Frauen, die in Oberspreewald-Lausitz eine Hebamme suchen, haben es schwer. Wegen des Mangels an Geburtshelferinnen sind Nachsorge-Hebammen oft monatelang ausgebucht. Trotz frühzeitiger Suche gelingt es nicht allen, eine Betreuung zu ergattern.
Das Fazit von Linda K. aus Senftenberg ist ernüchternd und bringt die Lage auf den Punkt: „Ich glaube, ich hätte anfangen sollen, eine Hebamme zu suchen, bevor ich überhaupt schwanger war.“ Die 31-Jährige hat wochenlang vergeblich versucht, eine Hebamme zu finden. Alle lokalen Hebammen hat sie abtelefoniert. Von manchen hörte sie nur den Anrufbeantworter, von den anderen bekam sie eine Absage. Häufig mit dem Hinweis: „Ausgebucht bis Januar 2023.“

Senftenberger Frauen fahren bis zur Landesgrenze

„Das ist tatsächlich so“, bestätigt Hebamme Susan Hofmann aus Frauwalde - dem südlichsten Zipfel des Landkreises. Sie hat dort seit neun Jahren eine Hebammenpraxis. Versorgt vor allem Frauen aus Elbe-Elster und dem angrenzenden Sachsen bis nach Gröditz, Plessa und Elsterwerda. Monatlich sechs Nachsorgen - mehr schafft sie nicht. Aktuell füllt sich ihr Kalender mit Terminen für die „März-Frauen“, Schwangere also, die im März 2023 entbinden werden. Darunter sind auch Frauen aus Senftenberg, die rund um die Kreisstadt keine Hebamme finden, die in den ersten Tagen nach der Geburt die Nachsorge im Wochenbett übernehmen.
Die Not der Schwangeren kennt Susan Hofmann. Ihr Rat: Mit dem positiven Schwangerschaftstest am besten sofort die Hebammen-Suche starten.
Neu in Senftenberg: Geburtsvorbereitungskurse immer dienstags von Sana-Familienhebamme und Dreifachmama Beatrice Handschack (Mitte). Ab 11 Uhr leitet sie eine Stunde Rückbildungsgymnastik an (Foto).
Neu in Senftenberg: Geburtsvorbereitungskurse immer dienstags von Sana-Familienhebamme und Dreifachmama Beatrice Handschack (Mitte). Ab 11 Uhr leitet sie eine Stunde Rückbildungsgymnastik an (Foto).
© Foto: STEFFEN RASCHE
Die frühzeitige Suche hat sich bei der hochschwangeren Steffi Kratzsch aus Ruhland jedenfalls ausgezahlt. Die 28-Jährige hatte sich gleich nach dem ersten Frauenarzttermin in der achten Woche ans Telefon gehängt. Mit Erfolg. Sie ist in der Hebammenpraxis „Lichtblicke“ aus Altdöbern untergekommen. Sie wird dort rundum betreut vom Geburtsvorbereitungskurs über das Wochenbett bis hin zum Rückbildungskurs. Der Geburt ihres Babys in den nächsten Tagen kann sie daher entspannt entgegensehen. Entbindungstermin ist der 18. Juli.
Dass sich die Lage demnächst entspannt, erwartet Hebamme Susan Hofmann aus Frauwalde aber nicht. Sie befürchtet, dass sich die Not sogar noch zuspitzen könnte. Weil für ungeimpfte Hebammen mit der Impfpflicht für medizinisches Personal ein Beschäftigungsverbot in Brandenburg nicht vom Tisch ist.

Kapazität der Klinik-Hebammen ist beschränkt

Auch Klinik-Hebamme Tabea Meier füllt gerade die Nachsorge-Termine für den Februar 2023. Drei Frauen betreut sie pro Monat nach der Geburt. Mindestens genauso viele Absagen muss sie regelmäßig für jeden Monat verteilen. „Das tut mir natürlich auch leid. Aber mehr ist in der freiberuflichen Nebentätigkeit nicht zu schaffen“, erklärt die angestellte Klinik-Hebamme. Sie arbeitet in der Geburtsklinik Lauchhammer der Sana Kliniken Niederlausitz.
Die Hausbesuche bei den Frauen vor allem in den Senftenberger Ortsteilen muss sie also nach ihrem Nachtdienst oder vor der Spätschicht im Kreißsaal Lauchhammer eintakten. Nach der Geburt besucht sie die jungen Mütter dann fast täglich. Mehr als die Betreuung von drei Frauen sei nebenberuflich nicht zu schaffen. Denn Hausbesuche brauchen Zeit und sind nicht in ein paar Minuten erledigt.

Tipp: Suchradius bis nach Cottbus ausweiten

Mit der Not der Schwangeren bei der Hebammen-Suche wird auch Heidrun Hanusa von der Senftenberger Beratungsstelle Profamilia regelmäßig konfrontiert. Es gebe im Landkreis zu wenige Hebammen, die freiberuflich arbeiten und ihre Dienste anbieten, bestätigt Hanusa. Die meisten sind Klinik-Hebammen, die nur nebenberuflich wenige Frauen aufnehmen könnten. Deren Kapazität sei beschränkt.
Wer in die Beratungsstelle kommt, erhält eine Hebammenliste. Wenn diese ergebnislos abtelefoniert ist, empfiehlt die Profamilia-Expertin, den Suchradius zu erweitern. Auf den Elbe-Elster-Kreis, auf Hoyerswerda und Cottbus.
In die Bresche sind jetzt auch die Sana Kliniken Niederlausitz gesprungen. Für werdende Eltern gibt es seit Anfang Juni Geburtsvorbereitungskurse und ein Angebot für Rückbildungsgymnastik direkt in Senftenberg. Familienhebamme und Dreifachmama Beatrice Handschack hat sogar noch freie Kapazitäten für ihre Kurse immer dienstags in Senftenberg und montags in Lauchhammer.

500 Hebammen für ganz Brandenburg

Was bleibt, ist die Not, eine Hebamme für die ersten Tage nach der Geburt für die Betreuung im Wochenbett zu finden. Das bestätigt auch Beatrice Manke vom Brandenburgischen Hebammenverband: „Frauen müssen sich schon in den ersten Schwangerschaftswochen um eine Hebamme bemühen. Je später die Suche beginnt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein.“
Nach einer internen Schätzung gibt es in Brandenburg derzeit etwa 500 Hebammen. Ein Drittel davon wird in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen.
Angesichts des Hebammen-Mangels sind große Hoffnungen an den bislang ersten und einzigen Studiengang für Hebammenwissenschaften in Brandenburg am BTU-Campus in Senftenberg geknüpft. Doch wird die neue akademische Ausbildung die Hebammen-Not tatsächlich lindern können?

Krankenhäuser als Praxispartner fehlen

„Nein“, sagt die 1. Vorsitzende des Brandenburger Hebammenverbandes, Beatrice Manke. Denn die avisierten 35 Studienplätze könnten gar nicht ausgeschöpft werden, weil Krankenhäuser als Praxispartner fehlen. „Das ist ein riesengroßes Problem“, bestätigt sie.
Aktuell gibt es bei den Hebammenwissenschaften in Senftenberg 17 Studierende. Die meisten kommen aus Brandenburg und Sachsen. Die Sana Kliniken Niederlausitz mit der Geburtsklinik in Lauchhammer sind Kooperationspartner für den neuen Studiengang. Eine Studentin aus Lindenau wird in den Praxisphasen in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe betreut.
Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber: Der neue Studiengang ist sehr gut nachgefragt. Das neue Wintersemester ist schon gefüllt. Das bestätigt die Studiengangsleiterin, Prof. Franziska Rosenlöcher.
Wie können Familien in Brandenburg Gehör finden? Dazu starten wir auf LR-Online eine große Umfrage zur Familienfreundlichkeit.
Noch bis zum 10. Juli können Sie hier bei unserem Familienkompass mitmachen und eine Reise an die Ostsee gewinnen. Alles rund um das Thema Familien in Brandenburg lesen Sie auf unserer Themenseite.