Vor 80 Jahren hat die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen. Ist lange her, könnte man sagen. Gehört zum „Fliegenschiss“ in der deutschen Geschichte, sagen allen Ernstes manche. Andere erinnern ausführlich an den Hitler-Stalin-Pakt und an das deutsche Leid im Zusammenhang mit dem Weltkrieg. Aber es hilft alles nichts: Dieser Weltkrieg und gerade der Überfall auf die Sowjetunion waren ein deutscher Angriffskrieg. Daran, dass er auch ein monströses, unfassbares Verbrechen war, hat Bundespräsident Steinmeier in einer Rede erinnert, die in die Schulbücher gehört.
„Nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern.“ Dieser Befehl des Generalquartiermeisters des deutschen Heeres aus dem November 1941 drückt vieles von dem aus, was auch den heutigen Deutschen als historische Last nicht so einfach abzunehmen ist.  „Haben zu verhungern“ – deutsche Nützlichkeitserwägungen und die auf rassistischen Grundsätzen basierende Barbarei bildeten eine Mischung, die millionenfaches Gemetzel ermöglichte.

Nur wenige Wehrmachtssoldaten stellten die Verbrechen in Frage

27 Millionen Menschen, Russen, Belorussen, Ukrainer und andere Sowjetbürger überlebten  nicht. Darunter 14 Millionen Zivilisten. Männer, Frauen und Kinder. Millionen wurden ermordet. Erschossen, vergast, verbrannt. Die jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten wurde fast vernichtet. Oft genug waren die Täter einfache Wehrmachtsangehörige. In Ost- und Westdeutschland kennt man das: „Opa erzählt wieder vom Krieg“. Dass er nicht erzählt hat, an welchen Verbrechen er beteiligt war, ist menschlich. Unmenschlich war, dass nur wenige Wehrmachtsoldaten die Verbrechen infrage stellten. Während des Krieges und auch danach.
Steinmeier hat Recht. An all das müssen wir erinnern. Immer wieder. Und auch daran, dass es keine Selbstverständlichkeit war, dass den Deutschen vergeben wurde, dass sie wieder neu anfangen, später sogar die Wiedervereinigung erleben durften. Aber dieses Erinnern darf nicht im Betrachten der Vergangenheit steckenbleiben. Der Opfer zu gedenken ist wichtig, aber ist nicht die eigentliche Aufgabe. Vielmehr gilt es, sich gegen eine Entwicklung zu stemmen, in der es wieder zur Selbstverständlichkeit wird, die eigene Nation über andere zu stellen. In der aus der Geschichte gelernt wird, dass man anderen Völkern in ewiger Feindschaft verbunden ist.
Und ja, es gibt Nationalismus in Deutschland, aber er ist hier nicht Staatsdoktrin. Anderswo schon. Mehr oder weniger offen etwa in Russland. So rechtfertigt der Kreml seine kriegerische Politik gegenüber der Ukraine und manches mehr. Daraus das Recht abzuleiten, unsererseits die Russen aufs Neue zu dämonisieren, wäre das Gegenteil von dem, was man „aus der Geschichte lernen“ nennt.
Das bedeutet nicht, dass man vor Putin den Buckel krumm macht. Aber wir müssen auch noch nach 80 Jahren die Geschichte in Rechnung stellen und alles unternehmen, um neue Feindschaften abzubauen oder zu verhindern. Nur so wird die historische Last allmählich leichter.

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