Störche im Kreis Görlitz
: Warum Blumen zum Valentinstag zur Todesfalle werden können

Zum Valentinstag werden gern Blumen verschenkt. Im Kreis Görlitz sorgt deren Entsorgung für Diskussionen. Denn die Reste können zur potenziellen Todesfalle für Störche werden.
Von
Jürgen Scholz
Görlitz
Jetzt in der App anhören
Nachwuchs bei Störchen: ARCHIV - 10.06.2024, Sachsen-Anhalt, Schönebeck: Ein Weißstorch sitzt auf seinem Nistplatz bei seinem Küken.  (zu dpa: «Weniger junge Störche in Sachsen-Anhalt») Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Storch steht mit seinem Nachwuchs im Nest. Welche verborgene Gefahr könnte für die Störche in Görlitz zur Todesfalle werden? (Symbolfoto).

Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
- Gummibänder aus Valentinssträußen im Bio-Müll werden Störchen zur Todesfalle. - Bänder verrotten nicht, landen über Kompost auf Feldern und wirken wie Würmer. - In Mägen verendeter Störche wurden teils mehrere Hundert Bänder, bis 600 g, gefunden. - Fälle in Kreis Görlitz: 2023 erster Zwischenfall; 2024/2025 mehrere Jungstörche betroffen. - Sachsen 2024: 471 Brutpaare, 971 Jungstörche; weniger Jungtiere in Hoyerswerda/Weißwasser 2025.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Zum Valentinstag am 14. Februar werden wieder unzählige Blumensträuße verschenkt. Manche Blumen werden von einem Gummi zusammengehalten. Wandern diese Liebesgrüße dann in den Bio-Müll, können sie zu einer tödlichen Falle für Störche werden.

Denn die Gummibänder verrotten nicht in den Kompostieranlagen und können kaum herausgefiltert werden. Sie liegen auf den Mieten der  Kompost-Anlagen oder wandern von dort aus später auch mit dem Kompost als Dünger auf Felder.

Das Problem: Die Gummi-Bänder sehen Würmern täuschend ähnlich. Sie werden beispielsweise von Störchen gefressen oder an den Nachwuchs verfüttert. Die Tiere können aber die unverdaulichen Bänder nicht mehr ausscheiden.

Bis zu 600 Gramm Gummi im Magen von Störchen gefunden

Teilweise mehrere Hundert Gummibänder wurden in den Mägen verendeter Störche gefunden. Der Naturschutzbund Leipzig (Nabu) hatte eine Soko Adebar ins Leben gerufen und Bio-Abfall auf einer Deponie als tödliche Falle identifiziert. Dort lagen Gummis und Kunststoffteile massenhaft auf den Kompostmieten. Nicht nur Störche, sondern auch andere Vogelarten nahmen das scheinbar großzügige Nahrungsangebot an.

Das Problem: Die Gummibänder können sich im Magen verklumpen. Teilweise wurden 600 Gramm in verendeten Störchen gefunden, so Sylvia Siebert. Sie führt beim Naturschutzinstitut (NSI) des Nabu in Dresden die Storchen-Statistik für Sachsen. Wenn sich ein solcher Gummiballen im Körper nach hinten verlagert, wird die Flugfähigkeit stark beeinträchtigt. Tödliche Kollisionen können also ebenso die Folge sein wie auch innere Verletzungen. Der Storch kann aber auch schlicht und einfach verhungern.

Viele Gummi-Bänder: Das war der Mageninhalt des am 19. Juli 2025 in Ostritz verendeten Stochs.

Viele Gummibänder: Das war der Mageninhalt eines verendeten Storchs. Viele Gummibänder waren für Regenwürmer gehalten worden, sind aber unverdaulich und blockieren letztlich den Magen.

Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz / Diana Jeschke

Der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Görlitz wurden im Jahr 2025 mehrere verendete Jungstörche gemeldet. Die Untersuchung eines Jungstorchs aus Ostritz durch das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz brachte eine große Anzahl von Gummiringen im Magen zutage.

Ein Tier aus Zoblitz, das 2024  in den Naturschutz-Tierpark Görlitz gebracht worden war, hatte mehr Glück. Es konnte nach kurzer Zeit viele Gummibänder herausbringen und wieder freigelassen werden. Der erste Zwischenfall mit Gummibändern im Kreis Görlitz wurde 2023 bekannt.

Es mag nach Einzelfällen klingen. Aber angesichts der geringen Zahl von Störchen in Ostsachsen ist jeder verendete Storch im Kreis Görlitz schon ein prozentualer Ausschlag. In den Altkreisen Weißwasser und Hoyerswerda gab es im Jahr 2025 beispielsweise nur knapp über 40 Jungtiere.

Wesentliches Problem ist auf jeden Fall noch immer das unzureichende Nahrungsangebot, so Sylvia Siebert; weniger Feuchtflächen, große Agrarstrukturen ohne Randstreifen oder andere Landschaftselemente machen den Störchen immer noch das Leben schwer. Etwa 50 Prozent der Todesfälle könnten ihre Ursache im fehlenden Nahrungsangebot haben, schätzt sie.

2024 starben in Sachsen 127 nicht flügge Jungstörche, außerdem wurden acht bereits ausgeflogene Jungstörche tot aufgefunden. Bei jedem dritten davon ist die Todesursache offen. Bei nicht flüggen Jungtieren sind es mehr als 50 Prozent, bei denen die Todesursache unbekannt ist.

Zahl der Störche stabilisiert sich in Sachsen durch West-Zuzüge

Es fehlen die Mittel, jeden Storch zu untersuchen, so Sylvia Siebert. Wie viele Störche wegen eines sich verlagernden schweren Gummi-Propfens im Unterleib einen Flugunfall hatten, bleibt deshalb offen. Manchmal würden betroffene Störche mit Gummis im Magen auch nur apathisch herumstehen – bis sie tot umfallen.

Auch wenn sich die Storchen-Population im langjährigen Mittel seit 2018 wieder erholt hat, sieht Sylvia Siebert darin kein Zeichen der Entwarnung. Die Zahlen seien auch auf die Westzuzügler zurückzuführen: Störche, die wegen der wärmer und kürzer gewordenen Winter nur noch in Spanien überwintern und dort vorwiegend Mülldeponien als Nahrungsquellen für sich entdeckt haben. Im Sommer kommen sie dann in den Osten.

Das mag kurzfristig in Sachsen die Zahl der Störche stabilisieren. Offen ist aber noch, welche Auswirkungen es auf die Gesundheit und die Lebenserwartung der Störche hat, wenn sie sich von Abfall ernähren, verweist Sylvia Siebert auf noch zu klärende Faktoren. Zudem erweisen sich Plastiktüten, Angelleinen und andere Abfälle auf den Deponien oft als tödliche Fallen für die Tiere. Und dann kommen nun auch noch Gummibänder im Bio-Müll dazu.

Weniger Jungtiere im Raum Hoyerswerda und Weißwasser

Die Störche in Sachsen werden von ehrenamtlichen Storchenbeauftragten erfasst und die Zahl dann an das Naturschutzinstitut (NSI) des Nabu in Dresden übermittelt. 2024 gab es in Sachsen 471 Brutpaare mit 971 Jungstörchen. Der langjährige Durchschnitt liegt bei 350 Brutpaaren. Die Zahlen für 2025 wurden noch nicht veröffentlicht.

In den Landkreisen Görlitz und Bautzen gab es im Jahr 2024 insgesamt 50 Brutpaare mit 100 Jungtieren (Kreis Görlitz) beziehungsweise 105 Paare mit 205 Jungtieren (Kreis Bautzen).

Für die Altkreise Hoyerswerda und Weißwasser liegen die Daten von 2025 bereits vor. So gab es im Bereich Weißwasser sechs Brutpaare mit zwölf Jungen. 2024 waren es noch sieben Brutpaare mit 13 Jungen gewesen. Im Bereich Hoyerswerda waren es 2025 insgesamt elf Paare mit 29 Jungen. Im Jahr 2024 waren dort noch 14 Paare mit 33 Jungen gezählt worden.