Kaum in Charkiw angekommen, läuft Wolodymir Akimow staunend durch die neu erbauten Straßen der ukrainischen Großstadt, die nun, Anfang der 1930er Jahre im stalinistischen Zuckerbäckerstil modernisiert wird. Schließlich bleibt der junge Mann (Dmytro Oliynyk) vor einem Gebäude stehen, das den verheißungsvollen Namen „Haus des Wortes“ trägt und deshalb in Form der kyrillischen Letter C (dem Anfangsbuchstaben des ukrainischen und russischen Wortes für „Wort“) erbaut wurde.
Wolodymir ist Juniordichter, darf nun auch in dem Haus wohnen und freut sich auf dessen Bewohner, die größten Poeten, Avantgarde-Künstler und Schriftsteller der Ukraine. Während auf dem Land der Holodomor, die durch Stalin verursachte Hungersnot, herrscht, produzieren die Künstler in dem „Haus des Wortes“ Literatur – unter privilegierten Bedingungen, inklusive eigenem Koch. Doch die Kreativen empfangen den naiven Wolodymir nicht gerade herzlich und lassen ihn ihre Überlegenheit spüren. Bald wird es mit der ausgelassenen Stimmung im Haus vorbei sein. Denn die stalinistischen Säuberungen wüten bald auch hier – ausgeübt von Wolodymir, der sich bald als brutaler NKWD-Scherge von Moskaus Gnaden aufspielen wird.
Das in Schwarzweiß gedrehte Drama „Slovo House. Unfinished Novel“ von Regisseur Taras Tomenko basiert auf realen Begebenheiten und punktet mit einer treffenden Milieuschilderung sowie traumartigen Szenen. Er ist einer von einem guten Dutzend Filmen mit Ukraine-Bezug, die auf dem Filmfestival Cottbus präsentiert werden. Spiel- und Dokfilme geben einen Einblick in die vitale Filmszene des Landes, bevor deren kreative Arbeit Ende Februar dieses Jahres durch den Überfall Russlands jäh unterbrochen wurde.
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Eine Zugstrecke in den Donbass

Am Freitag, dem 11.11., feiert das Filmfestival Cottbus mit sechs Filmen explizit den „Ukrainischen Tag“. Ukrainische Mitbürger können die Veranstaltungen gegen Vorlage ihres Reisepasses kostenfrei besuchen. An dem Tag läuft neben dem eingangs erwähnten Film auch „Train Kyiv-War“ von Kornii Hritsyuk. Der Dokumentarfilm wurde von August bis Oktober 2019 gedreht und beobachtet die Passagiere des Zuges, der vor 2014 in den Donbass fuhr und seit dem blutigen Konflikt in der Ostukraine nur noch bis zur Kriegsgrenze in der Kleinstadt Kostjantyniwka verkehrte.
Die Reisenden haben sich für die 12-stündige Reise gut mit Proviant versorgt, einige meiden die Kamera des Regisseurs, andere klagen über Korruption und Inflation, beurteilen Selenskyj und Putin oder erzählen, wie der Konflikt ihre Familien und Partnerschaften spaltete. Das spannende Zeitdokument ist seit Februar dieses Jahres ebenfalls Geschichte, seit die gesamte Ukraine von Russland zum Kriegsgebiet erklärt wurde.
In dem Eröffnungsfilm, der Komödie „Luxembourg, Luxembourg“ (Regie: Antonio Lukich), wird ausgerechnet der titelgebende westeuropäische Zwergstaat zum Sehnsuchtsort eines ukrainischen Zwillingspaars, das dort seinen verstorbenen jugoslawischen Vater sucht. Der Film zeichnet die Ukraine mit humoristischen Mitteln als eine von Vetternwirtschaft gelähmte Gesellschaft, die allerdings auch viel internationaler ist als gedacht und in der die Familie hochgehalten wird.

Vom Rapper zum Kleinkriminellen

Dagegen schildert die Tragikomödie „Kings of Rap“ von Myroslav Latyk, wie rasch ein eigentlich guter Junge vom Lande in die Kriminalität abrutschen kann. Dima und sein Kumpel Zheka wollen Rap-Stars werden. Mit zwei Auftritten in der örtlichen Disco geht es für die beiden jungen Männer gut los, zumal Dima nun endlich seiner Flamme Swjeta imponieren kann. Doch dann wird er aus Geldmangel zum Handlanger eines brutalen Autohehlers und ist in den kriminellen Machenschaften gefangen, nicht zuletzt, um seine Familie zu schützen. Auch hier filmt der Regisseur sein an sich ernstes Thema mit verfremdenden Sequenzen und spiegelt so die widersprüchliche Welt seiner jungen Helden zwischen Lebensfreude und Zwängen wider.
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Ergänzt wird das Filmprogramm durch zwei Panels: Die Podiumsdiskussionen, „3187 Tage Krieg gegen die Ukraine – wie gehen Filmschaffende damit um?“ (Neues Stadthaus, 10 Uhr) sowie „Aktuelles ukrainisches Kino zwischen Kriegsreflexion und Demokratisierungsprozessen“ (Glad-House, 17 Uhr) runden den ukrainischen Tag ab.