Im Zuge des verkündeten Stellenabbaus bei Siemens Energy fürchtet die IG Metall am Görlitzer Standort um mehr als 120 Arbeitsplätze. Unter den Mitarbeitern herrsche große Verunsicherung, sagte Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, am Freitag auf Anfrage. „Der geplante Stellenabbau erscheint unüberlegt und auch in Teilen willkürlich“. Otto sprach zudem von einem „großen wirtschaftlichen Unfug“. Es gebe schon jetzt Fachkräftemangel. „Für die Themen Wasserstoff, Dekarbonisierung dürfen wir niemanden verlieren, den wir nicht zurückbekommen“, sagte er.
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Cottbus

Siemens als Leuchtturm im Strukturwandel?

Bereits 2018 hatten Gewerkschaft und Mitarbeiter sich gegen eine geplante Schließung gestemmt. „Wir haben das Werk nicht vor der Schließung bewahrt, um es dann wieder zu reduzieren - wir wollen es aktiv weiterentwickeln. Um das Vertrauen in einen gelingenden Strukturwandel im Rahmen der Energiewende zu stärken, kann das Siemens-Werk in Görlitz ein Leuchtturm sein“, so Otto. Positiv sei, dass die Gewerkschaft bereits im Vorfeld eine Zukunftsvereinbarung abschließen konnte, die betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen ausschließt.
Die ehemalige Energietochter des Technologiekonzerns Siemens, an der der Konzern noch einen Minderheitsanteil besitzt, hatte am Dienstag angekündigt, trotz schwarzer Zahlen weltweit 7800 Stellen zu streichen, 3000 davon in Deutschland. In der betroffenen Sparte ist das mehr als jeder neunte Job, insgesamt jeder zwölfte. In welchem Umfang die jeweiligen Standorte betroffen sind, wurde zunächst nicht bekannt. Nun starteten die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern, erklärte ein Unternehmenssprecher am Freitag. Man solle sich erst wieder zu einzelnen Standorten äußern, wenn es ein Ergebnis gebe, hieß es.

Wie geht es mit Siemens in Görlitz weiter?

Im Gespräch mit IG Metall und Siemens-Geschäftsleitung ist auch der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU). „Ich erwarte, dass konsequent an der Umsetzung der Ziele aus dem Zukunftspakt Görlitz weitergearbeitet wird. Darin bekennt sich Siemens zur Errichtung des Innovationscampus, der CO2-Neutralität des Siemens-Standortes bis 2025, der Errichtung eines Show-Rooms für neue Technologien sowie Entwicklungs- und Forschungsaktivitäten im Bereich dekarbonisierter Industrieprozesse“, sagte der Politiker.
Siemens kündigte unterdessen an, an der Umsetzung des Zukunftspaktes für den Standort Görlitz und der Schaffung eines Innovationscampus festzuhalten. Dies bleibe ein „wichtiges und zentrales Element des Transformationsprozesses und wird weitergeführt“, so ein Unternehmenssprecher.
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Görlitz

Als sich Görlitz gegen den Abbau bei Siemens stellte

Bereits 2018 hatte Siemens zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen. Damals sollte auch das Turbinenwerk in Görlitz geschlossen werden. Nach massiven Protesten der IG Metall mit breiter Unterstützung der Bevölkerung rückte der Konzern von den Plänen ab. Die Turbinenwerker erhielten die Zusage über den Aufbau eines globalen Zentrums für die Dampfturbinen-Erzeugung. Im September 2019 hatte das Unternehmen verkündet, mit Sachsen und der Fraunhofer-Gesellschaft auf dem Siemens-Werksgelände einen Innovationscampus zu entwickeln. Das Ziel bestehe darin, High-Tech-Firmen, Start-ups und Forschungsinstitute anzusiedeln.
Nach Unternehmensangaben produziert Siemens weltweit an 16 Standorten Dampfturbinen, die als Turbosätze oder mechanische Antriebe ausgeliefert werden. Das Görlitzer Werk ist einer der traditionsreichsten Dampfturbinenstandorte von Siemens. Seit 1906 werden Dampfturbinen an der Neiße hergestellt. Im Werk sind rund 1000 Mitarbeiter angestellt.