Von Sascha Klein

14 Uhr im Jugendklubhaus „Ossi“: Alle warten auf die Prominenz. Dann kommt sie nahezu gleichzeitig. Staatsministerin Petra Köpping (SPD) durch die Vorder-, Hoyerswerdas Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU) durch die Hintertür. Silvia Melde hält sich zurück – dabei steht die 55-Jährige doch eigentlich an diesem Tag im Mittelpunkt. Sie hat sich eine Fete mit Ur-Hoyerswerdaern und Migranten gewünscht. Die hat sie bekommen.

Silvia Melde hat einen Grund zum Feiern. Seit 25 Jahren ist die Hoyerswerdaerin Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale. Das heißt: Sie vermittelt Groß und Klein, was vernünftiges Essen ist. Deshalb hat sie sich an diesem Tag im Jugendklubhaus „Ossi“ auch den Stand mit Obst und Gemüse ausgesucht. „Fünf Portionen Obst und Gemüse sollte jeder täglich essen“, sagt sie. Eine Portion, sie greift in die Schüssel mit Weintrauben, sei gar nicht so viel. Eine Hand voll ist eine Portion, kinderleicht zu merken.

Die Hoyerswerdaerin, die seit fast 20 Jahren in Lauta wohnt, ist ein Kumpel-Typ. „Ich spreche in Schulen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger“, sagt sie. Sie will überzeugen. Mit ihrer lockeren und direkten Art fängt sie fast jeden ein. Was sich in den vergangenen 25 Jahren in Sachen Ernährung geändert hat? Silvia Melde muss nicht lange überlegen: „Die Leute schauen heute deutlich mehr auf die Zutaten“, betont sie. Auch beim Zucker seien viele zurückhaltender als noch kurz nach der Wende. Wer es sich leisten kann, greife öfter zu regionalen Lebensmitteln, erzählt sie. „Quark aus Kotten und Leinöl aus Hoyerswerda – wir haben doch alles vor der Tür“, sagt sie.

Natürlich – Quark und Leinöl dürfen auch an diesem Tag als Lausitzer Nationalgericht nicht fehlen. Hoyerswerdas OB Stefan Skora ist da ganz pragmatisch. Er gießt etwas Leinöl auf einen Teller, nimmt eine Schnitte dazu – und titscht. So ende eine Mahlzeit mit Kartoffeln und Quark bei ihm fast immer, so Skora. Am Ende muss es Leinöl pur mit Schnitte sein – plus titschen. Neben dem OB rührt Integrationsministerin Petra Köpping Quark an, schneidet Zwiebel und hackt Kräuter – fertig. Der OB darf kosten. Schließlich sitzen CDU und SPD sachsenweit auch an einem Tisch.

Ein paar Meter weiter erklärt Silvia Melde einigen Kindern, welche Früchte an diesem Tag angeboten werden. Sie hält ihnen eine kleine Frucht unter die Nase. „Wisst ihr, was das ist?“, sagt sie. Kopfschütteln. Einer traut sich: „Eine Tomate?“ Knapp daneben. Es ist eine Physalis. „Die meisten Kinder kennen sich aber gut aus“, erzählt die Ernährungsberaterin aus ihrer Erfahrung. Sie ist in den Kreisen Bautzen und Görlitz schon hundertfach in Schulen gewesen. Aber: „Es gibt etliche Kinder, die erkennen eine Paprikaschote nicht.“

Dass Silvia Melde genau diesen Job bekommen hat, ist ein wenig glückliche Fügung: „Ich habe 1993 eine Zeitungsannonce gesehen. Da wurde eine Ernährungsberaterin für ein Vierteljahr gesucht“, sagt sie. Sie hat sich beworben, ist genommen worden, und ist geblieben, inzwischen seit einem Vierteljahrhundert. Spaß macht ihr der Job jeden Tag. Jede Gruppe sei anders, jedem Kind kann man einen anderen Kniff beibringen.

Die 55-Jährige hat eine Biografie, wie sie viele Ostdeutsche haben – mit Bruch nach der Wende. Die studierte Lebensmitteltechnologin hat von 1988 bis 1990 in der Hoyerswerdaer Molkerei gearbeitet. Dann war für sie dort Schluss. Später war sie in der Erwachsenenbildung tätig und anderen Buchhaltung beigebracht. Doch das war ihr auf die Dauer zu trocken. „Ich wollte wieder in die Richtung meines eigentlichen Berufes – etwas mit Lebensmitteln zu tun haben“, sagt sie. Dann kam die Chance, mit der Verbraucherzentrale beruflich zurück nach Hoyerswerda zu kommen. Sie hat zum Glück zugegriffen.

Silvia Melde ist viel unterwegs zwischen Lauta, Hoyerswerda, Bautzen, Görlitz und Neugersdorf – Ostsachsen ist groß. Mehr als 100 000 Kilometer sind bereits zusammengekommen. Ihr Ausgleich wartet jeden Tag schon sehnlichst darauf, dass sie nach Hause kommt: Bruno. Der Mischlingshund braucht viel Auslauf. Silvia Melde bekommt beim Spazierengehen den Kopf frei – eine Win-win-Situation. Aber die 55-Jährige hat seit kurzem noch einen Grund mehr, um wieder zu Hause in Lauta-Nord einzufliegen. „Ich bin vor kurzem Oma geworden“, erzählt sie. Ihre Enkelin ist gerade zwei Wochen alt. Noch braucht die keine Ernährungstipps. Aber wenn: dann ist Silvia Melde zur Stelle.