Der Countdown läuft wieder einmal an der Cottbuser Universität: Denn nachdem im Februar/März der Start der Höhenforschungsrakete vom europäischen Weltraumbahnhof Kiruna abgesagt worden war, steht nun der 1. Oktober als neuer Starttermin. Drei Wissenschaftler der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg sind bereits seit einigen Tagen im nordschwedischen Kiruna und bereiten das Experiment auf den Weltraumstart vor. „Die Anspannung ist groß, denn man hat nur diesen einen Versuch, bei dem alles funktionieren muss“, sagt Prof. Christoph Egbers, der bereits für einige Weltraum-Missionen der BTU verantwortlich ist.
Auch diesmal ist die im Vergleich kleine technische Uni aus Cottbus wieder mit einem der insgesamt vier Experimente an Bord: Es soll Erkenntnisse darüber liefern, wie beispielsweise Wärmetauscher in Satelliten optimiert werden können. Die Hoffnung, dass der Start jetzt klappt, ist groß – ist der Termin seit 2021 doch bereits mehrfach verschoben worden: wegen Corona, wegen des Brandes der Startrampe und im Februar/März offiziell wegen des Wetters.
Allerdings war da gerade der Ukraine-Krieg ausgebrochen, und Kiruna ist gerade einmal rund 300 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, berichtet Egbers, der den erfolgreichen BTU-Lehrstuhl Aerodynamik und Strömungslehre leitet. Die Rakete blieb am Boden.
So zeigte sich dem Cottbuser BTU-Team um Prof. Christoph Egbers im Februar der Europäische Raketenstartplatz im nordschwedischen Kiruna.
So zeigte sich dem Cottbuser BTU-Team um Prof. Christoph Egbers im Februar der Europäische Raketenstartplatz im nordschwedischen Kiruna.
© Foto: BTU

Was die Cottbuser Forscher bereits in Schweden vorbereiten

Das Cottbuser Experiment wurde von Airbus wieder ausgebaut und nach Bremen gebracht, wo es von den Cottbusern gewartet wurde. Inzwischen war auch noch das Wissenschaftsprogramm Texus des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ausgelaufen, das den Flug ermöglicht. Doch die BTU stellte einen neuen Antrag und kann damit jetzt sogar eventuell einen zweiten Raketenflug sowie zwei neue Parabelflüge starten, so Egbers.
In jedem Fall sitzt Projektleiter Dr. Martin Meier von der BTU mit seinen zwei Kollegen Dr. Vasyl Motuz und Dr. Antoine Meyer in Nordschweden und bereitet den Flug vor: „Wir haben bereits erste Tests gemacht, ein weiterer wird folgen, bevor die Experimente in die Rakete eingebaut werden.“ 460 Kilogramm schwer und etwa fünf Meter lang sei der Bereich mit den vier Experimenten – die Rakete selbst misst 13 Meter und wiegt 2,5 Tonnen. Das Cottbuser Experiment ist 100 Kilogramm schwer und wird mitsamt der Rakete in bis zu 250 Kilometer Höhe fliegen.

Cottbus

Worum es im Cottbuser Experiment genau geht

Und darum geht es bei dem Cottbuser Experiment mit dem Namen „Tekus“: Kurz gesagt wird der Wärme- und Stofftransport in einer Flüssigkeit gemessen – und das unter Weltraumbedingungen, also unter Schwerelosigkeit. Denn die Rakete wird in ihrem 15-minütigen Flug auch sechs Minuten Schwerelosigkeit bieten. Die Strömungsbewegungen der Flüssigkeit werden im All nicht durch die Schwerkraft der Erde überlagert und können quasi ohne diese Effekte beobachtet werden.
Ziel ist laut Prof. Egbers herauszufinden, wie Strömungen verbessert werden können, um den Wärmetransport zu erhöhen, beispielsweise in Wärmetauschern in Satelliten. „Wir versuchen aber auch, Rückschlüsse für die Erde zu ziehen, also beispielsweise für Wärmetransportverbesserungen in Heizungen.“
Die anderen drei Experimente in der Rakete unter anderem aus Bremen und Dresden befassen sich mit Verbrennungsforschung, Pflanzenwachstum unter Weltraumbedingungen und hydrodynamischer Forschung. Im Gegensatz zum Februar bestünden diesmal für das etwa 40 Wissenschaftler umfassende Team keine strengen Coronavorkehrungen. „Wir haben trotzdem im Flugzeug Masken getragen und uns freiwillig getestet – denn wir wollen nichts im Ablauf stören“, berichtet Martin Meier.

Was den Raketenstart noch beeinflussen könnte

Auch der Wind könnte den Raketenstart beeinflussen. Denn die Rakete ist laut Meier genauso wie eine Silvesterrakete nicht steuerbar und deshalb vom Wind abhängig. Ein weiteres Problem sei, dass momentan nicht wie im Februar Schnee liege und die Gegend sumpfig und seenreich sei. Die Raketenspitze mit den Experimentmodulen wird mit einem Fallschirm wieder zum Boden gebracht. „Unser Experiment ist zum Glück wasserdicht“, so Meier. Da bis Ende September in der Region Rentiere bejagt werden dürfen, könne die Rakete auch nicht eher starten, da sich keine Menschen mehr im Startareal aufhalten dürfen.
Prof. Christoph Egbers wird diesmal nicht selbst in Kiruna sein können, da er Ende September einen Vortrag bei einer DLR-Konferenz in Bonn hält – auch über die Weltraumexperimente an der Cottbuser Uni.

Vorbereitung für drittes Experiment auf der Raumstation ISS

Die jetzigen Experimente in der Schwerelosigkeit sind laut Prof. Christoph Egbers ein wichtiger Schritt für die BTU, da die Cottbuser Uni bald wieder ein Langzeit-Experiment auf der Internationalen Raumstation ISS plant. Atmoflow soll bereits das dritte Weltraumexperiment auf der ISS werden: Geoflow I war 2008/2009 auf der Internationalen Raumstation, Geoflow II von 2011 bis 2018. Der Start von Atmoflow war bisher für Ende 2024 vorgesehen, wird sich jedoch auf Ende 2025/Anfang 2026 verschieben.
Während es bei Geoflow I um die Strömungen im Erdkern und bei Geoflow II um die Strömungen im Erdmantel ging, befasst sich Atmoflow mit den Strömungen in der Erdatmosphäre. Es könnte auch Rückschlüsse auf Erderwärmung und Klimawandel zulassen.
Nach bisher zwölf erfolgreichen Experimentkampagnen im freien Fall bei Parabelflug-Missionen ist dies nun die erste Mission für die BTU in einer Höhenforschungsrakete. Die BTU-Experimente werden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klima über die Raumfahrtagentur des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gefördert.