen den Berufen Koch, Kaufmann für Verkehrsservice, Elektriker in verschiedenen Fachrichtungen, Mechaniker, IT-Systemelektroniker, Disponent, Gleisbauer und Gebäudereiniger entscheiden.
Wer ausgelernt hat, kann sich spezialisieren, zum Beispiel auch für die Arbeit in einem Rettungszug. An sechs Standorten in Deutschland, in deren Nähe sich große Tunnel befinden, steht ein Zug, der aus zwei Loks und fünf Wagen zusammengesetzt ist.

Die ersten jungen, bei der Leag ausgebildeten Facharbeiter, haben längst schon zur Deutschen Bahn gewechselt. Doch zwischenzeitlich stockte der Arbeitsplatzwechsel allerdings, weil in der Energiekrise in den Leag-Tagebauen und -Kraftwerken auf einmal wieder mehr Fachkräfte gebraucht wurden.
Frank HammerschmidtDazu gehören Transport- und Lösch-, aber auch ein OP-Wagen. Die Fahrzeugeinheiten sind dafür da, im Notfall Menschen aus einem Tunnel zu retten. Im alten Teil des Bahnwerks Cottbus werden diese Wagen umgerüstet und auf den neuesten Stand gebracht. Alle Informationen rund um die Ausbildung bei der Bahn gibt es auf der Karriereseite der DB im Internet.
Neues Bahnwerk – Mega-Vorhaben im Strukturwandel
Das neue Bahn-Instandhaltungswerk in Cottbus schafft insgesamt 1200 neue Industriearbeitsplätze. Das Projekt, in das mehr als eine Milliarde Euro investiert werden, ist eines der größten Vorhaben beim Lausitzer Strukturwandel. Dabei geht es darum, Tausende Arbeitsplätze zu ersetzen, die in den Braunkohletagebauen und Kraftwerken mittelfristig wegfallen. Weitere Megaprojekte dabei sind der Aufbau einer neuen Universitätsmedizin in Cottbus und die Entwicklung eines Wissenschaftsparks, des Lausitz Science Park (LSP).







