Eine kriegsgebeutelte Vergangenheit und eine vom unsteten Wandel geprägte Gegenwart – Arsen Oremović präsentiert in seinem ersten Spielfilm „Glava velike ribe“ („The Head of the Big Fish“) die Herausforderungen des modernen Kroatiens. Der 1966 geborene, frühere Filmkritiker erzählt die Geschichte eines doppelten Traumas anhand zweier Brüder, die zwar zusammen leben, mit ihren emotionalen Lasten und Frustrationen aber doch allein sind. Premiere feierte der einfühlsame Film auf dem kroatisch-jugoslawischen Filmfestival in Pula. Nun wird er im Spielfilm-Wettbewerb des 32. Filmfestivals in Cottbus gezeigt.

Wie ist die Handlung des Films?

Ein Mann lebt einsam im nebelverhangenen Nirgendwo Kroatiens. Der Bart zerzaust, die Kleidung ungewaschen. Fast wie in Zeitlupe geistert er durch das unaufgeräumte Haus. Dass die Kaffeekanne auf der Herdplatte überschäumt, scheint ihn nicht zu interessieren. Aufmerksamkeit widmet er lediglich Holzstift-Zeichnungen – und der Pflege eines alten Maschinengewehrs. Jäh unterbrochen wird das stille, vielleicht sogar suizidale Eremiten-Dasein von Traktor (Neven Aljinovic-Tot), so der Spitzname des Mannes, durch einen Besuch seines dauerquasselnden Bruders Andrija (Niksa Butijer). Er will das Haus verkaufen. Traktor soll stattdessen zu ihm und seiner Frau Vesna (Lana Baric) nach Zagreb ziehen. Ein Tapetenwechsel, so die Hoffnung, werde dem Bruder schon wieder auf die Beine helfen.
Mit seinen Gedanken allein: der wie ein Einsliedler auf dem kroatischen Land lebende "Traktor" (Neven Aljinovic-Tot).
Mit seinen Gedanken allein: der wie ein Einsliedler auf dem kroatischen Land lebende „Traktor“ (Neven Aljinovic-Tot).
© Foto: IZAZOV 365 d.o.o.
Doch auch in der piefigen Wohnung des Ehepaars will Traktor nicht aufblühen. Noch immer spricht er kaum; ist zwar da, aber nie wirklich anwesend. Immerhin die einfühlsame Schwägerin kümmert sich nun um den Kriegsveteranen. Doch während Vesna sich über posttraumatische Belastungsstörungen informiert, stürzt sich ihr Ehemann von einer misslungenen Geschäftsidee in die nächste. Anstatt den Aufstieg zu schaffen, vergrößert der Taxifahrer dadurch zusehends seinen Schuldenberg. Zuflucht findet er mehr und mehr am Boden erschwinglicher Rotwein-Flaschen.

Was macht „Glava velike ribe“ sehenswert?

In der Aufmachung ist Arsen Oremovićs Spielfilmdebüt denkbar klein, dennoch handelt es sich um die komplexe Analyse einer ganzen Nation. Das ist umso bemerkenswerter, da der Regisseur keine handlungsgetriebene Geschichte erzählt. Sein Film ist still, fast zurückhaltend. Selbst biografische Puzzlestücke seiner Figuren versteckt er teils tief in Dialogen. Doch eines ist er gewiss nicht: schüchtern.
Empfohlener Inhalt der Redaktion

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Youtube, der den Artikel ergänzt. Sie können sich diesen mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externer Inhalt

Sie erklären sich damit einverstanden, dass Ihnen externe Inhalte von Youtube angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Oremovićs präsentiert Emotionen. Er macht diffuse Stimmungsströme eines ganzen Landes schmerzlich greifbar. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt dem grandiosen Darsteller-Trio, allen voran Hauptdarstellerin Lana Baric. Besonders im ersten, auf dem Land spielenden Drittel ist der Film dabei von Einstellungen getragen, die arrangiert sind wie barock anmutende Genregemälde. „Glava velike ribe“ ist ein so leise wie poetisch inszeniertes Kammerspiel, das genug Raum für die Traumata eines ganzen Landes bereithält. Und da ist durchaus ein Kunststück.
„Glava velike ribe“ („The Head of the Big Fish“), HR 2022, 80 Min., Freitag (11.11.), 13.30 Uhr, Stadthalle/Samstag (12.11),17 Uhr, Weltspiegel Saal 2