Haribo in Sachsen: Warum es Widerstand gegen die Werksschließung gibt

Folien für die Haribo-Goldbären-Tüten: Der Süßwarenhersteller Haribo will sein Werk in Wilkau-Haßlau in Sachsen zu Ende 2020 schließen. Dagegen regt sich nun Widerstand.
Caroline Seidel/dpaIn Wilkau-Haßlau in Sachsen wurden schon in der DDR Gummibärchen hergestellt. Der Bonner Haribo-Konzern kaufte die Fabrik im Jahr der deutschen Einheit 1990. Jetzt erfuhren die Mitarbeiter: Es ist aus mit Haribo im Osten.
Es war nur eine kurze Versammlung der Mitarbeiter. In wenigen Minuten, so sagen es Gewerkschafter, teilte die Geschäftsleitung den Mitarbeitern im Haribo-Werk in Wilkau-Haßlau mit: Die Fabrik werde Ende 2020 geschlossen.
Der Standort in Sachsen nahe der Stadt Zwickau hat für die Süßwaren-Produktion Tradition: Schon zu DDR-Zeiten wurden hier Gummibärchen, offiziell Gelatine-Elastik-Zuckerwaren genannt, hergestellt und auch in den Westen geliefert.
Stengel, Wesa, Haribo: 120 Jahre Süßwaren aus Wilkau-Haßlau
Der sächsische Standort geht auf den Bäcker Oswald Stengel zurück, der 1898 in Wilkau-Haßlau eine Fabrik für Süßwaren, Schokolade und Lebkuchen gründete. Auf dem Gelände der 1949 von Stengels Erben an das Land Sachsen verkauften Firma entstand der volkseigene Betrieb Süßwarenfabrik Westsachsen (Wesa).

Produktionbei Haribo Wesa in Wilkau-Haßlau (2001): Aus einer Schleuder fallen Haribo-Goldbären auf ein Band. Bis zu 33 Millionen Gelatine-Fruchtfiguren konnten auf drei Maschinen jeden Tag hergestellt werden.
Wolfgang Thieme/dpaHergestellt wurden hier zum Beispiel Bonbons und Liebesperlen. In den 1960er- und 70er-Jahren verließen auch Gummibärchen und Lakritze das Werk. 1990 ging der Betrieb dann an Haribo, Der Bonner Hersteller hat sich in Sachsen auf Fruchtgummi und Schaumzuckerwaren spezialisiert.
Nach mehr als 120 Jahren soll die Produktion der Süßwaren eingestellt werden. Betroffen sind rund 150 Beschäftigte. Haribo reduziert damit seine Standorte in Deutschland auf vier. Wilkau-Haßlau ist die kleinste der bisher fünf Produktionsstätten.
Die anderen vier Werke liegen im Westen: in Grafschaft in Rheinland-Pfalz sowie in Nordrhein-Westfalen am Hauptstandort in Bonn und in Solingen und Neuss. Im Februar 2018 war bereits das Werk in Mainbernheim bei Würzburg geschlossen worden (siehe Bericht der Main-Post).
Haribo in Sachsen: Sozialplan für Beschäftigte
Für die Mitarbeiter in Sachsen sollten im Rahmen eines Sozialplans sozialverträgliche Lösungen gefunden werden. Nach Möglichkeit werde ihnen ein Wechsel in eines der anderen deutschen Werke angeboten, sagte eine Unternehmenssprecherin am Freitag, 6. November.
Bei den Beschäftigten sorgt das für Empörung. „Sozialverträgliche Lösungen sollen angeboten werden – 500 km von Familie, Heimat und Freunden entfernt! Wer das nicht möchte, kann sich ja beim Arbeitsamt melden!“, schreibt der Initiator einer Online-Petition gegen die Werksschließung.
Die Petition hat bis zum 10. November mehr als 5600 Unterstützer gefunden. Ein Familienunternehmen wie Haribo habe auch eine soziale Verantwortung, und der werde sie mit der Schließung nicht gerecht, kommentiert eine Unterstützerin des Aufrufs zum Widerstand. Dieser läuft über die Internet-Plattform openPetition und heißt „Rettet Haribo in Wilkau-Haßlau“.
Haribo begründet das aus für das einzige Werk im Osten Deutschlands so: Ausschlaggebend für die Schließung sei eine kürzlich abgeschlossene Wirtschaftlichkeitsprüfung der Produktionsstandorte.
Warum Haribo nicht mehr in Sachsen produzieren will
Die Prüfung habe zu dem Ergebnis geführt, dass der Standort Wilkau-Haßlau nicht mehr die Anforderungen an eine wirtschaftliche und effiziente Produktionsstruktur erfülle. Für das Werk wären unverhältnismäßig hohe Investitionen nötig, um die Produktionsabläufe auf die künftigen Anforderungen auszurichten.
„Wir streben an, unsere marktführende Position im Fruchtgummi- und Lakritzmarkt weltweit auszubauen. Dafür benötigen wir mit Blick auf die sich rasch ändernden Marktanforderungen ein hochmodernes Produktionsnetzwerk und effiziente Lieferketten“, sagte Michael Molsberger, Geschäftsführer Produktion und Technik von Haribo Deutschland. Der Süßwarenhersteller werde künftig die Produktion an den vier Standorten Bonn, Grafschaft, Neuss und Solingen bündeln.
„Die Schließung innerhalb weniger Wochen ist ein Schock für die gesamte Region“, sagte die Zwickauer DGB-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Linke). Der Verlust der Arbeitsplätze wiege in der Corona-Krise besonders schwer.
Gewerkschafter wollen für Haribo in Sachsen kämpfen
Zimmermann forderte die Haribo-Geschäftsführung auf, Alternativen zu einer Schließung zu prüfen und den Betrieb fortzuführen. Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) will die Schließung des Werks nicht hinnehmen. „Haribo gehört in den Osten“, sagte Thomas Lißner, NGG-Gewerkschaftssekretär für den Betrieb, laut Mitteilung am Dienstag, 10. November.
NGG-Vertreter Lißner kündigt an: „Eiskalte Wirtschaftsentscheidungen, bei denen Menschen und Familien der Gewinnmaximierung geopfert werden, werden wir nicht kampflos hinnehmen.“ Außer von Gewerkschaften erhalten die Mitarbeiter die Unterstützung des CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Körber.

