Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) hat angesichts großer Erwartungen auf baldige Lockerungen der Corona-Regeln Zurückhaltung angemahnt. „Es ist ein dünnes Eis, auf dem uns bewegen. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht einbrechen“, sagte er am Montag bei einem Online-Forum mit Experten und Bürgern. Man habe in Sachsen erlebt was passiere, wenn das Virus sich zu stark in der Bevölkerung ausbreite. Im Dezember habe die Sieben-Tage-Inzidenz in Sachsen bei 460 gelegen. Hinter dieser Zahl stehe unendliches Leid. Das wolle man so auf keinen Fall noch einmal erleben.

Chefarzt Lübbert hält langfristige Strategie für unerlässlich

An dem Forum nahmen der Berliner Physiker Dirk Brockmann, der Dresdner Wirtschaftswissenschaftler Marcel Thum sowie der Leipziger Chefarzt Christoph Lübbert und die Virologin Corinna Pietsch (Uniklinikum Leipzig) teil. Lübbert hielt eine langfristige Strategie im Umgang mit der Pandemie für unerlässlich. Dafür brauche man zwingend die Impfungen. Er glaube nicht, dass eine pandemiemüde Bevölkerung noch drei Monaten durchhält, um einen Inzidenzwert von 10 zu erreichen: „Die Menschen brauchen eine Perspektive. Frei nach Egon Olsen: Wir brauchen einen Plan“, sagte er mit Blick auf die populären Filme der dänischen „Olsenbande“.
Lübbert - Chefarzt für Infektiologie - dämpfte die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie. Man werde noch lange mit dem Virus klarkommen müssen. Zu über 50 Prozent werde es von Menschen übertragen, die keine Symptome haben: „Es gibt noch kein gutes, wirksames Medikament gegen Corona. Die Prävention ist wichtiger denn je, man kann diese Erkrankung nicht wirklich therapieren.“ Lübbert berichtet von berührenden Schicksalen aus seiner Klinik. Häufig habe man Ehepaare behandelt, von denen meist der Mann nicht überlebte. Kurz vor Weihnachten habe es auch einen Fall gegeben, wo binnen eineinhalb Stunden beide Ehepartner starben.

Mutationen engen den Spielraum im Umgang mit dem Virus ein

Virologin Corinna Pietsch verglich den Kampf gegen das Virus mit einem beliebten Brettspiel. Wie beim Schach müsse das Virus immer unter Druck gesetzt werden, manchmal sei auch Blitzschau nötig. „Wir alle wünschen uns Planbarkeit, die bekommen wir aber nur, wenn die Inzidenzen sinken.“ Es gebe nur wenig Spielraum, die Mutationen würden diesen Spielraum weiter einengen. Wenn man an einer Stelle lockere, müsse man dem Virus an anderer Stelle Raum zur Entfaltung nehmen. Pietsch sprach sich dafür aus, die Maskenpflicht an Schulen konsequent anzuwenden, auch bei Grundschülern. Besser eine Maskenpflicht an Grundschulen als gar keine Grundschule.

Kretschmer fordert weitere Hilfsgelder für die Gastronomie und den Handel

Kretschmer ging davon aus, dass es in den nächsten vier Wochen keine Normalität im Handel und zu Ostern noch keine komplett geöffnete Gastronomie geben wird. Deshalb müssten dort Hilfsgelder fließen. Kontaktbeschränkungen würden die entscheidende Maßnahme bleiben. Lübbert sprach sich in seinem Referat abschließend für Transparenz aus: „Die Leute wollen klare, möglichst belastbare Aussagen haben.“ Wenn man die nicht treffe könne, müsse man auch das klar sagen: „Die Menschen wollen keine Kakophonie der Experten haben.“
Die RUNDSCHAU informiert Sie online via Ticker über die aktuelle Corona-Lage im Brandenburg, Sachsen und der Lausitz.
Bleiben Sie informiert mit dem kostenlosen Newsletter der LR-Chefredaktion.
Hintergründe zum Coronavirus in der Lausitz finden Sie in diesem Dossier.