Von Theresa Münch
und Christoph Trost

Am Ende stehen alle Kandidaten auf der Bühne, recken gemeinsam die Hände nach oben. Und am Schluss der 23. SPD-Regionalkonferenz am Samstag in München, werfen die Zweier-Teams, die sich um den SPD-Vorsitz bewerben, Luftballon-Bälle in den Saal.

Das soll symbolisieren: Der Ball liegt nun bei den Mitgliedern. Von diesem Montag an darf die SPD-Basis darüber abstimmen, wer die Partei künftig führen soll.

Gibt es Favoriten? Eindeutige Favoriten haben sich bei den Regionalkonferenzen nicht herauskristallisiert, aber vier Paaren räumen Beobachter gute Chancen ein. Dazu gehören etwa Vizekanzler Olaf Scholz und seine Brandenburger Kollegin Klara Geywitz – beide werden allein wegen Scholz‘ Bekanntheit Stimmen einheimsen.

Doch Scholz bläst der Wind auch kräftig ins Gesicht. Wie könne jemand glaubwürdig seine Kandidatur erklären, „der uns in dieses Tal der Tränen geführt hat“, wurde er gefragt. Der Finanzminister gab sich gewohnt zurückhaltend, überließ oft Geywitz das Reden. Wie kein anderes Team stehen beide für eine Fortsetzung der Großen Koalition.

Als eine Art Anti-Scholz präsentiert sich der frühere Finanzminister Nordrhein-Westfalens, Norbert Walter-Borjans. Zusammen mit der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten Saskia Esken tritt er für höhere Steuern für Reiche ein. Auch deshalb gilt das Duo als Favorit der Partei-Linken. „NoWaBo“, wie Walter-Borjans in sozialen Netzwerken heißt, wird auch von den Jusos und deren Chef Kevin Kühnert sowie vom mitgliederstarken Landesverband NRW unterstützt.

Für noch mehr Neuanfang stünden die NRW-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann und Europa-Staatsminister Michael Roth. Sie wären eine Spitze ohne Abnutzungserscheinungen. Das kommt bei vielen gut an – allerdings polarisiert kaum ein Duo so sehr. Manch einer fühlt sich ans Führungsteam der Grünen, Annalena Baerbock und Robert Habeck, erinnert. Kampmann nervt der Vergleich.

Und dann sind da noch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius und die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping. Für sie trommeln vor allem Funktionäre, sie versprächen „keine Traumtänzereien“. Bei den Konferenzen enttäuschte Pistorius die hohen Erwartungen aber eher. Köpping dagegen kam vor allem im Osten an.

Wer sind die Außenseiter? Hoffnungen machen sich auch Parteivize Ralf Stegner und seine Mitstreiterin Gesine Schwan. Kaum einer hatte erwartet, dass sich dieses Duo auf dem Podium so viele Sympathien erarbeiten würde – zumal Stegner auch in seiner Partei als notorischer Miesepeter gilt. Doch damit spielt der Norddeutsche gekonnt, das Paar mischt Selbstironie mit knallharten sozialpolitischen Forderungen.

Politische Extrempositionen scheinen im Kandidatenrennen eher zu schaden – das spüren die Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach und Nina Scheer, die den GroKo-Ausstieg deutlicher als alle anderen fordern.

In München bekommen Scheer und Lauterbach viel Applaus, gilt doch die Bayern-SPD als eher links. Profitieren die beiden deshalb vom Rückzug von Hilde Mattheis und Dierk Hirschel? Die Parteilinke und der Verdi-Chefökonom erklärten am Samtag ihren Rückzug – um die Chancen eines anderen „linken“ Teams zu erhöhen.

Wie steht es um die SPD? Im Willy-Brandt-Haus in Berlin gibt man sich euphorisch über die Wirkung der Castingtour. Überall volles Haus und rund 3500 Partei-Eintritte von Juli bis Mitte September. Das Verfahren zur Suche von Nachfolgern für die zurückgetretene Parteichefin Andrea Nahles scheint eine Sehnsucht in der Partei zu befriedigen – nach Mitprache, nach ordentlichem Umgang miteinander.

Dem nach inneren Grabenkämpfen und grandiosen Misserfolgen geschrumpfte Selbstwertgefühl kann das nur guttun. „Es ist gut, dass wir einen solchen neuen Weg gehen“, sagt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil in München und betont: „Die SPD wird gebraucht. Die SPD ist noch lange nicht am Ende.“

Was wird aus der GroKo? Die SPD-Vorsitz-Suche gilt vielen als Vorentscheidung für die Zukunft der Großen Koalition. Der Parteitag im Dezember könne schwerlich für einen Verbleib in der GroKo stimmen, wenn das neue Führungsduo aussteigen will – und umgekehrt.

Nur wenige Kandidaten haben klar gesagt, dass sie raus wollen aus der Koalition, vor allem niemand der aussichtsreicheren Kandidaten. Die Halbzeitbilanz in diesem Herbst solle zeigen, ob die SPD in der Koalition noch etwas erreichen könne.

Wie geht es weiter? Ab diesem Montag und bis 25. Oktober können die 425 630 SPD-Mitglieder über das neue Spitzen-Duo abstimmen. Das Ergebnis soll am 26. Oktober vorliegen. Da sich andeutet, dass kein Duo mehr als 50 Prozent der Stimmen erhält, dürfte es am 30. November eine Stichwahl geben. Anfang Dezember sollen die neuen SPD-Chefs dann auf einem Parteitag in Berlin bestätigt werden.

Laut SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hätten alle Kandidaten versprochen bei einer Niederlage das gewählte Spitzen-Duo zu unterstützen.