Hochwasser in Polen
: Vier Tote bei Überschwemmungen – Stadt zwangsevakuiert

UPDATE 19.43 Uhr: Hochwasser hat mehrere Orte im Südwesten Polens verwüstet. Mittlerweile ist die Zahl der Toten auf vier gestiegen.
Von
Christina Sleziona, dpa
Frankfurt (Oder)
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Hochwasser in Polen

Hochwasser in Polen: Die Kleinstadt Klodzko ist komplett überflutet.

Maciej Kulczynski/PAP/dpa

In den polnischen Hochwassergebieten sind nach Angaben eines Polizeisprechers vier Menschen ums Leben gekommen. Es handele sich um drei Männer und eine Frau aus vier verschiedenen Orten, sagte ein Polizeisprecher bei der Sitzung des Krisenstabs in Breslau (Wroclaw). Unterdessen ordneten örtliche Behörden in zwei Städten Evakuierungen an.

In der Kleinstadt Paczkow im Südwesten Polens hat der Bürgermeister nach dem Riss in der Staumauer eines Stausees die sofortige Evakuierung der tiefer gelegenen Ortsteile angekündigt. „Niemand kann garantieren, dass sich der Schaden nicht verschlimmert“, warnte er in einem Aufruf in sozialen Medien.

Er rief alle Bewohner, die evakuiert werden müssen, auf, sich zu melden, und bat diejenigen, deren Häuser und Wohnungen noch nicht vom Wasser erreicht wurden, diese zu verlassen und sich in sichere Gebiete der Stadt zu begeben. Nachdem ein Aufruf, die Gebäude freiwillig zu verlassen, nicht befolgt worden sei, habe er sich nun zur Zwangsevakuierung entschlossen, sagte Bürgermeister Artur Rolka im polnischen Fernsehen.

Der betroffene Stausee wurde oberhalb von Paczkow an der Glatzer Neiße, einem Zufluss der Oder errichtet.

In der Nacht zum Montag war besonders die Kleinstadt Nysa in der Region Oppeln betroffen. Das Wasser aus der Glatzer Neiße, einem Nebenfluss der Oder, drang in die Notaufnahmestation des örtlichen Kreiskrankenhauses ein, wie die Nachrichtenagentur PAP berichtete. Insgesamt 33 Patienten wurden von dort mit Schlauchbooten in Sicherheit gebracht, darunter auch Kinder und Schwangere.

Die Einwohner von zwei benachbarten Dörfern, die an dem Fluss Zloty Potok liegen, wurden ebenfalls aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen. „Die Situation hat sich sehr zugespitzt, und das innerhalb weniger Minuten. Wir haben wirklich wenig Zeit“, sagte Bürgermeister Grzegorz Zawislak dem polnischen Nachrichtenportal Onet.

Auch in Niederschlesien spitzte sich die Lage zu. Besonders betroffen ist dort die Region um Klodzko. Die Kleinstadt liegt an der Glatzer Neiße, einem Nebenfluss der Oder.

Hochwasser in Polen: 15.09.2024, Polen, Klodzko: Überschwemmte Straßen nach den schweren Regenfällen, die zu Überschwemmungen führten. Die nächsten 24-36 Stunden werden für die südlichen Regionen Polens, die Rekordregenfälle erleben, entscheidend sein. Am 14. September meldete das Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft (IMGW), dass der Wasserstand an 41 hydrologischen Stationen die Alarmstufe und an 30 Stationen die Warnstufe überschritten hat. Foto: Maciej Kulczynski/PAP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Hochwasser in Polen: Überschwemmte Straßen nach den schweren Regenfällen, die zu Überschwemmungen führten.

Maciej Kulczynski/PAP/dpa

Polen hat am Montag (16. September) den Katastrophenzustand für die Hochwassergebiete ausgerufen. Eine entsprechende Verordnung verabschiedete die Regierung in Warschau in einer Krisensitzung.

Der Katastrophenzustand gilt für einen Zeitraum von 30 Tagen für Teile der Woiwodschaften Niederschlesien, Schlesien und Oppeln. Er gibt den Behörden mehr Befugnisse, Anordnungen zu erlassen, da die bürgerlichen Freiheiten und Rechte vorübergehend eingeschränkt werden. Beispielsweise können die Behörden leichter anordnen, dass bestimmte Orte, Gebiete oder Einrichtungen evakuiert werden müssen. Sie können auch verbieten, dass sich Bürger an bestimmten Orten aufhalten.

Staudamm in Polen bricht – neue Flutwelle in Klodzko

Im Südwesten Polens brach ein Staudamm. Nachdem das Bauwerk im niederschlesischen Stronie Slaskie nachgegeben habe, ströme das Wasser jetzt den Fluss Biala Ladecka hinunter und nehme Kurs auf das Gebiet der Glatzer Neiße, teilte das Meteorologische Institut auf X mit. Es sei eine „ernste Bedrohung“ für die Orte entlang dieser Flüsse. Die Polizei habe einen Rettungshubschrauber in die Gegend geschickt, um vom Wasser eingeschlossene Menschen in Sicherheit zu bringen. Auch Soldaten der Armee und des Heimatschutzes seien im Einsatz.

Der Ort Stronie Slaskie liegt im Glatzer Schneegebirge an Polens Grenze zu Tschechien. Am Samstagabend war in der gebirgigen Gegend bereits ein Staudamm in Miedzygorze übergelaufen.

Nach dem Bruch des Staudamms hat sich die Situation nun in der Kleinstadt Klodzko weiter verschärft. Eine neue Flutwelle habe den Ort erreicht, sagte Bürgermeister Michal Piszko der Nachrichtenagentur PAP. Die Glatzer Neiße, ein Nebenfluss der Oder, habe nun bei Klodzko einen Pegelstand von 6,84 Meter. Üblich ist ein durchschnittlicher Wasserstand von etwa einem Meter, wie ein Sprecher der Feuerwehr der Deutschen Presse-Agentur sagte.

In einigen Straßen der Stadt stehe das Wasser anderthalb Meter hoch, sagte der Bürgermeister weiter. Gebirgsjäger der polnischen Armee seien mit Booten unterwegs, um Bürger zu retten, die vor dem Wasser in den zweiten oder dritten Stock ihrer Häuser geflohen seien. In dem Ort mit 26.000 Einwohnern, der hundert Kilometer südlich von Breslau (Wroclaw) liegt, gibt es keine Wasserversorgung mehr. Auch das Gas werde bald abgestellt, sagte der Bürgermeister.

Hochwasser in Polen: 15.09.2024, Polen, Jawiszowice: Ein mit einer Drohne aufgenommenes Luftbild zeigt das überflutete Dorf Jawiszowice. Die nächsten 24-36 Stunden werden für die südlichen Regionen Polens, die Rekordregenfälle erleben, entscheidend sein. Am 14. September meldete das Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft (IMGW), dass der Wasserstand an 41 hydrologischen Stationen die Alarmstufe und an 30 Stationen die Warnstufe überschritten hat. Foto: Lukasz Gagulski/PAP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Hochwasser in Polen: Ein mit einer Drohne aufgenommenes Luftbild zeigt das überflutete Dorf Jawiszowice. Die nächsten 24-36 Stunden werden für die südlichen Regionen Polens, die Rekordregenfälle erleben, entscheidend sein.

Lukasz Gagulski/PAP/dpa

Auch in dem schlesischen Dorf Glucholazy bei Oppeln (Opole) mussten Bewohner mit Hubschraubern in Sicherheit gebracht werden. Die Wassermassen rissen eine provisorische Brücke weg, auch der Neubau einer Brücke in der Nähe wurde beschädigt.

Die Behörden in Polen rechnen nicht mit einer Entspannung der Lage. Der Sicherheitsberater von Präsident Andrzej Duda, Jacek Siewiera, schrieb nach Beratungen mit der tschechischen Seite auf X, besonders in den Nebenflüssen der Oder, die in Tschechien entspringen, werde der Wasserstand in den kommenden Stunden noch weiter steigen.

Überschwemmung: Krakau bietet Sandsäcke zum Abholen

Polens zweitgrößte Stadt Krakau kämpft nach starken Regenfällen mit Überschwemmungen. An 28 Stellen im Stadtgebiet könnten sich Bürger, die ihre Gebäude selbst schützen wollen, Sandsäcke abholen, schrieb die Stadtverwaltung auf X. Der öffentliche Nahverkehr in der südpolnischen Metropole mit rund 800.000 Einwohnern war am Samstag vorübergehend gestört, nachdem mehrere Unterführungen im Zentrum mit Wasser vollgelaufen waren. Straßenbahnen und Busse mussten zeitweise umgeleitet werden. Am Nachmittag meldete die Stadtverwaltung, dass die Probleme behoben worden seien.

Polnischer Sender gibt Autofahrern Tipps

Der polnische Sender TVN24 gibt Autofahrern währenddessen Tipps für das richtige Verhalten bei plötzlich auftretenden Überschwemmungen. In Gegenden mit vielen betonierten und asphaltierten Oberflächen dauere es manchmal nur zwischen 30 Minuten und zwei Stunden, bis sich eine kritische Wassermenge angesammelt habe, hieß es in einer Sondersendung zu den Unwettern.

Schon bei 15 Zentimetern Wasser auf der Straße beginne die erste Warnstufe. „Das ist die Schwelle, an der das Auto seine Lenkfähigkeit verliert. Fahren Sie an den Straßenrand, verlassen Sie ihr Auto, suchen Sie einen sicheren Ort auf.“

Noch gefährlicher werde es ab einer Wasserhöhe von 60 Zentimetern. „Dann wird das Auto weggespült, die Insassen können nicht mehr aussteigen.“ Auch geparkte Fahrzeuge könnten dann eine Gefahr für Dritte werden, wenn sie vom Wasser mitgerissen werden.

Am Vormittag hatte die Feuerwehr in Kalkow in der Nähe der schlesischen Stadt Opole eine Frau aus ihrem Auto befreit. Sie war mit ihrem Wagen über eine stark überflutete Straße gefahren und von den Wassermassen von der Fahrbahn gespült worden. Das Portal Nowiny Nyskie zeigte Bilder, auf denen zu sehen ist, wie der Kleinwagen bereits mit der Kühlhaube und der Windschutzscheibe im Wasser versunken war.

Erste Hochwasserwarnungen für Brandenburg

Experten rechnen in den kommenden Tagen mit ansteigenden Pegelständen bis hin zum Hochwasser an Elbe und Oder. Erste Hochwasserwarnungen gab das Landesamt für Umwelt (LfU) nach eigenen Angaben bereits für die Lausitzer Neiße, die Oder sowie die Elbe heraus. „Die aktuellen Prognosen lassen an Elbe und Oder beachtliche Hochwasser erwarten“, sagte ein Sprecher der Behörde. Man habe daher Rufbereitschaften angeordnet und beobachte die weitere Entwicklung täglich.

Alle aktuellen Informationen zu der Hochwasserlage in Brandenburg lesen Sie in unserem Liveblog.

Der Landkreis Märkisch-Oderland bereitet sich auf mögliche hohe Pegelstände am Oberlauf der Oder vor. Mittlerweile hat das Hochwassermeldezentrum eine Vorwarnung für die Oder herausgegeben.

Wie der Landkreis Oder-Spree auf die erste Hochwasserwarnung für die Oder reagiert, erfahren Sie hier.

Fünf Tote bei Überschwemmungen in Rumänien

Starkregen und schwere Überschwemmungen haben im südosteuropäischen EU-Land Rumänien mindestens fünf Todesfälle verursacht. Im Kreis Galati in der östlichen Region Moldau wird außerdem noch ein Mensch vermisst, wie die Nachrichtenagentur Mediafax unter Berufung auf den Katastrophenschutz berichtete.

Unter den Opfern sind hauptsächlich ältere Menschen, unter ihnen zwei Frauen im Alter von 96 und 86 Jahren. Mehr als 100 Menschen wurden evakuiert, hieß es in Medienberichten.

Die Wassermassen erreichten in den meist abgelegenen Ortschaften eine Höhe von bis zu 1,7 Metern, hieß es in den Berichten weiter. Menschen seien auf Hausdächer geklettert, um nicht von den Fluten mitgerissen zu werden. Hunderte Feuerwehrleute seien im Einsatz.

Starkregen sorgte auch in anderen Teilen Rumäniens für überflutete Straßen und Keller. Verursacht wurde das Unwetter von Zyklon „Boris“, der noch vor drei Tagen über der Adria gewütet und vor allem in Kroatien Überschwemmungen nach sich gezogen hatte.

Krnov in Tschechien fast ganz unter Wasser

Die tschechische Stadt Krnov ist fast komplett überflutet worden. Der stellvertretende Bürgermeister Miroslav Binar sagte der Agentur CTK zufolge, dass geschätzt 70 bis 80 Prozent des Stadtgebiets unter Wasser stünden. Für eine Evakuierung sei es nun zu spät. Die Kommune sei nicht mehr in der Lage, die Hilfe für die Bürger zu organisieren. Man stehe daher im Kontakt mit der übergeordneten Verwaltungsregion Mährisch-Schlesien. Die Lage sei schlimmer als bei der Flutkatastrophe von 1997.

In Krnov, das rund 240 Kilometer östlich von Prag liegt und knapp 23.000 Einwohner hat, vereinen sich die Flüsse Opava und Opavice. Hubschrauber waren im Einsatz, um Menschen in Not aus der Luft zu retten.

Hochwasser in Tschechien

Hochwasser in Tschechien

Petr David Josek/AP/dpa

Kritisch war die Situation auch an vielen anderen Orten im Osten des Landes, etwa in den Städten Opava und Ostrava. Landesweit galt an mehr als 120 Pegel-Messstationen die höchste Hochwasser-Alarmstufe. An mehr als 50 Stationen wurde sogar ein Jahrhunderthochwasser gemeldet.

Die Regierung in Prag will am Montag zusammenkommen, um über außerordentlich finanzielle Hilfen für Betroffene zu entscheiden. Der tschechische Präsident Petr Pavel rief zu Spenden für die Hochwasser-Opfer auf. Er merkte an, dass die am stärksten betroffenen Gebiete wie um Jesenik im Altvatergebirge und Frydlant in Nordböhmen zugleich einige der ärmsten Regionen des Landes seien.

Hochwasser in Österreich: Niederösterreich so stark betroffen wie nie zuvor

Das Bundesland Niederösterreich um Wien ist vom Hochwasser so stark getroffen wie nie zuvor. „Dies ist eine Ausnahmesituation, wie wir es noch nie erlebt haben“, sagte Niederösterreichs Landeshauptfrau (Ministerpräsidentin) Johanna Mikl-Leitner. Besonders prekär war die Lage am Fluss Kamp nordwestlich von Wien.

Die Stauseen im oberen Flusslauf waren randvoll, das kontrollierte Ablassen der Wassermengen ließ den Fluss im unteren Bereich immer weiter anschwellen. Weitere Wassermassen aus dem Ottenstein-Stausee wurden erwartet. In der Gemeinde Gars am Kamp wurden ständig neue Wälle durch Sandsäcke aufgebaut, um Häuser zu schützen.

Am Nachmittag ließ der seit Tagen andauernde Regen etwas nach, aber für Montag waren weitere Niederschläge vorausgesagt. „Wir spüren die Kraft der Natur, aber auch die Kraft des Miteinanders, des Zusammenhalts“, sagte Mikl-Leitner. Sie bedankte sich bei tausenden Angehörigen der freiwilligen Feuerwehren, die in unermüdlichem Einsatz waren.

Hochwasser in Österreich: 15.09.2024, Österreich, Böheimkirchen: Ein Blick auf die Überflutungen in der Nähe von Böheimkirchen. Aufgrund der starken Niederschläge ist ganz Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt worden. Foto: Helmut Fohringer/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Hochwasser in Österreich: Ein Blick auf die Überflutungen in der Nähe von Böheimkirchen. Aufgrund der starken Niederschläge ist ganz Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt worden.

Helmut Fohringer/APA/dpa

Gefahr am Stausee Ottenstein

Prekär ist die Lage vor allem im Gebiet der Flüsse Kamp und Krems, die in die Donau fließen. Der Energieversorger EVN rechnet damit, dass der schon fast randvoll gefüllte Stausee Ottenstein am Kamp im Laufe des Tages überläuft. Das würde den Unterlauf des Flusses noch einmal deutlich anschwellen lassen.

Bahnverkehr eingestellt

Die österreichischen Bahnen ÖBB stellten den Zugverkehr an einer rund 25 Kilometer langen Strecke ein, die etwa fünf Kilometer südlich entlang der Donau führt. Zwischen Amstetten und St. Valentin verkehren stattdessen Busse.

U-Bahn in Wien betroffen

In einigen Gemeinden in Niederösterreich nördlich von Wien musste die Feuerwehr in der Nacht eingeschlossene Menschen aus ihren Häusern retten. Eine Person geriet mit ihrem Auto in die Wassermassen der über die Ufer getretenen Pielach westlich von Wien und musste gerettet werden. Die Feuerwehr ist teils mit Schlauchbooten unterwegs.

Menschen in flussnahen Straßen wurden in mehreren Gemeinden aufgefordert, ihr Häuser zu verlassen. Die Erklärung zum Katastrophengebiet gibt Behörden erweiterte Befugnisse, etwa, um Evakuierungen anzuordnen. In Wien wurde der Betrieb auf zwei U-Bahn-Linien vorsichtshalber teilweise eingestellt.