Fotografin aus Cottbus
: Hommage an die (fast) vergessene Bertha Wehnert-Beckmann

Sie galt als erste Berufsfotografin weltweit. Zu ihrem 210. Geburtstag erinnert eine Ausstellung im Stadtmuseum Cottbus an Bertha Wehnert-Beckmann.
Von
Thomas Klatt
Cottbus
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Eindringliche Porträts: Bertha Wehnert-Beckmann fotografierte zeitgenössische Frauen und auch einige Prominente ihrer Zeit. Hier zu sehen die Autoren Friedrich Gerstäcker (im Uhrzeigersinn v. l. o.) und Gustav Freytag, eine junge Frau mit Buch im Jahr 1860, eine junge Frau mit Fotoalbum von 1849 und eine junge Frau vor dem Spiegel im Jahr 1851.

Eindringliche Porträts: Bertha Wehnert-Beckmann fotografierte zeitgenössische Frauen und Prominente ihrer Zeit. Hier zu sehen die Autoren Friedrich Gerstäcker (im Uhrzeigersinn v. l. o.) und Gustav Freytag, eine junge Frau mit Buch im Jahr 1860, eine junge Frau mit Fotoalbum von 1849 und eine junge Frau vor dem Spiegel im Jahr 1851.

Bertha Wehnert-Beckmann
  • Ausstellung in Cottbus erinnert an Bertha Wehnert-Beckmann, die erste Berufsfotografin der Welt.
  • Wehnert-Beckmann wurde 1815 in Cottbus geboren und zählt zu den Pionieren der Fotografie.
  • Sie lebte und arbeitete u.a. in Leipzig und den USA, fotografierte viele prominente Persönlichkeiten.
  • Ihr Werk umfasst etwa 4000 Fotografien, darunter berühmte Porträts.
  • Ausstellung im Stadtmuseum Cottbus, Öffnungszeiten: Di-Fr 10-17 Uhr, Sa/So 13-17 Uhr.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Fast hatte man sie in Cottbus vergessen. Das wäre nun wirklich schade gewesen, denn Bertha Wehnert-Beckmann zählt heute zu den wichtigsten Protagonisten einer Kunstgattung, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts rasant entwickelte – der Fotografie.

Dass sie nun den Cottbusern nähergebracht wird, ist unter anderem einer kleinen privaten Initiative um den früheren OB-Mitarbeiter Frank Joppe zu verdanken. Aber auch Alfred Roggan, einst Leiter der Denkmalpflege der Stadt Cottbus, beschäftigt sich schon seit langem mit Bertha Wehnert-Beckmann. Zweifellos gehöre sie zu den Pionieren der Fotografie, die zunächst als Daguerreotypie in den 1840er-Jahren begann, so Roggan.

Doch zurück nach Cottbus. Hier wurde Bertha Beckmann im Jahre 1815 geboren. Ihr Wohnhaus stand übrigens ganz in der Nähe von dem Carl Blechens, des Landschaftsmalers, den man bis heute oft in einem Atemzug mit Caspar David Friedrich nennt. Hier ist auch vor kurzem eine Gedenktafel an der Stadtmauer angebracht worden. Der Auftrag für eine Büste ist an die Künstlerin Eka Orba gegangen.

Elternhaus an der Stelle des heutigen Lokals „Stadtwächter“

Die Beckmanns wohnten direkt „in“ der Mauer. Ungewöhnlich war das nicht. Die Stadtmauer hatte schon lange vor dem 19. Jahrhundert ihre Funktion verloren. Sie sollte seit dem Mittelalter nach außen „abschrecken“. Fenster gab es nur nach innen, man wohnte zur Stadt, weiß Denkmalpfleger Roggan. Berthas elterliche Wohnung befand sich an jener Stelle, an der heute eines der bekanntesten Lokale der Stadt zu finden ist: der „Stadtwächter“. Unter gleichem Namen gab es dort schon zu DDR-Zeiten einen beliebten Jugendklub.

Haben sich die Zeitgenossen Bertha Beckmann und Carl Blechen womöglich gekannt? Schließlich waren sie Nachbarn. Eher wohl nicht. Als Bertha geboren wurde, hatte Blechen Cottbus in jungen Jahren verlassen. Im Unterschied zu Beckmann kehrte Blechen nie in seine Heimatstadt zurück. Er starb mit 41 Jahren in Berlin.

Die Cottbuser Jahre im Fokus

Zu ihrem 200. Geburtstag im Jahre 2015 hatte die Stadt Leipzig Bertha Wehnert-Beckmann eine große Ausstellung gewidmet. Überraschend war das nicht, denn neben ihren Reisen durch Europa und in die USA lebte sie viele Jahre in Leipzig. Im Januar, zu ihrem 210. Geburtstag, antworten nun die städtischen Sammlungen Cottbus mit einer etwas kleineren Schau. Hier geht man nun auch den Jahren in Cottbus, der Geschichte der Familie und ihren Lebensverhältnissen nach. Kuratiert hat die Ausstellung der frühere Museumsleiter Steffen Krestin.

Der Vater von Bertha kam erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom lettischen Libau nach Cottbus. Schnell wurde der Schneidermeister Dietrich Beckmann zu einem angesehenen Bürger der Stadt. Der Familie, er heiratete 1810 Johanna Ritschel aus dem Spreewald, gehörten bald mehrere Grundstücke und Häuser. Zu den Taufpaten der Kinder gehörten angesehene Geschäftsleute der Stadt.

Warum Dietrich Beckmann aber zielgerichtet nach Cottbus kam, bleibt offen. Denkmalpfleger und Historiker Roggan vermutet, dass die Stadt als sächsische Enklave von 1807 bis 1814 eine große Anziehungskraft ausübte und große Hoffnungen auf Handwerk und Gewerbe ausstrahlte. Auch wenn Cottbus nach dem Wiener Kongress 1815 dem sächsischen Einfluss abhandenkam, sind ein wirtschaftlicher Aufschwung und eine Zunahme der Einwohnerzahl erkennbar.

Von der Mode zur Fotografie

Im Jahre 1839 verließ Bertha Beckmann Cottbus und wandte sich Dresden zu, wo sie Putzmacherin (Haarklöpplerin) wurde. Ein Beruf, so Roggan, der Menschenkenntnis voraussetze. Sie lernte, wie man Menschen in Szene setzte und sie wirksam darstellte. Der Vorläufer-Beruf einer Modedesignerin.

Doch bald wurde sie vom Fotofieber ergriffen; gab, wie man heute weiß, ihren einträglichen Beruf auf und erlernte in Prag beim Spezialisten Wilhelm Horn die Kunst der Daguerreotypie, eine Vorläufertechnik der Fotografie. Selbstverständlich war das nicht, denn Frauen konnten weder das Recht auf Bildung noch auf eine selbstständige Erwerbstätigkeit beanspruchen.

Im Dezember 1842 trat sie als erste Berufsfotografin Europas ihre Dienste an. Frühzeitig erkannte sie die Zukunft der Fotografie. Auch das war nicht eindeutig, denn wer Geld hatte, saß damals beim Kunstmaler Modell für ein Porträtbild. Fünf bis sieben Taler bezahlte man dafür in Cottbus, weiß Roggan. Eine Porträt-Fotografie habe ebenso viel gekostet.

Bertha Wehnert-Beckmann in einem undatierten Selbstporträt

Bertha Wehnert-Beckmann in einem undatierten Selbstporträt.

Bertha Wehnert-Beckmann

Immer wieder ist heute erkennbar, dass sich Bertha Wehnert-Beckmann in einer Männerwelt durchsetzen musste. „In Kottbus geboren, habe ich sofort nach Erfindung des Daguerreotypierens meine Bemühungen dahin gerichtet, durch Erlernen dieser Kunst mir meine Zukunft zu sichern und für mich einen Erwerbszweig zu gewinnen [...]“, schrieb sie in einem Brief im November 1844. Dazu kam, dass ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung alle Lebensbereiche auf den Kopf stellte. Eine Welt, in der sich die Cottbuserin bravourös schlug – nicht nur als Fotografin, sondern auch als durchsetzungsfähige Unternehmerin.

Jahre der Wanderschaft führen zurück nach Cottbus

In Dresden lernt sie ihren späteren Ehemann, den angesehenen Fotografen Eduard Wehnert, kennen. Sie arbeitet bald als selbstständige Fotografin in Dresden. Dort wird sie in kurzer Zeit in ihrem Atelier im Hotel „Stadt Wien“ eine bekannte Daguerreotypistin. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, die Ehe währt nur zwei Jahre, führt sie das Atelier mit zwei ihrer Brüder weiter. Sie gehen auf Wanderschaft – die Daguerreotypie war ein mobiler Wanderjob – und bereisen unter anderem Prag, Wien, Gera, Altenberg und andere Städte. Auch in ihrer Heimatstadt Cottbus bieten Bertha und ihre Brüder ihre Dienste an.

Im Jahre 1849 unternimmt sie eine Studienreise in die USA und eröffnet in New York ihr Atelier Bertha Wehnert-Beckmann & Brothers. Ohne Zweifel wird in den USA die Grundlage ihres Erfolgs und ihrer späteren Anerkennung gelegt. Denn dort fotografiert sie viele bekannte Persönlichkeiten des Landes. Sie lichtet in ihrem Studio am Broadway den 13. Präsidenten der USA, Millard Fillmore, ab. Auch Samuel Houston, erster Präsident der Republik Texas – nach ihm wird später die gleichnamige texanische Stadt benannt – hat sie vor der Kamera. Dazu kommen Prominente aus Wirtschaft, Politik und des öffentlichen Lebens. Die damals weltbekannte schwedische Sopranistin Jenny Lind zählt dazu. Die Cottbuser Ausstellung zeigt eine Urkunde des American Institute für „Mrs. Berta Wehnert von Beckmann and Brothers“ für hervorragende Porträtaufnahmen.

Alte Techniken der Fotografie

Die Daguerreotypie ist ein Fotografieverfahren auf einer glatt polierten Metalloberfläche, wobei über ein Negativ ein Positiv erzeugt wird. Im Jahr 1838 teilte der Franzose Louis Daguerre mit, dass er dieses Verfahren fortan nach sich selbst als „Daguerreotypie“ bezeichnen würde. Die Daguerreotypie lieferte bereits fein strukturierte Bilder mit kleinsten Details.

Eine Kalotypie ist ein Papiernegativ-Verfahren, das erstmals ermöglichte, Bilder als Positive zu vervielfältigen. Diese Erfindung aus dem Jahr 1840 war wichtig für die Entwicklung der Fotografie. Sie erlaubte die Herstellung beliebig vieler Abzüge.

Als Stereoskopie bezeichnet man die Wiedergabe von Bildern mit einem räumlichen Eindruck von Tiefe. Anhand zweier Halbbilder, von denen das eine dem linken und das andere dem rechten Auge getrennt dargeboten wird, entsteht ein räumlicher Eindruck. Umgangssprachlich wird Stereoskopie fälschlich als „3D“ bezeichnet.

Die später gefundenen Kalotypien von 1850, ein besonderes Fotografieverfahren, begründen ihre Kompetenz als Fachfrau dieses neuen Genres. Auch auf dem Gebiet der Stereoskopie, einer räumlich wirkenden Fototechnik, ist sie meisterhaft. 1854 eröffnet sie die erste Ausstellung dieser Technik im deutschsprachigen Raum. Ihre Kinderfotografien zählen bis heute zu den schönsten und einfühlsamsten jener Zeit. Des Weiteren zählt sie zu den ersten Frauen überhaupt, die Aktaufnahmen herstellten. Technisch war sie stets auf dem neuesten Stand.

Ein Beruf mit Schattenseiten

Im Jahre 1882 setzt sich Bertha Wehnert-Beckmann zur Ruhe. Ihr Lebenswerk besteht aus etwa 4000 fotografischen Originalen in verschiedenen Techniken. Ein Großteil aus ihrem Nachlass sind Aufnahmen der Leipziger Bürgerschaft jener Zeit, darunter Persönlichkeiten wie Clara Schumann und Johannes Brahms. Leipzig war längst zu ihrem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt geworden. Kinder hinterließ die gebürtige Cottbuserin nicht.

Prunkvoll: das Wohnhaus von Berta Wehnert-Beckmann in der Elsterstraße 38 in Leipzig samt Garten und Fotoatelier

Prunkvoll: das Wohnhaus von Berta Wehnert-Beckmann in der Elsterstraße 38 in Leipzig samt Garten und Fotoatelier

Bertha Wehnert-Beckmann

Doch der neue Beruf, den sie als Frau mitprägte, hatte auch seine Schattenseiten. Ihr Ehemann und vermutlich zwei ihrer Brüder starben an den Folgen des Umgangs mit hochgiftigen Chemikalien wie Quecksilber, Bromid und Arsen. Die brauchte man damals zum Entwickeln der Fotografien und Daguerreotypien. Die tödlichen Gefahren, die davon ausgingen, waren am Anfang nicht bekannt.

Aber die rücksichtslose Industrialisierung im 19. Jahrhunderts ließ auch Gegenbewegungen wachsen. Im Jahre 1865 wird in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet. Er forderte unter anderem das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit für alle Frauen. Bertha Wehnert-Beckmann hatte sich das zu ihrer Zeit schon selbst erkämpft. Der Lausitzer Historiker Siegfried Kohlschmidt sagt über sie: Neben dem Fürsten Pückler, dem Maler Carl Blechen und dem Australienforscher Ludwig Leichhardt zählt Bertha Wehnert-Beckmann zu den wichtigsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in der Lausitz. Im Gegensatz zu den genannten Männern war sie allerdings lange Zeit vergessen worden.

„Bertha Wehnert-Beckmann – eine Fotografin aus Cottbus“, Stadtmuseum Cottbus, Eröffnungstermin wird noch bekanntgegeben, Öffnungszeiten: Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Sa/So und feiertags 13 bis 17 Uhr, Tel. 0355 6122460, www.stadtmuseum-cottbus.de