Die Anteilnahme in Cottbus ist groß. Der Ukraine-Krieg bewegt die Menschen in der Stadt und lässt in der Stunde der größten Not ihre beste Seite zum Vorschein kommen. Restaurants wollen Teile ihrer Einnahmen spenden und immer wieder gibt es Mahnwachen und Protestaktionen auf dem Cottbuser Altmarkt, unter anderem vom „Appell von Cottbus“, der auch für Mittwoch (2. März, 18 Uhr, Altmarkt) die nächste Solidaritätsveranstaltung angekündigt hat.
Eine besondere Aktion hat die Cottbuser Sportfamilie initiiert. Zehn Busse und 20 Helfer, die teilweise extra Urlaub genommen haben, sind Dienstagfrüh von Cottbus aus Richtung ukrainische Grenze aufgebrochen. Der Stadtsportbund hat die Hilfsaktion gemeinsam mit mehreren Cottbuser Vereinen organisiert. Vom RSC Cottbus, dem Fußball-Landesverband Brandenburg, dem ESV Lokomotive Raw Cottbus, LHC Cottbus, LC Cottbus und dem FC Energie Cottbus sind Transporter mit Verpflegung, Kleidung, Spielzeug und anderen Dingen unterwegs.

Youtube

Cottbuser können weiterhin Geld für Benzinkosten, Maut und Verpflegung spenden

Am Abend erreichte der Cottbuser Konvoi die polnisch-ukrainische Grenze, um den Menschen aktiv zu helfen. Der Cottbuser Sänger Alexander Knappe, der zu den Fahrern gehört, sagt: „Unsere Busse sind voll bis oben hin. Die Cottbuser haben richtig viel gespendet, das ist überragend und außergewöhnlich!“
Das Ziel war aber nicht nur, Spenden abzuladen, sondern auf dem Rückweg auch Menschen aus der Ukraine unbeschadet nach Deutschland zu bringen. Das hat die Cottbuser Hilfstruppe nun am Mittwoch erfolgreich geschafft. „Wir waren immer in Kontakt mit Informanten an der Grenze, die aus den Flüchtlingslagern für uns vermittelt haben. Viele Familien müssen wirklich erst überedet werden“, sagt Knappe. Die Ukrainer seien vorsichtig, es gebe auch Schlepperbanden, die nichts Gutes im Sinn hätten. „Da ist die Rede von Prostitution und Menschenhandel. Die haben Angst, das ist absolut verständlich.“
Die Cottbuser Spenden und Hilfsgüter wurden kurz vor der Grenze überladen und von dort direkt ins Kriegsgebiet nach Kiew gebracht. Die ersten zwei Cottbuser Busse drehten hier auch wieder um Richtung Deutschland – denn die ersten Familien konnten eingesammelt werden.

Viele Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine wollen gar nicht nach Deutschland

Auch Alex Knappe und Kai-Uwe Weilmünster, Präsident vom LHC Cottbus, der wie einige Cottbuser Handballer mitgefahren ist, konnten eine ukrainische Familie retten. „Das war ein absoluter Härtefall, eine Mutti mit vier Kindern, eines davon behindert. Ihr ältester Sohn und ihr Mann sind im Krieg – mir fehlen die Worte“, berichtet Knappe auf der Rücktour. Der Sänger hatte zusammen mit Freunden eine Wohnung in Krakau gemietet für drei Monate, wo die Familie erstmal bleiben kann. „Wir mussten im Hausflur erstmal eine Runde heulen, das war krass.“
Auf der Autobahn seien immer mehr Militärkommandos zu sehen. „Über unsere ukrainische Familie im Auto haben wir auch mitbekommen, dass in ihrer Stadt russische Panzer angekommen sind und geschossen wird“, sagt Knappe.
„Ein anderer Bus hat durch Zufall sogar Familienmitglieder einer Cottbuser Friseurin erwischt“, sagt Knappe. Offensichtlich wollen viele Flüchtlinge aber gar nicht nach Deutschland, sondern zu Verwandten nach Polen, Rumänien oder in die Slowakei. Genauso wie die Cottbuser Helfer, die 30 Stunden am Stück wach und zur Stunde über verschiedene Routen auf dem Rückweg sind, haben auch die Kriegsflüchtlinge kaum ruhige Minuten. Weilmünster sagt: „Die Leute sind psychisch am Ende. Eine Frau bei uns hat die ganze Zeit gebetet und die Nationalhymne gesungen.“ Knappe: „Mit den Kindern haben wir versucht, im Auto 'Ich sehe was, was du nicht sieht' zu spielen.“
Der Cottbuser Hilfskonvoi mit zehn Kleinbussen hat insgesamt 40 bis 50 Menschen eingesammelt und in Sicherheit gebracht. „Wir waren nicht die Ersten aus Cottbus, werden aber auch nicht die Letzten sein. Das kann Vorbildwirkung haben“, sagt Knappe. „Gegnerische Handball-Mannschaften aus Brandenburg haben uns angerufen und gefragt, wie sie das selbst machen können und ob wir was brauchen“, sagt LHC-Chef Weilmünster.
Im Laufe des Tages werden die Cottbuser Busse kleckerweise zurückkehren in die Lausitz. Knappe freut sich über die Aktion und das Happy End. Der Sänger sagt aber auch: „Jetzt haben wir es nicht mehr in den Händen, sondern der liebe Gott, Putin und die westliche Welt.“
Wer die Aktion auch im Nachhinein noch unterstützen möchte, kann dies vor allem finanziell tun. Der Cottbuser Stadtsportbund teilt mit: „Wer mit Geldspenden für Benzinkosten, Maut und Versorgung vor Ort unterstützen möchte, kann dies unter dem Konto: Sportfamilie Hilft / Sparkasse Spree-Neiße / DE84 1805 0000 3000 0608 97 liebend gerne machen.“
Fortlaufende Informationen zum Krieg finden Sie in unserem Liveticker.
Wie man Flüchtlingen und den Menschen in der Ukraine helfen kann, erfahren Sie hier.