Oldtimer in Elsterwerda: Historische Motorräder knattern durch die Region ‒ wann und wo?

Dieser Kreis von Oldtimerfreunden aus Elsterwerda und Umgebung widmet sich den vor mehr als 90 Jahren montierten und damals sehr modernen sowie leistungsstarken Motorrädern der einstigen Weltmarke NSU. Von links: Hagen Stein aus Kröbeln, Rinaldo Bettker aus Sachsen, Dirk Marunke und Ronny Kiesewetter, beide aus Elsterwerda.
Manfred FellerVom Himmelfahrtstag (9. Mai) bis Sonntag werden historische Motorräder der einst legendären Weltmarke NSU über die Landstraßen in Elbe-Elster und im benachbarten Sachsen im wahrsten Sinne des Wortes knattern. In den 1920er- und 1930er-Jahren waren das schwere Maschinen mit Status-Charakter. Das 23. internationale Blockmodelltreffen findet erst zum zweiten Mal im Osten und erstmals in dieser Region statt.
Dafür hat ein kleiner Kreis von Oldtimerfreunden gesorgt. Mit Hingabe kümmern sich die Männer, nicht selten auch deren Frauen, um die Bewahrung des motorisierten Erbes. Jeder von ihnen hat mehr als ein altes, oft auch perfekt restauriertes Stück in seiner Garage zu stehen. Der eine oder andere, wie Dirk Marunke aus Elsterwerda, ist auch Lokalpatriot. Er sorgt mit anderen dafür, dass auch die eingestellte heimische Marke Elfa als einst namhafter Fahrrad- und Motorradproduzent aus Elsterwerda-Biehla nicht in Vergessenheit gerät.
NSU steht für Neckarsulm, dort, wo sich die beiden Flüsse Neckar und Sulm vereinen. Aus dem 1873 gegründeten Unternehmen für Strickmaschinen wurde ab 1886 ein bedeutender Fahrrad- und ab 1901 ein Motorradhersteller. Harley-Davidson in den USA wurde erst 1903 gegründet, hat aber alle Zeiten als selbstständige Marke überlebt. NSU ist dagegen mit der Autounion in der Marke Audi aufgegangen. Die damaligen NSU-Motorräder brauchten keinen Vergleich zu scheuen und können auch heute noch vom Klang her mit gleichaltrigen Harleys locker mithalten.
Schwere Viertakter aus Neckarsulm in Elbe-Elster
Wer diesen einmal gehört hat, der dürfte sofort infiziert sein und zum Freund der alten Neckarsulmer Motorradschmiede werden. Dem heimischen Freundeskreis haben es vor allem die zu ihrer Zeit großen 500er- und 600er-Maschinen angetan. Die Viertakter bringen ab 180 Kilogramm auf die Waage und verbrauchen mindestens vier Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Für sehr gut erhaltene Stücke, die 90 und mehr Jahre im Getriebe haben, legen Liebhaber heute untere fünfstellige Summen auf den Tisch. Nicht selten sollen es auch mehr als 20.000 Euro sein, verrät Rinaldo Bettker, der einzige Sachse in der Runde. Der Maschinenbauingenieur ist inzwischen Ruheständler.

Passend zum Baujahr ihrer Motorräder sind die Fahrer in Knickerbockern unterwegs.
Manfred FellerEr weiß, dass die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges viele der leistungsstarken NSU-Motorräder eingezogen hatte und damit auch in besetzten Ländern unterwegs war. Ob auf diese Weise oder durch regulären Export - Rinaldo Bettker hat seine NSU 601 TS, 14 PS, aus dem Baujahr 1931 über das Internet in Südfrankreich entdeckt und vor drei Jahren überführt. Die fahrbereite Maschine befinde sich in der Wiederherstellung.
Die etwas kleinere 501 TS habe seiner Kenntnis nach einst 995 Reichsmark gekostet. Zum Vergleich: Ein Industriearbeiter habe damals zwischen 1200 und 1400 Reichsmark im Jahr verdient. Wer eine große NSU besaß, der war schon was. Rinaldo Bettker interessiert sich auch für französische und belgische Motorräder.
Noch Tausende Motorräder in Deutschland zugelassen
In Deutschland sind nach dem Produktionsende 1965 heute noch mehr 14.000 NSU-Motorräder aus mehreren Jahrzehnten für den Straßenverkehr zugelassen. Je spezieller der Typ, desto weniger seien es noch. Der Elsterwerdaer Dirk Marunke weiß, dass zum Beispiel von der am meisten gebauten 500-er T und TS etwa 6500 Maschinen in den Jahren 1927 bis 1939 das Werk verlassen haben. Durch Export und Krieg werde es die meisten jedoch nicht mehr geben. Um so wichtiger sei deren Erhalt.

Ab etwa Mitte der 1920er-Jahre baute NSU Motor und Getriebe in einem Block.
Manfred FellerDie 500-er, wegen ihrer Unverwüstlichkeit auch Neckarsulmer Traktor genannt, sei oft im Seitenwagenbetrieb als Transportmittel für Handwerker eingesetzt worden. Noch bis in die 1970er-Jahre sei damit die Berliner Post unterwegs gewesen. „Das war ein Lastentier. Der Kerzenschlüssel war das einzige Bordwerkzeug. So zuverlässig ist sie bis heute“, so Dirk Marunke.
Er hat herausbekommen, dass seine 500-Kubik-Maschine am 16. Mai 1930 in Erfurt ausgeliefert wurde. 2012 habe er sie von einem Oldtimerfreund aus Lauchhammer erworben und dann restauriert. „Seitdem ist sie 23.000 Kilometer gefahren“, sagt der Ingenieurpädagoge.
In Biehla steht älteste Maschine des Freundeskreises
Bei dem Blockmodelltreffen ab Himmelfahrt werden ausschließlich ab etwa 1926/27 bis Kriegsende gebaute Motorräder gefahren. Diese besaßen fortan die zur damaligen Zeit bei anderen Marken bereits übliche Neuerung. Motor und Getriebe waren vereint in einem Gehäuse, einem Block, untergebracht. So, wie man es heute kennt. Vorteile: eine wegfallende Kette, weniger Ölleitungen und eine direkte Kraftübertragung auf das Getriebe.

Ronny Kiesewetter aus Biehla auf seiner 601er-NSU aus dem Baujahr 1934.
Manfred FellerHagen Stein, er gehört auch den Oldtimerfreunden Elsterwerda/Kröbeln an, besitzt eine 501 TS, Baujahr 1930. Sie stamme restauriert aus Jena und wurde 2008 erworben. Selbst längere Urlaubsreisen seien kein Problem. „990 Kilometer in vier Tagen“, so der technische Ingenieur.
Auch NSU-Besitzer Ronny Kiesewetter, Serviceberater in einem Autohaus, musste für seine 601 TS mit Seitenwagen aus dem Jahr 1934 weit fahren. Er hatte sie vor zwei Jahren im Münsterland „aufgestöbert“. Der 75-jährige Besitzer hatte sie nach 50 Jahren in gute Hände „abgegeben“. Die älteste Maschine des Freundeskreises besitzt Henry Bieligk, Projektmanager aus Biehla. Diese stammt aus dem Jahr 1929.
Wann die Oldtimer rollen
Mit einer Rekordteilnehmerzahl von 55 Motorrädern aus Deutschland und Österreich findet das NSU-Blockmodelltreffen in dieser Woche statt. Die Stationen für das interessierte Publikum: 9. Mai gegen Mittag im Dampflokmuseum in Falkenberg, Am oberen Güterbahnhof; 10. Mai Bergbautour mit Elsterschloss Elsterwerda (10.30 Uhr), F 60 Lichterfeld (Mittag) und Brikettfabrik Louise in Domsdorf (15 Uhr); 11. Mai Albrechtsburg Meißen (Mittag/alles Etwazeiten). Sonntag geht es zurück in die Heimatgaragen.
Die Fahrer sind oft in historischer Kleidung unterwegs, passend zum Jahrgang der Maschinen. Das heißt in Knickerbocker und in den Pausen mit Ballonmütze auf dem Kopf. Die Bekleidung ist entweder nachgenäht oder im Original. Hagen Stein besitzt noch eine Weste und Jacke aus den 1930er-Jahren von einem Hof in Kröbeln. Dabei handele es sich um dicht gewebten, irischen Baumwollstoff, der warm und wasserabweisend sei.


