Flugzeugabsturz in Cottbus 1975: Erinnerung an außergewöhnliche Tat des MiG-Piloten der NVA

Das Flugzeug raste am 14. Januar 1975 in einen Wohnblock. Dabei fand auch der Pilot den Tod, der davor einen Befehl zum Katapultieren verweigert hatte. Im Bild die Feuerwehr beim Löschen des Brandes.
BStU- Am 14. Januar 1975 stürzte ein NVA-Militärflugzeug in Cottbus ab, tötete 6 Menschen.
- Pilot Peter Makowicka weigerte sich, sich zu katapultieren, um größeren Schaden zu verhindern.
- Ursache: Eine nicht korrekt befestigte Wartungsklappe führte zum Triebwerksausfall.
- 2015 wurde eine Ehrung für Makowicka vorgeschlagen.
- Militärflugplatz wurde nach dem Unfall verlegt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der Absturz eines Jagdflugzeuges der Nationalen Volksarmee (NVA) am 14. Januar 1975 gilt als der schwerste Unfall mit einem Militärflugzeug in den Streitkräften der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Lange Zeit wurden viele Details über den Absturz von der DDR-Führung geheimgehalten. Simone Wendler, langjährige Redakteurin der LAUSITZER RUNDSCHAU, nutzte Stasiunterlagen, die lange Zeit unerschlossen in dunklen Archiven lagen und berichtete im Jahr 2014 erstmals ausführlich über die Ursache und alle Opfer des schweren Flugzeugunglücks im Jahr 1975.
Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir die damals von Simone Wendler akribisch recherchierten Details noch einmal:
Katastrophe an der Schmellwitzer Straße
Der 14. Januar 1975 war ein Dienstag. Die 20-jährige Rosemarie A. lebte damals in Cottbus in einem Wohnblock in der Schmellwitzer Straße. Ein fünfgeschossiger Plattenbau mit mehreren Eingängen. Der zweite Aufgang war ein Ledigenwohnheim des nahegelegenen Textilkombinates.
Rosemarie A., die aus Wittenberge kam, hatte kurz vor 10 Uhr noch Besuch von ihrem Freund, den sie im Frühjahr heiraten wollte. Der verließ das Haus nach kurzer Zeit. Rosemarie A. war eine halbe Stunde später tot. Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt lag sie im Korridor einer Wohnung in der dritten Etage.
Dort war zehn Minuten nach zehn ein NVA-Flugzeug vom Typ MiG-21 SPS hineingerast. Der Pilot befand sich mit seiner Maschine auf einem Übungsflug und trug keine Munition. Bis zur anvisierten Landebahn des Cottbuser Militärflugplatzes wären es nur noch etwa zwei Kilometer gewesen. Jeweils eine der schmalen Tragflächen durchschlug die Wohnungen rechts und links des Treppenhauses.
Die MiG hatte noch 800 Liter Kerosin an Bord
Eine Betonwand, die längs in Flugrichtung stand, stoppte nach Schilderung eines Feuerwehrmannes die Maschine, bevor sie auf der Rückseite des Hauses herauskam. Rund 800 Liter Kerosin aus den zerstörten Tankstoffbehältern entfachten ein Feuerinferno mit Temperaturen um 1000 Grad Celsius. Dem fielen auch Helga R. und Rosita N. zum Opfer. Die beiden jungen Frauen, 20 und 21 Jahre alt, kamen aus Drochow. Das Dorf gehört heute zur Gemeinde Schipkau (Oberspreewald-Lausitz). Sie bewohnten gemeinsam ein Zimmer im Ledigenheim, in dem sie an diesem Vormittag auch zusammen starben.
In der Nachbarwohnung fand die 19-jährige Christine M. aus Wittmannsdorf, heute ein Ortsteil von Luckau, den Tod. Das fünfte zivile Todesopfer war die 52-jährige Polin Maria S. Sie war ein halbes Jahr vorher dauerhaft in die DDR übergesiedelt und hatte in ihrem Heimatland keine Angehörigen mehr.
Bewohnerin mit Rauchvergiftung stirbt im Krankenhaus
Eine weitere Frau, vermutlich eine 26-jährige Polin, die mit einer schweren Rauchgasvergiftung auf die Intensivstation des Cottbuser Krankenhauses eingeliefert wurde, starb dort später. Fünf weitere Bewohner des Unglückshauses wurden schwer verletzt, meist weil sie in Panik aus den Fenstern sprangen. Sie erlitten schwere Knochenbrüche und innere Verletzungen. Einer Frau wurde ein Arm abgetrennt, als sie beim Sprung in die Tiefe auf das Metallgeländer einer Kellertreppe aufschlug.

Aus dem Stasi-Archiv: Schreckliche Bilder nach dem Absturz der MiG-21 im Januar 1975.
BStUDarum hat sich der MiG-Pilot nicht katapultiert
Der 33-jährige Pilot der Unglücksmaschine, Peter Makowicka, hätte überleben können. Trotz Aufforderung des Flugleiters, sich mit dem Schleudersitz herauszukatapultieren, versuchte der erfahrene Pilot im Range eines Majors das Flugzeug, das dramatisch an Höhe verlor, noch über die dichte Bebauung in Schmellwitz hinwegzuziehen. Wäre das Flugzeug davor abgestürzt, hätte es vermutlich Hunderte Tote gegeben. Die Maschine raste über die Produktionshallen des Textilkombinates (TKC), eine Schule, einen Kindergarten und hunderte Wohnhäuser. Zwei Tage nach seinem Tod wurde Makowicka der „Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland“ der DDR in Gold verliehen.
Alte Idee - Cottbuserin regt schon 2015 Ehrung für MiG-Piloten an
Die Cottbuserin Margrit Wappler wünschte sich schon im Jahr 2015, dass der Pilot des am 14. Januar 1975 über Schmellwitz abgestürzten Militärflugzeugs geehrt wird. Davon berichtete der damalige Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) während einer Sitzung des Stadtparlaments im Januar 2015 und sagte dafür seine Unterstützung zu. Damals hatte die Cottbuserin vorgeschlagen, dass eine Straße nach Peter Makowicka benannt wird.
Ursache des Absturzes – offene Wartungsklappe
Die Ursache des folgenschweren Unglückes war die Fahrlässigkeit eines Flugzeugtechnikers. Eine Wartungsklappe, die sich im Fahrwerksschacht befand, war von ihm nicht ordnungsgemäß mit allen Schrauben befestigt worden. Das eingeklappte Fahrgestell verhinderte während des Fluges, dass sich die Klappe lockerte. Als Makowicka beim Landeanflug das Fahrwerk ausfuhr, löste sich die Klappe, das Triebwerk zog Nebenluft und ging aus. Die Maschine sackte ab. Der Flugzeugtechniker, der die Wartungsklappe nicht ordnungsgemäß verschraubt hatte, wurde drei Monate nach dem Unglück vom Militärobergericht zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Der Unglücksort in der Schmellwitzer Straße in Cottbus wurde nach dem Absturz sofort weiträumig abgesperrt. Das Flugzeugwrack wurde noch am Nachmittag geborgen und die Hauswand ausgebessert. Militärstaatsanwaltschaft und Polizei nahmen die Ermittlungen auf. Der unmittelbare materielle Schaden betrug 750.000 DDR-Mark.
Nach dem Flugzeugabsturz – evakuiert im Nachthemd
Dass es nicht mehr Todesopfer und Schwerverletzte gab, war am Ende auch dem selbstlosen Handeln des Piloten zu verdanken, der seinen eigenen Tod dabei in Kauf nahm. Allein in dem Hauseingang, in dem die Maschine einschlug, lebten damals 61 Menschen. Der überwiegende Teil von ihnen war zum Zeitpunkt des Unglücks nicht zu Hause.
182 Bewohner des gesamten Neubaublockes, darunter 41 Kinder, wurden während der Lösch-, Bergungs- und Aufräumungsarbeiten evakuiert. Unter ihnen waren 82 polnische Gastarbeiterinnen. Einige trugen nur Nachtwäsche am Leibe, mit der sie aus dem Haus gerannt waren. Sie schliefen nach der Nachtschicht, als das Flugzeug einschlug.
Diese und andere Details, die Identität der Todesopfer und die Zahl der Verletzten blieben der Öffentlichkeit lange unbekannt. Diese Informationen finden sich in erhalten gebliebenen Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, die erst nach Jahrzehnten eingesehen werden konnten.
Nur einen Tag nach dem Absturz lieferten zahlreiche Stasi-Zuträger schriftliche Berichte dazu ab. Darin wurde klar, was viele Cottbuser forderten: Die Kampfflugzeuge mit ihrer Einflugschneise über dichte Wohnbebauung müssten weg. Im Textilkombinat drohten Arbeiter damals sogar mit Streik und Unterschriftensammlungen, wenn die Jagdflieger weiter über sie donnern.
Planung und Bau des Flugplatzes in Holzdorf
Die Angst vor einem weiteren Unglück mit Toten war offenbar auch bei den Verantwortlichen von Partei und Regierung groß. Denn als eine Konsequenz des Absturzes im Januar 1975 wurde bald danach mit der Planung und dem Bau des Militärflugplatzes Holzdorf (Elbe-Elster) an der Grenze zu Sachsen-Anhalt begonnen.
Im Jahr 1982 wurde das Jagdgeschwader schließlich von Cottbus nach Holzdorf verlegt und durch Kampfhubschrauber in Cottbus ersetzt. Eine MiG-21, die im Jahr 1985 in das Cottbuser Bildungszentrum stürzte, war in Jänschwalde/Drewitz stationiert. Sie stürzte nur in der Stadt ab, weil der Pilot auf dem Flugplatz notlanden wollte.



