Alljährlich im Spätsommer und Herbst scheint sich das Leben in der Lausitz in die Wälder zu verlagern. An fast jeder Waldeinfahrt steht mindestens ein Auto. Dessen Besitzer sind in den meisten Fällen mit Messern und Körben auf Jagd. Sie suchen nach leckeren Pilzen. Die Pilzsaison 2022 ist erst Ende September so richtig angesprungen. Zuvor war es für die Sporengewächse einfach zu trocken. Das A und O für das Pilzwachstum ist das Wasser, sagt der Schwarzheider Pilzberater Bernhard W. Naber.
Doch dank der reichhaltigen Niederschläge im Spätsommer und Frühherbst sind die Fruchtkörper der Gewächse jetzt in Größenordnungen vertreten. In manchen Wäldern der Lausitz, insbesondere im Heidegürtel zwischen Schwarzheide, Hoyerswerda und der Lausitzer Neiße, kann man mancherorts vor Pilzen kaum mehr laufen. Viele Sammler kehren mit freudestrahlenden Gesichtern zu ihren Fahrzeugen zurück, die Körbe randvoll mit den begehrten Gewächsen gefüllt.

Anfragen zu Pilzvergiftungen steigen

Doch mancher Sammler erlebt nach dem Verzehr eine böse Überraschung. Denn nicht immer werden essbare Pilze gefunden. Manchmal haben sich ungenießbare Exemplare in den Korb geschmuggelt, im ungünstigsten Fall sogar Giftpilze. „Im Vergleich zu den Vorjahren registrieren wir mehr Anfragen zu Pilzvergiftungen“, sagt Susanne Stöckmann von der Berliner Charité. Exakte Daten zu Berlin und Brandenburg könnten derzeit aber momentan nicht ermittelt werden, da Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet erfasst werden. Allerdings steige die Anzahl der Pilzvergiftungen nicht nur in Berlin/Brandenburg, sondern in ganz Deutschland.
Nach Angaben des Giftinformationszentrums Erfurt ist die Zahl der Anrufe im Oktober stark angestiegen. Die meisten Fälle von Pilzvergiftungen seien bislang in Sachsen dokumentiert worden. Darunter befinden sich zwei Fälle mit schweren Verläufen, und zwar aus den Räumen Dresden und Chemnitz. Im Landkreis Bautzen seien im laufenden Jahr bislang 13 Pilzanfragen registriert, für den Landkreis Görlitz fünf Anfragen. Eine weitere Detaillierung sei kurzfristig nicht möglich.

Kliniken in Hoyerswerda, Senftenberg und Lauchhammer behandeln Pilzvergiftungen

Im Lausitzer Seenland-Klinikum Hoyerswerda werden pro Jahr zwei bis drei Pilzvergiftungen verzeichnet, sagt Unternehmenssprecher Gernot Schweitzer. In den Sana-Kliniken Niederlausitz in Senftenberg und Lauchhammer wurden anno 2022 zwei Patienten mit Pilzvergiftungen behandelt, 2021 war es ein Patient, 2019 hingegen sechs Menschen. Welche Pilze genau die Ursache waren, lasse sich nicht mehr aufschlüsseln, sagt Sprecher Benjamin Seidemann.
Tatsächlich haben viele Speisepilze giftige oder zumindest ungenießbare Doppelgänger. Besonders essbare Champignonarten könnten mit giftigen Champignons, vor allem dem Karbolegerling, verwechselt werden, sagt Wolfgang Bivour, Vorsitzender des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen. Uwe Bartholomäus, Pilzsachverständiger aus Hähnichen bei Niesky, ergänzt, dass in der Lausitz rund 20 Champignonarten wachsen. „Mein Rat: Falls das Essen mit den Champignons schlecht riecht, dieses bitte wegwerfen.“

Bei welchen Pilzen Sammler ganz genau hinschauen sollten

Aufpassen sollten Sammler auch bei Parasolpilzen, die mit Giftschirmlingen verwechselt werden können. „Letztere kamen früher nicht so häufig vor wie heute“, weiß Bivour. Die Gewächse enthielten Magen-Darm-Gifte, die auf der Toilette ausgesessen werden könnten.
Wesentlich gefährlicher seien Grüne Knollenblätterpilze. Besonders deren weißliche Formen könnten mit Champignons verwechselt werden. Wer die falschen Pilze isst, könne durchaus am durch sie hervorgerufenen Leberversagen sterben.

Hähnichen, Schwarzheide

Giftpilze wachsen auch vor Kindergärten und Schulen

Wer Perlpilze sucht, sollte ebenfalls ganz genau aufpassen. Denn diese sehen den hochgiftigen Pantherpilzen ähnlich. „Hinzu kommt, dass beide Arten nicht selten an der gleichen Stelle wachsen“, sagt Wolfgang Bivour. Laut Uwe Bartholomäus würden sich seiner Erfahrung zufolge zwei Drittel der Funde vermeintlicher Perlpilze als Pantherpilze entpuppen. Letztere wachsen derzeit an vielen Stellen, auch bei Kindergärten, Schulen und auf Grünflächen.
Wer auf Nummer sicher gehen will, und das machen wohl auch die meisten Lausitzer, sammelt nur Röhrlinge. In der Lausitz wie auch in ganz Deutschland und Europa haben diese keine tödlich giftigen Doppelgänger, sagt Bartholomäus. Wer gern Steinpilze sucht, sollte aber aufpassen, nicht versehentlich zu Gallenröhrlingen zu greifen. Diese haben, im Gegensatz zu den gelblich-grünen Röhren des Steinpilzes, rosafarbene Röhren. Wer sie isst, spuckt sie in der Regel wegen ihres extrem bitteren Geschmacks schnell wieder aus. Bei Knollenblätterpilzen sollten Geschmacksproben aber unbedingt unterbleiben.

Speisepilzarten in Brandenburg und der Lausitz

In Brandenburg und der Lausitz gibt es rund 150 Speisepilzarten. Dieser Gruppe stehen etwa zwei Hände voll gefährlicher Giftpilze gegenüber. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurden manche einstige Speisepilze als Giftpilze umgruppiert. Bekanntestes Beispiel bildet der Grünling. Nach Vergiftungsfällen in Frankreich und Polen, aber auch bei Frankfurt (Oder) und in der Lausitz, sollte dieser gemieden werden. Nicht zuletzt darf der Grünling aufgrund der Bestimmungen in der Bundesartenschutzverordnung ohnehin nicht gesammelt werden, auch wenn er in den Lausitzer Heidewäldern mitunter häufig vorkommt. Wer sich bei einem Pilz nicht sicher ist, sollte sich unbedingt an einen Pilzberater wenden. Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Pilzreste sicherstellen. Und auf jeden Fall Ruhe bewahren und keine übereilten Maßnahmen durchführen (beispielsweise Erbrechen mit Salzwasser herbeiführen).