Noch mehr auf den Menschen zubewegen kann sich Kunst wohl kaum als kommenden Sonntag in der Lübbenauer Neustadt. Das gepflegte Grün der Außenbereiche im Wohnquartier in der Lindenstraße wird zum Aufführungsort eines sechsköpfigen Profi-Tanzensembles. Zuschauer können sich auf den Wiesen auf Decken niederlassen, die Sitzbänke nutzen oder im Stehen vom Gehweg aus zusehen, Balkone werden zu Logenplätzen.
Die knapp 40-minütige Vorstellung mit eigenem Sounddesign sowie Fotos, die auf einen Wohnhausgiebel projiziert werden, ist kostenlos. „Klänge der Lausitz“ hat Choreografin Golde Grunske aus Cottbus die Klang-Tanz-Bild-Performance genannt. Es ist ihre mittlerweile vierte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Lausitz. Erneut tritt das Ensemble dabei in mehreren Städten der Lausitz im öffentlichen Raum auf. Nach Spremberg und Forst am 16. und 17. September, ist am Sonntag, 18. September, Lübbenau dran. Zwei Aufführungen in Cottbus schließen sich am 22. und 23. September an.
Den Aufführungsort hat sich die Choreografin mit Queenie Nopper vom Kulturzentrum Gleis 3 ausgeguckt. Dort waren in den vergangenen Jahren die Lausitz-Tanzstücke von Golde Grunske zur Aufführung gekommen. Die WIS Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald hat nun nicht nur erlaubt, die Fläche im Lindenweg nutzen zu dürfen, sie unterstützt auch mit Sitzbänken und Musikanlage. Den leistungsstarken Videobeamer bringt Grunskes Team mit. Er kommt zum Einsatz, wenn es dunkel wird. 20.30 Uhr geht es los. Besucher sollten Decke oder Jacke nicht vergessen.

Annäherung über Interviews

Wie denn für sie die Lausitz klingt, das hat Golde Grunske in Vorbereitung des Stücks in Interviews erfragt. Entsprechend sind Geräusche von Schaufelradbagger und Brikettpresse, aber auch das Knacken der Äste im trockenen Wald oder Vogelgezwitscher von Tonmeister und Komponist Konrad Jende ins Sounddesign eingearbeitet worden. Der Rhythmus der Musik ist wieder sehr genau auf die Bewegungen der sechs Tänzer abgestimmt. Hinzu kommen wandfüllende Fotos, vor denen sich die drei Frauen und drei Männer bewegen und die eine weitere Bedeutungsebene aufmachen.
„Die Aufnahmen“, erzählt Golde Grunske, „wurden an typisch Lausitzer Orten gemacht“. Madlower und Gräbendorfer See wurden ebenso aufgesucht wie der Tagebau Jänschwalde, der Cottbuser Ostsee oder auch ein Plattenbauviertel und Garagenkomplex im Cottbuser Stadtteil Sachsendorf.
Sechs Tänzer, hier bei der Probe in Cottbus, zeigen beeindruckende Bilder.
Sechs Tänzer, hier bei der Probe in Cottbus, zeigen beeindruckende Bilder.
© Foto: Daniel Preikschat
Es gelingen, das sieht man bei der Probe, symbolträchtige getanzte Szenen, die mit der Lausitz in Beziehung gesetzt werden können, die aber auch für sich genommen ausdrucksstark sind. Die Tänzer bewegen sich mal marionettenhaft aneinander vorbei, mal ringen sie miteinander oder verschlingen sich ineinander. Die Performance bietet Tempo und Stillstand. Wie zu einer Skulptur fügt sich die Tänzergruppe mitunter zusammen.

Erinnerungen statt Erklärungen

Golde Grunske liefert natürlich keine Erklärungen zum richtigen Verständnis der Klang-Tanz-Bild-Performance. Es gehe ihr um Stimmungsbilder in der Lausitz, um Lebensgefühle, heißt es von ihr eher vage. Wer das Tanzstück sieht, kann aber den Eindruck gewinnen, dass diese Stimmungen starken Schwankungen unterlegen sind. Verursacht zu werden scheint das durch die sehr bewegte jüngere Geschichte der Region, durch die Veränderung der Städte und der Landschaft in einer Energieregion. Erst unter den Bedingungen in einer Plan-, dann in einer Marktwirtschaft. Lausitzer Geschichte wird im Schnelldurchlauf getanzt, so eine Assoziation, die der Betrachter haben kann.
Insofern ist die Vorstellung gerade in der Lübbenauer Neustadt gut aufgehoben, die ohne Tagebau und Kraftwerkbetrieb nie so entstanden wäre. Sehr viele Rentner haben selbst im Kraftwerk gearbeitet, das heute ein Industrie- und Gewerbegebiet ist. Daher könnten viele persönliche Erinnerungen geweckt werden durch das Tanzstück.

Aufführungsorte und Termine

Die Klang-Tanz-Bild-Performance „Klänge der Lausitz“ wird gezeigt: Freitag, 16. September, im Hofkino in Spremberg, Samstag, 17. September, auf dem Marktplatz in Forst, Sonntag, 18. Dezember, im Lindenweg 3-4 in Lübbenau, Donnerstag, 22. September, und Freitag, 23. September, im Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus. Beginn ist jeweils immer um 20.30 Uhr, der Eintritt kostenlos.