Im Dreißigjährigen Krieg bekommt der Kaisertrutz in Görlitz seinen Namen. Die Stadt wird von den Schweden besetzt und „trotzt“ den kaiserlichen und sächsischen Truppen vor der Stadt während einer mehrwöchigen Belagerung. Das verrät die Homepage der Kreisstadt Görlitz. Das Ganze ist jetzt über 380 Jahre her.
Im Kaisertrutz zu Görlitz kann man derzeit gut der sommerlichen Hitze trotzen. Dafür muss man sich gar nicht verbarrikadieren, sondern kann gemütlich durch die Etagen schlendern. Denn das dicke und imposante Bauwerk wird ja schon Jahrhunderte nicht mehr für Verteidigungszwecke genutzt, sondern beherbergt Teile der Görlitzer Sammlungen. Wobei das mit der Verteidigung als Thema noch nicht ganz vom Tisch ist.

Zum Start der Sommerferien neue Sonderausstellung in Görlitz

Pünktlich zum Start der Sommerferien warten die Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur – Kulturhistorisches Museum – mit einer besonders sehenswerten Ausstellung auf. Eine, die ihresgleichen sucht, will Jasper von Richthofen, Direktor der Görlitzer Sammlungen und zugleich Kurator der neuen Sonderausstellung, das Licht gar nicht erst unter den Scheffel stellen. Denn es geht um viel Silber und eine spannende und zum Teil unbekannte Geschichte. „Silber für Sklaven – Schätze des Mittelalters“ heißt die aktuelle Sonderschau.
Diese hat ihren Anfang schon 2017 gefunden. Bei einem internationalen Forschungsprojekt hat das Kulturhistorische Museum der Görlitzer Sammlungen in Kooperation mit den Universitäten in Heidelberg und Greifswald sowie dem Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim kooperiert. Dabei ging es um die spannende Frage nach der Herkunft des Silbers aus den gefundenen Schätzen. Dabei handelt es sich um zerhackte Münzen und verschiedene Schmuckwaren, die auf Feldern gefunden wurden. In der Fachsprache werden sie Hacksilberschätze genannt. So war bei einem Fund bei Bautzen 900 Gramm Silber über eine Fläche von 900 Quadratmetern verteilt. Zerhackt wurde das Silber, weil nicht mehr der Wert der Münzen oder das Wertvolle des Schmuckes zählte, sondern „lediglich“ die Masse das Maß aller Dinge war.
„Natürlich haben wir während der Forschung eine Ausstellung immer mitgedacht“, erzählt Jasper von Richthofen. Ursprünglich geplant war das Ganze für Dezember 2020. „Warum wir sie für diesen Zeitpunkt abgesagt haben, muss ich wohl nicht mehr erklären“, spielt er auf die Corona-Pandemie an.
Festgestellt wurde – weil das Material auch einen Fingerabdruck hat – dass das Silber der gefundenen Schätze nur zwei Abbaustätten zuzuschreiben ist: Goslar im Harz und Buchara/Samarkand in Usbekistan. Ist das schon interessant, werden noch andere Rückschlüsse gezogen. Denn was war wohl der Gegenwert für teilweise mehrere Kilogramm Silber? „Vermutlich war es vor allem der Menschenhandel, der die Menge an Silber in die Region gespült hat“, ist sich von Richthofen sicher.
Sklavenhandel? Den gab es doch nur zwischen Afrika und Amerika, aber doch nicht in der Oberlausitz? Stolz verweisen die Görlitzer darauf, dass sie die bislang erste Ausstellung sind, die im Zusammenhang mit der Geschichte um die Hacksilberschätze dem Thema der Sklaverei in Ostmitteleuropa und Ostdeutschland in der Zeit um 1000 genauer nachgehen. „Vor etwa 1000 Jahren waren es aber Männer, Frauen, Kinder aus unserer Region, die nach Westeuropa, Spanien, Byzanz oder Zentralasien verkauft wurden. Nicht zufällig besitzt die ethnische Bezeichnung Slawe den gleichen Wortstamm wie Sklave. Ihre ergreifende Geschichte erzählen wir nun hier im Kaisertrutz.“

Görlitz

Auf der Landeskrone Görlitz gab es einst eine Fluchtburg

Und von Richthofen verweist dabei auf die Landeskrone. Den Hausberg von Görlitz kennt man heute als Ausflugstipp mit Gaststätte. Dort gab es einst eine slawische Fluchtburg, die nicht verteidigt werden konnte, sondern 1015 von böhmischen Truppen erobert worden ist. „1500 Krieger sind damals in Gefangenschaft geraten. Frauen und Kinder sind da noch gar nicht mitgezählt“, so Jasper von Richthofen. Die Forscher gehen davon aus, dass die Menschen nicht so einfach verschwunden sind, sondern als Sklaven verkauft und mit Silber bezahlt wurden.
„Wir erzählen also spannend Geschichten“, findet Jasper von Richthofen. Der Rundgang lohne sich für die gesamte Familie, spielt er auf die Ferienzeit an. Mit dem Neun-Euro-Ticket sei die Reise nach Görlitz zudem mit der Bahn bequem zu machen.

Geplante Führungen

Die Ausstellung ist bis zum 8. Januar 2023 im Kaisertrutz zu sehen.
Am 14. August, 17 Uhr; 23. September, 16 Uhr; 23. Oktober, 16 Uhr, 4. November, 18. Dezember und 5. Januar (jeweils 15 Uhr) finden Kuratorenführung mit Jasper von Richthofen satt,
Die Ausstellung ist Dienstag bis Donnerstag von 10 bis 17 Uhr, Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Der Eintritt für die Sonderschau beträgt vier Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt.
Noch in keiner Ausstellung wurden so viele Hacksilberschätze und andere bedeutende Schmuckgegenstände des Mittelalters, so auch wertvolle Grabfunde von der Prager Burg oder aus Brünn, zusammengetragen. So stehen auch für den zweiten Teil des Ausstellungstitels die Bestände des Staatlichen Archäologischen Museum in Warschau, Kooperationspartner dieser Ausstellung. Sie werden im Kaisertrutz besonders in Szene gesetzt. Gezeigt werden Schmuckstücke des 10. bis 13. Jahrhunderts. Sie ergänzen die häufig bis zu Unkenntlichkeit zerteilten Schmuckstücke aus den Hacksilberschätzen des ersten Ausstellungsteils und stammen vielfach aus den ehemals polnischen Gebieten im heutigen Belarus und der Ukraine.