Spätestens seit dem Interview von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der ARD-Fernseh-Talksendung von Anne Will ist die Debatte um einen schärferen Lockdown in Deutschland da. Doch was heißt Lockdown überhaupt auf Deutsch? Und was ist mit Lockdown gemeint, wenn Politikerinnen und Politiker diesen Begriff verwenden?
Der Duden hat das Wort als Anglizismus ins Wörterbuch aufgenommen. Dort wird Lockdown mit Ausgangssperre oder auch Abriegelung übersetzt. Das Cambridge Dictionary beschreibt lockdown als Situation, in der Gebäude oder Gegenden nicht betreten oder verlassen werden dürfen.
Beides ist bisher gemeint, wenn Behörden oder Politikvertreter den Begriff seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland im März 2020 benutzen: zum Beispiel, um zu beschreiben, wenn die Menschen zu Hause bleiben sollen, im Homeoffice arbeiten oder aufs Ausgehen verzichten sollen.

Lockdown bedeutet auch Ausgangssperre

Als echte Ausgangssperre gab es beispielsweise im sogenannten Teil-Lockdown ab November 2020 schon nächtliche Ausgangsverbote zwischen 22 Uhr abends und sechs Uhr morgens, je nach Landesverordnung.
Die bisherigen Corona-Beschränkungen sahen und sehen außerdem vor, dass der Einzelhandel die Läden „abriegeln“ musste. Ausnahmsweise waren und sind Abholservices (click and collect) oder Einkaufen mit Termin (click and meet) zugelassen.
Auch diejenigen Geschäfte, die für die Grundversorgung zuständig sind – Lebensmittelgeschäfte, Getränkemärkte, Drogerien, Apotheken, Tankstellen oder Banken – waren und sind ausgenommen von diesem Lockdown.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Ausgangssperre wirkt

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Ausgangsbeschränkungen oder eben zeitweise Ausgangssperren im Will-Interview als wirksames Mittel und vorstellbar bezeichnet – in Regionen in Deutschland mit besonders hohen Infektionszahlen.
Selbst auf Mallorca gelten solche Einschränkungen für Urlauber und Einheimische. Obwohl die spanische Mittelmeerinsel zu Ostern 2021 nicht mehr als europäisches Risikogebiet eingestuft ist, schließen dort Gaststätten um 17 Uhr, ab 22 Uhr bis 6 Uhr morgens gilt über Ostern auf Mallorca eine nächtliche Ausgangssperre.
In Deutschland ist die Anwendung einer Ausgangssperre umstritten. Neben Angela Merkel hat sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für einen nächtlichen Lockdown ausgesprochen. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht sich für solche Beschränkungen aus – da die Bewegungsdaten der Handys zeigten, dass sich viele Menschen abends immer noch privat träfen.

Warum Sachsen-Anhalt Ausgangssperren ablehnt

Dagegen sagt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), dass etwa in wenig besiedelten Gegenden striktere Ausgangsbeschränkungen keinen Sinn ergäben: „Bei mir bringt eine Ausgangssperre eben nichts. Was soll ich denn in der Altmark für eine Ausgangssperre verhängen?“
Auch die von Merkel angesichts der dritten Corona-Welle eingeforderte Notbremse in allen Bundesländern wird als – schärferer – Lockdown bezeichnet. Dabei geht es um die Rücknahme von Modellprojekten, bei denen Corona-Schnelltests mehr Freiheit zum Beispiel beim Einkaufen ermöglichen sollen, die Rücknahme der (teilweisen) Wiederöffnungen im Einzelhandel sowie die erneute Schließung von Museen, Zoos oder Sportanlagen.
Dies setzen die Länder zum Teil unterschiedlich um oder wollen Corona-Lockerungen nicht zurücknehmen. Wobei eine Schließung eher dem englischen Begriff Shutdown entspricht. Dies ist eine vorübergehende Betriebseinstellung, wie es im Cambridge Dictionary heißt.

April 2020: Angela Merkel spricht vom Shutdown

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am 20. April 2020 öffentlich vom Shutdown: „Ich glaube, uns eint alle (...), dass es keinen erneuten allgemeinen Shutdown geben wird.“ Die Situation damals: Ab Mitte März 2020 war das öffentliche Leben in Deutschland wegen der Corona-Pandemie weitgehend lahmgelegt.
Bund und Länder hatten beschlossen, die Grenzen abzuriegeln, Schulen und Kitas zu schließen sowie Kultur- und Sporteinrichtungen für die Öffentlichkeit zu sperren. Die meisten Gaststätten, Läden und Dienstleister durften keine Kundschaft empfangen, Zusammenkünfte etwa in Kirchen oder Sportvereinen waren verboten. Ansammlungen von mehr als zwei Personen unterschiedlicher Haushalte waren über Wochen nicht zulässig.
In dieser ersten Phase der Corona-Beschränkungen wurden beide Begriffe, Lockdown und Shutdown, verwendet – und meinten zum Teil Dasselbe. Sprachwissenschaftler sehen darin eine Begriffserweiterung: Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache etwa definiert Lockdown in diesem Zusammenhang als „Zeitraum, in dem fast alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf politische Anordnung hin stillgelegt sind (zum Beispiel zum Infektionsschutz)“.

Sprachforscher: Begriff Lockdown wird häufiger verwendet

Bereits im April 2020 stellten die Mannheimer Sprachforscher fest, dass Shutdown und Lockdown im erweiterten Gebrauch seien – und dass die Verwendung des Begriffs Lockdown deutlich zugenommen habe.
Die Initiative Anglizismus des Jahres um den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch wählte Lockdown 2020 zum „Anglizismus des Jahres“. Überzeugt habe die Jury am Wort Lockdown neben der zentralen Rolle, die es in der Diskussion um die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie spiele, seine schnelle Integration in den Wortschatz des Deutschen, teilte das Gremium dazu mit.
Auch das britische Collins-Wörterbuch erklärte den Begriff Lockdown zum Wort des Jahres 2020. „Wir haben ‚Lockdown’ zum Wort des Jahres gekürt, weil es die geteilte Erfahrung von Milliarden Menschen zusammenfasst, die ihren Alltag einschränken müssen, um das Coronavirus einzudämmen“, sagte die Sprachexpertin des Collins-Wörterbuchs, Helen Newstead.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, die ebenfalls ein Wort des Jahres kürt, nannte Lockdown im Jahr 2020 an zweiter Stelle – nach Corona-Pandemie und vor dem Begriff Verschwörungserzählung. Für diesen Begriff wird im Englischen übrigens das zusammengesetzte Wort conspiracy theory verwendet.
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