Herr Ursu, Sie sind gelernter Musiker mit rumänischem Migrationshintergrund und nun Oberbürgermeister einer Stadt, in der beinahe die AfD gewonnen hätte. Wie ist das so?

Octavian Ursu Das fühlt sich gut an. Ich fühle mich hier auch gut aufgehoben mit meinen Mitarbeitern. Görlitz kannte mich nicht nur als den Musiker. Ich war zehn Jahre im Stadtrat, das waren wertvolle Erfahrungen. Ich bin 2019 nicht aus dem Nichts gekommen.

Wie tickt diese Stadt eigentlich?

Ich lebe seit 30 Jahren in Görlitz. Ich habe erlebt, wie Sachen voran gegangen sind. Wir sind seit 20 Jahren Teil einer deutsch-polnischen Doppelstadt. Wir bringen mit Zgorzelec gemeinsam Stadtentwicklung voran. Da sind wir viel weiter als die Nationalebene. Wir leben das richtig. 4000 polnische Bürger wohnen in Görlitz. Es gibt immer mehr deutsch-polnische Familien. Das ist ein natürlicher Prozess. Ich denke, wir Görlitzer zeigen, wie Europa funktionieren kann.

Die OB-Wahl hat auch gezeigt, dass viele Görlitzer mit dieser Offenheit hadern. Wie wollen Sie die Stadt wieder einen?

Mir ist es wichtig, alle gleich zu behandeln. Wir haben eine 13-köpfige AfD-Fraktion im Stadtrat, die ist dort mit die stärkste. Die sehe ich wie jede andere Fraktion auch. Wir sprechen sachlich miteinander. Das geht auch nicht anders. In einem Stadtparlament geht es weniger parteipolitisch zu als im Landtag oder im Bundestag. Wir müssen Dinge erledigen für die Stadt.

Wie sieht das Görlitz der Zukunft aus? Mehr Görliwood oder eher das neue Silicon Valley?

Görlitz will eine Stadt mit Tradition und Geschichte sein. Aber wir können auch bei modernen Technologien vorn dabei sein, denn wir sind attraktiv für junge Leute. Unser Image als Görliwood trägt dazu bei. Dass wir hier seit Jahren schon Filmteams haben, dass unsere Altstadt in Hollywood-Filmen vorkommt, das ist eine Besonderheit in ganz Deutschland mit weltweiter Strahlkraft. Es gibt die Idee, eine Ausbildungsstätte für Backstage-Berufe aufzubauen. Wenn das gut läuft, kann ich mir vorstellen, dass wir eine Produktionshalle bauen.

Gleichzeitig soll der IT-Standort ausgebaut werden. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?

Das ist nicht utopisch. Wir konnten dafür einige Partner gewinnen. Siemens baut den Innovations-Campus bei uns. Die TU Dresden will hier an der Wasserstoff-Technologie forschen. Das sind für uns nicht technische Träumereien, das ist Strukturpolitik, von der wir uns etwas für die Wirtschaft versprechen.

Wie kriegen Sie die Fachleute dafür?

Die kommen schon. Seit ein paar Jahren haben wir mehr Zuzug. Wir sind stabil - inmitten eines schrumpfenden Landkreises. Da müssen wir ansetzen. Wir müssen mehr gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen, da sind wir auch dran. Wenn sich in Berlin und Dresden herumgesprochen hat, dass es in Görlitz Forschungsinstitute gibt...

...wie das Casus-Institut, das Bund und Land finanzieren.

Zum Beispiel. Dann können wir auch die Botschaft senden, dass man hier bei uns schick wohnen kann zu Preisen, die anderswo nicht möglich sind. Die Wege sind kurz, wir haben ein kulturelles Angebot. Gute Schulen und ausreichend Kitaplätze haben wir auch.

Görlitz

Fehlt noch die gute Anbindung.

Ja, die brauchen wir dringend. Eine gute und schnelle Zuganbindung nach Dresden würde enorm helfen. In die andere Richtung wäre eine schnelle Verbindung nach Berlin wichtig, für die man nicht umsteigen muss. Wer in Berlin eine Dreiviertelstunde durch die Stadt fährt, könnte dann auch nach Görlitz pendeln.

Wie stehen die Görlitzer zum Strukturwandel?

Die Leute haben zu Recht die Erwartung, dass die Arbeitsplätze, die durch Schließungen wegfallen, ersetzt werden, damit sie weiterhin Geld verdienen können. Da gilt es, Projekte so voranzutreiben, dass sie dann greifen, wenn es soweit ist. Bei aller Unsicherheit, die die Menschen damit verbinden, möchte ich betonen: Mit dem Strukturwandel sind für uns als Stadt Dinge möglich, die wir sonst nicht könnten.

Profitiert Görlitz nicht zu sehr von den Strukturmitteln? Einen eigenen Tagebau haben Sie ja nicht.

Nicht mehr. Aber es liegt doch auf der Hand: Wenn Görlitz boomt, profitiert der ganze Kreis. Görlitz ist der Motor dieser ganzen Entwicklung und damit sozusagen das urbane Zentrum des Strukturwandels. Wir sollten da gar nicht konkurrieren, das wäre kleinkariert. Wir müssen uns als Region sehen und uns gemeinsam entwickeln. Kirchturmpolitik bringt uns nichts.

Wie sehen Sie denn die Region in der Zukunft?

In der ganzen Region werden zurzeit Institute aufgebaut. Da ergibt sich praktisch eine ganze Forschungs-Achse entlang der Grenze mit Zittau, Görlitz und Cottbus. Jeder dieser Standorte kann etwas draus machen, sodass man am Ende sagen kann: Dort im Osten Deutschlands geht etwas ab! Ich sehe da Görlitz als Technologiestandort und Film-Hochburg mittendrin. Wenn wir da gemeinsam die Flagge Lausitz hochhalten und nach außen eine lebenswerte Region vertreten, in die jungen Leuten etwas bieten kann, dann sieht die Lausitz in zehn, 15 Jahren ganz anders aus.

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Info


Octavian Ursu wurde 1967 in Bukarest geboren. Dort studierte er Musik, bevor er 1990 nach Deutschland kam. Eine Anstellung als Solo-Trompeter bei der Neun Lausitzer Philharmonie brachte ihn nach Görlitz. 2014 zog er für die CDU in den Landtag ein. Bei der OB-Wahl im vergangenen Sommer konnte er mit einem parteiübergreifenden Bündnis im Rücken den AfD-Mann Sebastian Wippel besiegen - mit einer Mehrheit von 2600 Stimmen.