Von André Bochow

Die Fridays-for-Future-Klimastreiks werden schon im ersten Satz des Geleitwortes der aktuellen Shell-Jugendstudie erwähnt.

Über die Jugendlichen von heute schreibt der Vorsitzende der Shell-Geschäftsführung, Thomas Zengerly: „Sie protestieren gegen Reformen des EU-Urheberrechts und gehen auf Demonstrationen in den Schulstreik für das Klima.“ Das deutet auf eine wachsende Politisierung der Jugend von heute hin.

Ja, sagt Mathias Albert von der Uni Bielefeld, die Jugend artikuliert sich. „Und sie tut das nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber Politik und Gesellschaft.“ Mehrheitlich seien die jungen Menschen, von denen 2572 im Alter von 12 bis 25 Jahren von Januar bis März dieses Jahres befragt wurden, nach wie vor „pragmatisch und tolerant. Und mehr als die Hälfte von ihnen sieht die Zukunft zuversichtlich“. Genau so viele wie vor vier Jahren.

Albert, der die Studie geleitet hat, findet das „bemerkenswert“. Dies deshalb, „weil bei einer Reihe von Themen die Ängste zugenommen haben“. Vor Umweltverschmutzung (von 61 auf 71), vor Klimawandel (von 56 auf 65 Prozent), auch vor Zuwanderung. Hier wuchs der Anteil der Besorgten von 28 auf 33. Vor Ausländerfeindlichkeit haben 52 der Jugendlichen Angst. 2015 waren es 48.

Und was ist nun mit der Politisierung? „Es gibt sie“, sagt der Bielefelder Professor. Es bedeutet, „dass diejenigen, die sich mit Politik auseinandergesetzt haben, sich jetzt noch intensiver engagieren“. Es läge auch im Trend, sich politisch zu interessieren. „Das heißt aber nicht, dass insgesamt das politische Interesse steigt.“

Mathias Albert erklärt, das mit dem hohen Niveau, auf dem sich das politische Interesse junger Menschen stabilisiert habe. „Weit entfernt von den historischen Tiefstständen der Nuller-Jahre.“ Die, die zu den Fridays-for-Future-Demos gehen, gehörten zu den schon Politisierten, die gerade eine „Selbstwirksamkeitserfahrung“ machen. Es handele sich um einen „sich selbst verstärkenden Mechanismus“.

Warum das nicht gleichbedeutend mit wachsender Politisierung ist, erklärt Albert nicht. Der Sozialwissenschaftler Ulrich Schneekoth, Co-Autor der Shell-Studie, sagt über „Fridays-for-Future“, das sei „mehr als politisches Interesse. Das ist politische Bewegung“.

Noch komplizierter wird es, wenn nach der Anfälligkeit für Populismus gefragt wird. Albert: „Es gibt einen signifikanten Anteil, der für Populismus anfällig ist.“ Es sei allerdings nicht die Mehrheit.

Ein „harter Kern“ von neun Prozent stimmt praktisch allen populistischen Aussagen zu, 24 nicken bei einzelnen Aussagen. „39 Prozent lehnen populistische Statements fast vollständig ab und 28 Prozent positionieren sich nicht eindeutig.“

Etwas klarer wird das Bild, wenn man sich konkrete Fragen anschaut. 68 der Befragten stimmen ganz oder weitgehend der These zu, man dürfe in Deutschland „nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“. Ein Drittel sieht die Heimat „durch den Islam unterwandert“.

Gleichzeitig findet es eine deutliche Mehrheit positiv, dass Deutschland so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, und eine noch viel größere Mehrheit wendet sich gegen alle Formen der Intoleranz gegenüber Minderheiten.

Etwas leichter sind die Aussagen zur Gerechtigkeit zu bewerten. Knapp zwei Drittel der Jugendlichen finden, dass es hierzulande insgesamt gerecht zugeht. Diese Aussage gilt sowohl für ostdeutsche als auch für westdeutsche Befragte. Kaum überraschend: Je prekärer die soziale Lage, desto ungerechter wird die Gesellschaft empfunden.

Mit der Demokratie sind die jungen Deutschen zufriedener als zuvor. Nur ein Fünftel ist unzufrieden. 2010 lag der entsprechende Anteil bei mehr als einem Drittel.

Gleichzeitig stimmen 71 Prozent der Aussage zu: „Politiker kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken.“ Die Studie spricht von „Politikverdrossenheit auf hohem Niveau“. Dafür mag die Jugend von heute ihre Eltern. Und zwar mit steigender Tendenz. Neun von zehn haben ein gutes oder sehr gutes Verhältnis und drei Viertel sehen die Eltern als Erziehungsvorbilder.

Was die Unterschiede zwischen den Jugendlichen insgesamt betrifft, nehmen diese laut Mathias Albert „in vielen Bereichen – etwa zwischen den Geschlechtern oder zwischen Ost und West – eher ab“.

Sieht man auf alle Themen und Einstellungen, „sind es nicht Alter, Geschlecht, Region, nicht der Migrationshintergrund, die als bestimmend für Unterschiede ins Gewicht fallen, sondern die soziale Herkunft.“ Es seien die Differenzen zwischen „den oberen 80 Prozent und den unteren 20 Prozent“.