Von Michael Gabel

Die Parteispitze sträubt sich – aber laut einer aktuellen Umfrage wünscht sich fast jeder zweite Deutsche, dass die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl mit einem eigenen Kanzlerkandidaten antreten. Bei den Sympathisanten der Ökopartei sind es laut der Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov sogar 86 Prozent. Auch Grünen-Gründungsmitglied Hans-Christian Ströbele fordert, dass seine Partei vor der Wahl Klarheit schafft. „Es wäre fahrlässig, das nicht zu tun“, sagte er. „Sonst steht man nachher da, hat gewonnen, und die Wähler wissen gar nicht: Wer wird jetzt Kanzler oder Kanzlerin.“

Für die Grünen kommt diese Debatte zur Unzeit. Die Parteispitze hatte immer wieder betont, man wolle sich eine solche Diskussion nicht aufdrücken lassen. An dieser Linie hält sie auch jetzt noch fest, obwohl die Partei bei der ARD-Sonntagsfrage mit 26 Prozent erstmals vor der Union (25 Prozent) gelandet ist. Auch im direkten Vergleich bekommt der grüne Co-Vorsitzende Robert Habeck die besten Werte. 25 Prozent möchten ihn gern als Merkel-Nachfolger. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer kommt auf gerade mal 13 Prozent, bei Olaf Scholz (SPD) sind es sogar nur neun Prozent. Die neuen Höchstwerte seiner Partei hält Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann für „mehr als nur einen vorübergehenden Umfrage-Hype“. Seine Begründung: Bei Fragen von Klima- und Artenschutz, die viele Menschen beschäftigten, seien die Grünen „die erste Adresse“. 

Im Bund käme ein grün-rot-rotes Bündnis derzeit mit zusammen 45 Prozent auf keine Mehrheit. Der frühere grüne Umweltminister Jürgen Trittin plädiert dennoch für ein linkes Bündnis. Bei der Frage, ob es eine „soziale Verantwortung für die Gemeinschaft gibt“, seien sich  Grüne, SPD und Linke viel näher als andere, sagte er dem „Spiegel“.