In Wien sind bei einem mutmaßlich islamistisch motivierten Terroranschlag vier Menschen, darunter eine Deutsche, getötet und 22 verletzt worden. Die österreichische Polizei hat den Attentäter nach eigenen Angaben erschossen. Im folgenden werden Fragen zur Tat, zum Täter und zu den Hintergründen beantwortet.

Terroranschlag in Wien: Was ist über den Attentäter bekannt?

Der Attentäter von Wien heißt nach nach Angaben der österreichischen Sicherheitsbehörden Kujtim Fejzulai. Er wurde in Wien geboren, war 20 Jahre alt und demnach ein Anhänger der radikalislamistischen Terrormiliz IS. Er hatte nordmazedonische Wurzeln. Der 20-Jährige hatte laut Österreichs Innenministerium einen österreichischen und nordmazedonischen Pass.
Nach Angaben des österreichischen Innenministers Karl Nehammer gab es ein Verfahren der Wiener Behörden, um ihm den österreichischen Pass abnehmen zu können. Es habe aber wohl „zu wenige Hinweise auf das aktive Tun des Attentäters“ gegeben, um das Verfahren erfolgreich abzuschließen.

Terroranschlag in Wien: Wie lief die Tat ab?

Der 20-jährige Attentäter hatte laut österreichischer Polizei am Montagabend, 2. November, nahe der Hauptsynagoge in der Wiener Innenstadt um sich geschossen. Er habe mindestens vier Menschen getötet und 22 weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt. Anschließend wurde der Täter, laut Polizei um 20.09 Uhr, von Polizisten erschossen.
Einsatz gegen Terror: Polizisten in der Wiener Innenstadt kontrollieren einen Mann. Ein Beamter hält eine Waffe im Anschlag.
Einsatz gegen Terror: Polizisten in der Wiener Innenstadt kontrollieren einen Mann. Ein Beamter hält eine Waffe im Anschlag.
© Foto: Roland Schlager/APA/dpa
Die ersten Schüsse fielen am Montag gegen 20 Uhr nahe der Synagoge in einem Ausgehviertel Wiens Mitte. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos in die Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Passanten rannten in Panik davon. Einige hoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie unbewaffnet sind.

Terroranschlag in Wien: Wie viele Tatorte gab es?

Der Polizei zufolge gab es sechs verschiedene Tatorte. Einer davon liegt direkt neben der Hauptsynagoge in der Seitenstettengasse im Innenstadtbezirk von Wien.
Terror in Wien: Dieser Kartenausschnitt zeigt die am 3. November 2020 bekannten Tatorte in der Wiener Innenstadt, sie liegen nahe einer Synagoge und südlich vom Donaukanal.
Terror in Wien: Dieser Kartenausschnitt zeigt die am 3. November 2020 bekannten Tatorte in der Wiener Innenstadt, sie liegen nahe einer Synagoge und südlich vom Donaukanal.
© Foto: dpa-infografik GmbH

Terroranschlag in Wien: Gibt es ein antisemitisches Motiv?

Die Tatorte liegen laut Polizei in der Nähe einer Synagoge. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Oskar Deutsch, schrieb auf Twitter, es könne nicht gesagt werden, ob die Gemeinde eines der Ziele war. „Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge (...) als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren“, schrieb Deutsch.

Terroranschlag in Wien: Wie war der Attentäter bewaffnet?

Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) erklärte am Dienstag, 3. November, zum Attentäter: „Er war mit einer Sprengstoffgürtel-Attrappe und einer automatischen Langwaffe, einer Faustfeuerwaffe und einer Machete ausgestattet, um diesen widerwärtigen Anschlag auf unschuldige Bürgerinnen und Bürger zu verüben.“ Der Täter habe offenbar Panik verbreiten wollen.

Terroranschlag in Wien: Was ist über die Toten bekannt?

Es kamen ein älterer Mann, eine ältere Frau, ein junger Passant und eine Kellnerin ums Leben, wie Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz am Dienstag, 3. November, sagte. Unter den Getöteten ist eine Deutsche. „Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Angriffs in Wien ist“, teilte Außenminister Heiko Maas am Dienstag, 3. November, in Berlin mit.

Terroranschlag in Wien: Wie geht es den Verletzten?

Mindestens sieben Menschen seien „in kritischem, lebensbedrohlichem Zustand“, sagte eine Klinikverbandssprecherin in Wien. Ein Polizist, der sich dem Täter entgegengestellt habe, sei niedergeschossen und verletzt worden, sagte Kurz. Nach Angaben der Kliniksprecherin befindet er sich „kritisch-stabilem“ Zustand.

Terroranschlag in Wien: Wie ist die Sicherheitslage dort?

Wegen der weiteren polizeilichen Ermittlungen waren die Bürger auch am Dienstag, 2. November, aufgerufen, die Innenstadt zu meiden. Die Wiener Innenstadt war zeitweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erreichbar. Weder Busse noch Bahnen steuerten Ziele im historischen Kern der Zwei-Millionen-Metropole an. 1000 Beamte seien in Wien im Einsatz, hieß es am 2. November.
Nach dem Terrroranschlag von Wien Bewaffnete Polizisten stehen Wache im Stadtzentrum.
Nach dem Terrroranschlag von Wien Bewaffnete Polizisten stehen Wache im Stadtzentrum.
© Foto: Hans Punz/APA/dpa

Terroranschlag in Wien: Welche Zeugnisse der Tat gibt es?

Es gibt zahlreiche Augenzeugen. Die Bevölkerung habe der Polizei inzwischen Tausende von Videoaufnahmen für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt, teilte die Sicherheitsbehörde fest. Die Wohnung des Verdächtigen sei auf der Suche nach belastendem Material durchsucht worden, hieß es.

Terroranschlag in Wien: Welche Verbindung besteht zu Islamisten?

Der von der Polizei erschossene Attentäter wollte in der Vergangenheit nach Syrien ausreisen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Dies teilte der österreichische Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) der Nachrichtenagentur APA mit.
Der Attentäter sei an der Ausreise nach Syrien gehindert worden. Er sei am 25. April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft in Österreich verurteilt worden.

Terroranschlag in Wien: Wie radikalisierte sich der Attentäter?

Der ehemalige Anwalt des jungen Mannes, Nikolaus Rast, sagte am Dienstag, 22. November, der junge Mann stamme aus einer völlig normalen Familie. „Für mich war das ein Jugendlicher, der das Pech gehabt hat, an die falschen Freunde zu geraten“, sagte der Strafverteidiger gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA.
2019 musste sich der Wiener dann wegen seiner IS-Mitgliedschaft vor Gericht verantworten. Im April 2019 gab der mutmaßliche Terrorist vor dem Wiener Landesgericht an, dass er sich in seinem Leben nie benachteiligt gefühlt hatte. Während der Pubertät begann er sich mit dem Islam zu beschäftigen, wie die Tageszeitung Der Standard berichtete.
Ende 2016 sei er nach eigenen Aussagen in die „falsche Moschee“ geraten. Seine Leistungen in der Schule wurden immer schlechter, Streit mit der Mutter habe es immer öfter gegeben. „Ich wollte weg von zu Hause“, erzählte der Mann vor Gericht. Vom IS habe er sich ein besseres Leben erwartet, eine eigene Wohnung, eigenes Einkommen.

Terroranschlag in Wien: Wann wurde der Attentäter zuerst festgenommen?

Im September 2018 brach der mutmaßliche Terrorist allein in die Türkei auf. Von dort wollte er nach Syrien, um für den IS zu kämpfen. Über den Messengerdienst Telegram verbreitete er Propaganda der Terrormiliz, wie die Tageszeitung Heute berichtete.
Zwei Tage nach seiner Ankunft in der Türkei nahmen ihn türkische Polizisten in einem sogenannten Safehouse, das sein früherer Anwalt, Nikolaus Rast, als Rattenloch ohne Dusche, Toilette und fließendes Wasser bezeichnete, fest. Er saß vier Monate in der Türkei in Haft, ehe er nach Österreich überstellt wurde. Nach einem Gerichtsverfahren in Österreich wurde der spätere Attentäter zu 22 Monaten Haft verurteilt – im April 2019.

Terroranschlag in Wien: Wieso kam der Attentäter vorzeitig frei?

Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sagte, der Attentäter sei am 5. Dezember 2019 „vorzeitig bedingt“ aus der Haft entlassen worden. Demnach galt er als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes.
Der Islamist nahm nach Angaben seines Anwalts Nikolaus Rast an einem Deradikalisierungsprogramm teil und wurde wegen günstiger Prognose vorzeitig entlassen. Er habe alle getäuscht, sagte Rast.

Terroranschlag in Wien: War der Attentäter Einzeltäter?

Ob er einen oder mehrere Komplizen hatte, war am 3. November noch unklar. Laut österreichischem Innenministerium gab es umfangreiche Razzien im Umfeld des Täters. Dabei seien 14 Menschen aus dem Umfeld des Täters vorläufig festgenommen und 18 Wohnungen durchsucht worden.
St. Pölten in Österreich: Beamten der Spurensicherung ermitteln im Zusammenhang mit dem Terroranschlag in Wien in einen Wohnhaus.
St. Pölten in Österreich: Beamten der Spurensicherung ermitteln im Zusammenhang mit dem Terroranschlag in Wien in einen Wohnhaus.
© Foto: Martin Auernheimer/APA/dpa
Wie die österreichische Nachrichtenagentur APA unter Berufung auf einen Polizeisprecher berichtete, gab es in der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten zwei Hausdurchsuchungen. Der Kurier berichtete, es handele sich um Kontaktadressen des mutmaßlichen Attentäters. Widerstand geleistet habe niemand. In St. Pölten wurden zwei Menschen festgenommen.

Terroranschlag in Wien: Wie wird der Opfer gedacht?

Österreich ehrt die Opfer des Terrorakts mit einer dreitägigen Staatstrauer. Das beschloss der Sonder-Ministerrat am Dienstag, 3. November, in Wien. „Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Opfern, den Verletzten und den Angehörigen in diesen besonders schweren Stunden für die Republik Österreich“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz.
Die Staatstrauer gilt bis einschließlich Donnerstag, 5. November. Am ersten Tag der Staatstrauer sollte um 12 Uhr mittags eine „Minute des stillen Gedenkens“ eingehalten werden. Am Dienstagnachmittag war eine gemeinsame Kranzniederlegung der Regierung am Tatort in Wien geplant, um der Opfer zu gedenken.
Die Schulen sollen zu Beginn des Unterrichts am Mittwoch, 4. November, eine Gedenkminute einhalten.

Terroranschlag in Wien: Wie bewertet Österreichs Regierung die Tat?

Es handele sich um eine „abscheuliche Tat“ und „einen Anschlag auf die Freiheit und Demokratie der Republik Österreich“, sagte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen sieht trotz der Terror-Attacke die liberale Demokratie nicht gefährdet. „Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und in Liebe“, sagte das Staatsoberhaupt.

Terroranschlag in Wien: Wie regiert Deutschland?

„Wir Deutsche stehen in Anteilnahme und Solidarität an der Seite unserer österreichischen Freunde. Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind. Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf“, ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über Twitter mitteilen.

Terroranschlag in Wien: Wie reagieren Politiker in den USA?

„Nach einem weiteren abscheulichen Terrorakt in Europa sind unsere Gebete bei den Menschen in Wien“, schrieb US-Präsident Donald Trump am späten Montagabend (Ortszeit) auf Twitter. Die USA stünden an der Seite Österreichs, Frankreichs und ganz Europas im Kampf gegen Terroristen, einschließlich radikal-islamische Terroristen.

Cottbus/Senftenberg

Sein demokratischer Herausforderer Joe Biden twitterte, er und seine Frau Jill beteten nach dem schrecklichen Terrorangriff in Wien für die Opfer und deren Familien. „Wir müssen alle vereint gegen Hass und Gewalt eintreten“, ergänzte er. In den USA wird am Dienstag, 3. November, ein neuer Präsident gewählt.

Terroranschlag in Wien: Wie reagieren andere Staaten?

Der russische Präsident Wladimir Putin verurteilte den Terroranschlag als „brutales und zynisches Verbrechen“. Israels Staats- und Regierungsspitze verurteilte die Attacke ebenso wie die Türkei. „Wir sind traurig über die Nachricht, dass es infolge des Terroranschlags in Wien Tote und Verwundete gibt“, teilte das Außenministerium in Ankara mit.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Deutsch auf Twitter: „Nach Frankreich ist es ein befreundetes Land, das angegriffen wird. Dies ist unser Europa. Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nichts nachgeben.“
In Frankreich hatte es in den vergangenen Wochen drei Anschläge gegeben, die Ermittler gehen jeweils von einem islamistischen Hintergrund aus.
Terror in Frankreich Das Gift des Islamismus

Paris

Terroranschlag in Wien: Wie gefährdet ist Deutschland?

Nach dem Terroranschlag in Wien haben Bundes- und Grenzpolizei in Bayern Kontrollen sowie Fahndung an der Grenze zu Österreich noch in der Nacht verstärkt. Man stehe in engem Kontakt mit den österreichischen Behörden und dem Bundeskriminalamt, um die aktuelle Gefährdungslage in Bayern zu bewerten, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstag in München.
Herrmann sagte, der islamistische Terrorismus gehöre zu den größten Bedrohungen Europas. Der Innenminister betonte, die Sicherheitsbehörden seien höchst wachsam. Auch in Bayern gebe es eine Reihe gefährlicher Islamisten, die im Fokus von Polizei und Verfassungsschutz stünden.
Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD), fürchtet angesichts des Anschlags von Wien eine neue Welle des islamistischen Terrorismus. „Ich bin besorgt, dass dies erst der Anfang einer neuen Welle sein könnte“, sagte Maier dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Auch die jüngsten Anschläge in Frankreich und Deutschland machten „auf schreckliche Art und Weise deutlich, dass die Aktivitäten der Islamisten wieder zunehmen“. Das Muster sei dabei ähnlich, so Maier: „Wahllos werden Passanten angegriffen, um in der durch die Pandemie verunsicherten Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten.“

Islamistischer Terror: Welche Anschläge gab es zuletzt?

Am 4. Oktober hatte ein Mann in Dresden zwei Touristen aus Nordrhein-Westfalen mit einem Messer angegriffen und einen von ihnen getötet. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen und geht von einem radikal-islamistischen Hintergrund aus. Der 20 Jahre alte Tatverdächtige stammt aus Syrien.
Mitte Oktober war in Frankreich der Lehrer Samuel Paty von einem 18-Jährigen getötet worden, nachdem er in einer Unterrichtsstunde zur Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Keine zwei Wochen später starben bei einer Messerattacke in einer Kirche drei Menschen in Nizza, auch hier geht die Staatsanwaltschaft von einem islamistischen Anschlag aus.