Nach dem tödlichen Messerangriff eines Syrers am 4. Oktober 2020 in Dresden sind weitere Einzelheiten über den mutmaßlichen Täter bekannt geworden. Der heute vermutlich 20-Jährige soll Ende 2017 vergeblich versucht haben, zu einer Schwester in die Türkei auszureisen.
Wie aus internen Dokumenten hervorgeht, wollten die deutschen Behörden dem jungen Mann aus Syrien, der kurz zuvor als islamistischer Gefährder eingestuft worden war und damals in Untersuchungshaft saß, bei seiner Ausreise behilflich sein. Als Gefährder bezeichnet die Polizei Menschen, denen sie schwere politisch motivierte Straftaten zutraut, etwa einen Terroranschlag.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur scheiterte das Vorhaben aber daran, dass ihm die türkische Botschaft aufgrund fehlender Nachweise kein Visum ausstellen wollte. Wie die dpa weiter erfuhr, war geplant gewesen, die türkischen Behörden mit Informationen zu dem IS-Anhänger versorgen, allerdings erst nach dessen Ausreise aus Deutschland.

Vorwurf: Islamist tötete einen Mann (55) und verletzte einen 53-Jährigen

Am 4. Oktober waren in Dresden zwei Männer Opfer einer Messerattacke geworden. Ein 55-Jähriger aus Krefeld starb, ein weiterer Mann (53) aus Köln überlebte schwer verletzt. Der junge Syrer steht unter Tatverdacht; er wurde am 20. Oktober in Dresden in der Nähe des Tatorts festgenommen.
Die Ermittler vermuten ein islamistisches Motiv. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. Nach einem Bericht von Bild Live war der mutmaßliche Täter fünf Tage zuvor erst aus der Haft entlassen worden.
Der junge Mann, dessen Geburtsjahr in den Akten mit 1998 oder 2000 angegeben wird, hatte im Februar 2016 in Chemnitz einen Asylantrag gestellt. Im September 2017 - nach seiner Festnahme – erklärte er den Akten zufolge, er wolle Deutschland wieder verlassen. Im April 2018 soll er jedoch angegeben haben, er wolle nicht nach Syrien zurückkehren, da er dort zum Militär eingezogen würde.

Islamist aus Dresden war im Visier der Terrorabwehr

Der junge Islamist und seine Ausreisepläne waren zu der Zeit mehrfach Thema in der sogenannten AG Status des gemeinsamen Terrorabwehrzentrums von Bund und Ländern. Er war ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten, weil er für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geworben und nach einer Anleitung zum Bau von Sprengstoffgürteln gesucht hatte.
Das Oberlandesgericht Dresden hatte ihn im November 2018 unter anderem wegen Werbens um Mitglieder oder Unterstützer einer terroristischen Vereinigung im Ausland, Sichverschaffens einer Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Körperverletzung und Bedrohung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt.

Dresden/Berlin

Der mutmaßliche islamistische Extremist war am Tag der tödlichen Messerattacke in Dresden weder am Tatort noch in dessen Umfeld beschattet worden. „Der Tatverdächtige wurde während der Tatbegehung nicht nachrichtendienstlich observiert“, teilte das Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen am 23. Oktober mit.

Dresden: Zum Tat-Zeitpunkt hatten Behörden Syrer nicht im Blick

Dem Amt hätten zu keinem Zeitpunkt konkrete Hinweise dazu vorgelegen, dass die „Zielperson an dieser abscheulichen Tat beteiligt war“. Am 22. Oktober hatten die sächsischen Sicherheitsbehörden mitgeteilt, dass der mutmaßliche Täter seit seiner Entlassung aus einem Jugendgefängnis observiert wurde, allerdings nicht rund um die Uhr.
2019 war dem jungen Syrer der Status als Flüchtling aufgrund von Straftaten aberkannt worden. Wegen des geltenden Abschiebestopps nach Syrien konnte er bisher aber nicht außer Landes gebracht werden. Die Tat hat die Debatte um die Abschiebung krimineller Flüchtlinge zum Beispiel nach Syrien erneut angefacht.