Der Cottbuser Historiker und Sammler Siegfried Kohlschmidt ist ein genialer Geschichtenerzähler. Wenn er im Neuen Schloss in Bad Muskau von Vitrine zu Vitrine schlendert, dann hat er sofort die Namen der Serien parat, die ihrer Schöpfer noch dazu, und ein paar Anekdoten gibt es noch obendrauf. So konnte man in der DDR für fünf Römergläser eine neue Badewanne eintauschen. Jemand anders nutzte die gläserne Währung fürs neue Dach. 50 Römer waren der Gegenwert. In der DDR Bückware – für 70 bis 80 Mark das Stück zu haben, wurden sie für 50 Pfennig pro Stück in den Westen verkauft. „Heute will keiner mehr Bleiglas haben“, konstatiert Kohlschmidt. Symptomatisch für das Lausitzer Glas?

An seine Hochzeit erinnert die Ausstellung „Designzentrum – Werkstatt für Glasgestaltung in Weißwasser“, die am Freitag im Neuen Schloss von Bad Muskau eröffnet worden ist. Es ist die vierte Sonderschau in Bad Muskau, die sich der Glaskunst der Region und den Menschen, die sie entworfen haben, widmet. Cord Panning, Geschäftsführer der Stiftung, erinnert daran, dass die Ausstellungsräume des Westflügels vom Schloss 2012 thematisch mit dem Bauhausmeister Wilhelm Wagenfeld eröffnet wurden. Danach widmete man sich dem schönsten Glas der Lausitz, dann dem Ankerglas Bernsdorf. Wagenfeld führt auch Siegfried Kohlschmidt und Richard Anger aus Hoppegarten zusammen. „Eine Partnerschaft in Leidenschaft“, nennt Kulturjournalist und Sammler Günter Höhne aus Berlin die Zusammenarbeit der beiden Ausstellungskuratoren, die nun schon acht Jahre währt.

Für die Schau in Bad Muskau haben die beiden Herren nicht nur in ihrem eigenen Fundus gestöbert, sondern auch Leihgaben aus Museen in Cottbus, Weißwasser und Dresden und von privaten Leihgebern zusammengetragen. Über 500 Exponate sind so zusammengekommen. „Die Gläser sind von zeitloser Schönheit. Sie sehen aus, als kämen sie frisch aus der Fabrik“, findet Siegfried Kohlschmidt. Der Gang durch die Glasgeschichte führt an Produkten aus den 50er- bis 90er-Jahren vorbei. 1950 wurde die Werkstatt für Glasgestaltung in Weißwasser gegründet. Sie war 20 Jahre das Designzentrum der Lausitzer Glasindustrie. Geleitet wurde es von Friedrich Bundtzen.

In der DDR verstand es die Glasindustrie, Stroh zu Gold zu spinnen, erklärt Laudator Günter Höhne. Denn aus einheimischen Rohstoffen entstanden nicht nur Produkte, die Devisen erwirtschaften, sondern die auch Gold einfuhren, und das in Form von 50 Messemedaillen oder 28 staatlichen Auszeichnungen für gutes Design. Friedrich Bundtzen war zudem einer der ersten, der in der DDR mit dem Design-Preis geehrt wurde.

„Gärtner bleib bei deinem Rasen“, sagt Cord Panning und meint damit, dass die Stiftung künftig weiter in Pücklers Landschaft graben wird. Sie will aber auch Plattform sein, um Botschaften ins Land hinaus zu tragen. Nicht nur auf Pückler und sein Schaffen könne man stolz sein, sondern auch auf die Glastradition und -kunst. Die Lausitz brauche Erzählungen, auch um die Stimmung zu heben. Denn beim Stichwort Strukturwandel und Kohlekommission kommen die Menschen zu kurz, findet Panning. Der Mensch habe sowohl ein mentales als auch numerisches Problem, was sich in der Stimmung und der Anzahl ausdrückt. „Lausitzer Glas könnte ein Identitätsanker sein“, findet Panning. Und das am Ort seines Geschehens. Dort werde es bereits mit viel Liebe und auch Engagement gezeigt. „Wir brauchen den großen Auftritt in Weißwasser“, ist sich Panning ganz sicher.

Die Ausstellung ist bis zum 12. Mai zu sehen. Bis zum 31. März kann sie Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr besichtigt werden, ab dem 1. April täglich von 10 bis 18 Uhr.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Er ist für 19 Euro im Tourismusinformationszentrum im Schloss zu haben.