Ob beim Elbehochwasser, beim Erdrutsch von Nachterstedt, während der aktuellen Katastrophe an Flüssen in Westdeutschland oder bei den Sterbenden im Hospiz – Marlies Arndt aus Elsterwerda hilft, wo sie kann. Dies geschieht seit vielen Jahren fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Dabei hat die 60-jährige EU-Rentnerin es selbst nicht leicht. Sie ist körperbehindert, in der Wohnung auf den Rollator und draußen auf den Rollstuhl angewiesen. „Es ist schwer, damit Arbeit zu finden“, sagt sie. Umso mehr engagiere sie sich ehrenamtlich. Zum Beispiel ist sie seit 1990 Wahlhelferin.
Fluthilfe. Aktuell ist ihr Wohnzimmer eine Durchgangsstation für Sachspenden in das Flutkatastrophengebiet von Nordrhein-Westfalen. In fast versandfertigen Kartons stapeln sich Zahncreme, Zahnbürsten, Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe, Duschgel, Waschlappen, Pflaster, Kaffee- und Teepakete sowie vieles andere mehr. In der einen Hand hält Marlies Arndt beispielhaft ein Stück dekorative Seife.
„Mein Sohn Michael stellt diese Seife selbst her“, berichtet sie stolz. Auch der 37-Jährige habe nicht gezögert und Muttis Spendenaktion für die Flutopfer unterstützt.

Elsterwerdaer helfen Unwetter-Opfern mit Spenden

Wer sind die anderen Gönner? „Es sind vor allem persönliche Kontakte“, so die Elsterwerdaerin. Wen sie auch angesprochen habe, kaum einer habe sich verschlossen. Alt-Bürgermeister Dieter Herrchen habe 50 Euro für das Paketporto spendiert. Wenn das nicht reicht, zahlt es das Ehepaar Arndt aus eigener Tasche.
Wer ebenfalls helfen möchte, könne dies mit Geld- und Sachspenden gern tun (Telefon 03533 2157). Für das Geld würden Hilfsgüter gekauft.
Im Internet hatte sich Marlies Arndt informiert, wo welche Sachspenden notwendig sind. Sie stieß auf Bad Münstereifel, wo es große Zerstörungen gegeben habe. Sie rief im Bauhof an. Dort werden Spenden entgegengenommen und verteilt. Dorthin werden auch die Güter aus Elsterwerda geschickt.
Jedem Paket liegt eine Karte mit den Kontaktdaten von Marlies Arndt bei. Die Betroffenen können sich bei ihr melden, wenn noch mehr benötigt wird. „Es ist furchtbar für die Menschen in dem Hochwassergebiet“, weiß sie von Bildern.
Hospiz. Nicht minder tragisch ist das, was sie persönlich im Hospiz Friedensberg in Lauchhammer erlebt. Dort begleitet sie Menschen etwa zwischen 40 und 60 Jahren, die ihre letzte Lebenszeit bestreiten. Oft sind es Monate, nicht selten auch nur wenige Wochen. „Manchmal komme ich wieder, und es brennt nur noch eine Kerze. Das tut weh“, sagt sie.

Pandemie war wie Arbeitsverbot für Ehrenamtler

Für jedes Gespräch nehme sie sich etwa zwei Stunden Zeit. „Die Leute warten darauf“, weiß sie. Wegen Corona könne sie nur noch einmal die Woche dorthin fahren. Vorher waren es zwei bis drei Besuche. „Die Pandemie kommt einem Arbeitsverbot für Ehrenamtler gleich. Für Sterbende ist diese Zeit schlecht. Die Menschen brauchen ein letztes Geleit, einen würdevollen Abschied. Hinzu kam, dass Angehörige nur einzeln hinein durften. Viele sind sehr einsam gestorben“, bedauert Marlies Arndt sehr.
Warum wird man Begleiterin von Sterbenden? „Ich habe viele Angehörige von der Familie bis hin zur besten Freundin verloren. Das waren heftige Einschnitte. Ich habe nach dem Sinn des Lebens gesucht“, verrät Marlies Arndt ihre Motivation.
Vor elf Jahren hatte sie sich im Hospiz vorgestellt. „Zuerst habe ich mich dort umgeschaut. Dann hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein“, sagt sie. Sie absolvierte binnen eines halben Jahres eine Ausbildung, die sie selbst bezahlt habe. Die Gespräche mit den Sterbenden über Schönes und Trauriges würden alle Mühen aufwiegen.
„Wenn Sie die glücklichen Augen sehen könnten. Das tut so gut“, versichert die 60-Jährige. „Inzwischen ist das Hospiz für mich ein Haus des Lebens geworden.“ Und dies sei kein Widerspruch.
Da das Hospiz auch von Spenden lebt, unterstützt es Marlies Arndt. Bis zu 3000 Euro kämen jährlich von den Kunden unter anderem in Blumenläden und Apotheken zusammen, die Münzen und Scheine in die Spendendosen stecken.

Aus Hilfsaktionen entstehen Freundschaften

Elbehochwasser. Eine wichtige Stütze sei ihr Mann. Wo sie auch hinfahren müsse, er bringe sie dorthin. 2002 und 2010 beim Elbehochwasser haben sie beide Spenden nach Torgau beziehungsweise Gohlis bei Zeithain gebracht.
In Gohlis sei daraus eine Freundschaft und Seniorenrunde der Kirchgemeinde entstanden. Bis Corona die Aktion gestoppt hatte, war Marlies Arndt in dem 30 Kilometer entfernten Ort einmal im Monat, um eine Kaffeerunde zu betreuen.
Nachterstedt. Die schrecklichen Bilder vom Erdrutsch 2009 in Nachterstedt (Sachsen-Anhalt) haben auch die Elsterwerdaerin schockiert. Sie startete eine Hilfsaktion für etwa 20 Familien, sammelte vor allem Sachspenden für den täglichen Bedarf.
„Ich bin damals in jedes Geschäft und zu vielen Bekannten. Alle haben geholfen“, erinnert sie sich. Ein Transporter, den die Stadt gestellt hatte, fuhr bald darauf in den Katastrophenort. Mit einem geliehenen Auto folgten zwei weitere Fahrten. Im Rathaus seien die zu verteilenden Spenden willkommen gewesen. „Wir haben betroffene Familien kennengelernt und deren Verzweiflung gesehen, weil sie alles verloren hatten“, so Marlies Arndt.

Alte Kontakte helfen bei neuen Katastrophen

Mit dem damaligen Bürgermeister verbinde sie bis heute eine Freundschaft. Dieser habe nur ein Jahr später keine Minute gezögert, als sie ihn um Hilfe für eine ihr verbundene Großenhainer Kita gebeten hatte, die von einem Tornado schwer beschädigt worden war. 1000 Euro seien überwiesen worden.
Nachbarschaftshilfe. „Wenn wir gefragt werden, dann helfen wir. Und wenn es zu viel wird, sagen wir es schon“, so Marlies Arndt. Bis zu deren Tod habe sie immer wieder nach dem Rechten bei einer Nachbarin geschaut und deren Einkäufe erledigt. Ihr Mann sei hin und wieder als Fahrer gefragt.
Märchenoma. Als Ausgleich zu Hospiz und Hilfsaktionen darf Marlies Arndt nach langer Coronazwangspause wieder in einer Kita Lesepatin sein. Beide Seiten hatten sich gesucht und gefunden.
Einmal im Monat liest sie in drei Gruppen vor. „Ich hatte meine Knirpse so lange nicht gesehen. Das tut weh“, sagt sie.

Auszeiten in aufreibender Zeit müssen sein

Sie und ihr Mann lesen viel. Mindestens 1000 Bücher stehen zu Hause in den Schränken und Regalen. Diese Auszeiten, dazu gehöre auch das Meditieren, müssen sein. Luxus bräuchten beide nicht.
„Ich bin froh, dass ich in diesem Jahr meinen 60. Geburtstag gefeiert habe. Meine Mutter war da schon tot“, sagt sie. Anderen rät sie, mehr Zeit für sich selbst zu nehmen und öfter einmal zur Ruhe zu kommen. Das Leben könne ganz schnell eine Wendung nehmen.
Mehr zur Hilfe im Unwettergebiet durch Brandenburger finden Sie auf unserer Themenseite.