Tschernobyl in der Ukraine heute
: Welche Bedeutung hat der Ort im Krieg gegen Russland?

Russische Truppen eroberten den zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl. Warum will Putin Tschernobyl? Welche Gründe gibt es für den Angriff?
Von
Diana Prutzer mit Agenturen
Tschernobyl
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Das rostige Emblem der Sowjetunion ist auf dem Dach eines Wohnhauses in der Geisterstadt Prypjat in der Nähe des Kernkraftwerks Tschernobyl zu sehen. Russland hat nach ukrainischen Angaben das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl erobert. Was sind die Gründe dafür? Und welche Gefahr geht durch Strahlung aus?

Efrem Lukatsky/dpa

Zahlreiche Städte und Militäranlagen in der Ukraine wurden mit russischen Raketen beschossen, Bodentruppen rückten von Belarus im Norden sowie vom Süden und Osten in das Land ein. Russische Truppen eroberten nach ukrainischen Angaben nach heftigen Kämpfen unter anderem einen Militärflugplatz nahe Kiew und den zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl. Doch was Putin mit den Kämpfen an der atomaren Ruine genau bezwecken will, gibt Rätsel auf.

  • Was ist über die aktuelle Situation in Tschernobyl bekannt?
  • Gibt es Hinweise auf eine erhöhte Strahlung und Gefahr?
  • In welchem Zustand befindet sich die Ruine nach dem Angriff der russischen Armee jetzt?

Tschernobyl heute: Angriff von Russland auf Sperrzone in Ukraine

Das russische Militär hat den zerstörten Atomreaktor im Norden der Ukraine nach erbitterten Kämpfen mit ukrainischen Streitkräften eingenommen, wie der der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak am Donnerstagabend mitteilte. Nachdem die Truppen die Gegend um das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl erobert haben, sollen sie Medienberichten zufolge das Personal dort in ihre Gewalt gebracht haben.

„Nach schwerem Kampf wurde die Kontrolle über Tschernobyl verloren“, sagte ein ukrainischer Präsidentenberater. Es sei unklar, in welchem Zustand die Anlage sei. „Dies stellt heute eine der ernsthaftesten Bedrohungen für Europa dar.“ Er warnt vor Provokationen der russischen Seite. Zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtet, es gebe Gefechte in der Region. Von russischer Seite gab es erst am Freitagmorgen eine Bestätigung.

Nach der Eroberung des früheren Atomkraftwerks Tschernobyl sichern russische Fallschirmjäger das Gelände. Auch Spezialisten eines ukrainischen Wachbataillons seien nach Absprache weiter im Einsatz, sagte ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums am Freitag.

Alle Infos zur aktuellen Lage im Krieg in der Ukraine gibt es im Liveticker. 

Warum greift Putin Tschernobyl an im Russland-Ukraine-Krieg?

Die Frage nach dem „Warum„ wirft derzeit viele Rätsel auf. Aus welchem Grund Russlands Präsident Wladimir PutinTschernobyl will, ist nicht eindeutig klar. Es gibt aber Motive dafür, dass die russische Armee die Atom-Ruine als militärisches Ziel gewählt hat. Eine Begründung ist, dass Tschernobyl nur wenige Kilometer entfernt liegt zur Grenze zu Belarus. Den Staat hat ein Teil der Armee als Basis für die Invasion genutzt. Geografisch gesehen liegt die atomar verseuchte Sperrzone außerdem auf dem Weg in Richtung Kiew und ist daher von Bedeutung. Die ukrainische Hauptstadt liegt nur knapp 70 Kilometer entfernt.

Wie der „Focus“ berichtet, halten es Beobachter auch nicht für ausgeschlossen, dass der russische Präsident Wladimir Putin das stillgelegte Atomkraftwerk als Drohkulisse nutzen will. Am Donnerstag sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach dem Angriff auf Tschernobyl von einer Kriegserklärung an ganz Europa.

Zum Einmarsch Russlands in die Ukraine schreibt am Freitag die bulgarische Zeitung „24 Tschassa„: „Während Putin die Welt mit dem Atomknopf abschreckt, wäre ein Kriegsspiel mit dem Atomkraftwerk Tschernobyl wohl eine reale Tragödie. Sollten russische Truppen wirklich versuchen, die Sperrzone um das 1986 explodierte Kernkraftwerk in ihre Kontrolle zu bringen, kann dies nur eins bedeuten: Moskau wird nicht nur Europa, sondern auch die Welt mit einer Atomwolke erfolgreich erpressen können. Wir alle erinnern uns an die Schäden, die der explodierte Meiler in Europa anrichtete.“

Ukrainische Soldaten nehmen an einer taktischen Übungen für Einheiten des ukrainischen Innenministeriums teil. Angesichts der Sorgen vor einem möglichen russischen Einmarsch in die Ukraine trainierte das Militär auch in der radioaktiv verseuchten Zone rund um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl den Häuserkampf. Russische und ukrainische Truppen liefern sich nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag (24.02.2022) auch Gefechte in der Nähe des ehemaligen Atomkraftwerks Tschernobyl.

dpa

Wie gefährlich ist der Angriff von Russland auf Tschernobyl wegen der Strahlung?

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat sich besorgt über die Kampfhandlungen an der zerstörten Atomanlage von Tschernobyl gezeigt. Wegen der potenziellen Unfallgefahr verfolge sie die Situation in der Ukraine „mit großer Sorge„, erklärte die UN-Organisation am Donnerstag. Sie forderte von allen Beteiligten „ein Höchstmaß an Zurückhaltung“. Eine ungesicherte Atomanlage berge große Gefahr. Sowohl die Ukraine als auch die USA verurteilen das Vorgehen, denn es sei unklar sei, wie der Zustand der Kraftwerks-Ruine genau sei.

Der Zustand der alten Reaktoranlage, der Schutzhülle über dem hochgradig radioaktiven Unglücksreaktor und des Lagers für Kernbrennstoffe sei nicht bekannt, sagte Podoljak. „Es ist unmöglich zu sagen, ob das Kraftwerk sicher ist.“ Es handele sich um „eine der ernstesten Bedrohungen für Europa“.

Medienberichten zufolge soll ein ukrainischer Beamter von einem Treffer auf ein Lager für radioaktive Abfälle nach russischem Beschuss gesprochen haben, wodurch ein Anstieg der Strahlungswerte gemeldet worden sei. Dafür gibt es aber bisher keine offizielle Bestätigung. Es gebe keine Auffälligkeiten, die radioaktiven Werte seien normal, sagte ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums am Freitag. Hingegen teilte die zuständige ukrainische Behörde mit, sie messe deutlich erhöhte Strahlenwerte. Wegen der Lage und der Kämpfe sei es aber unmöglich, eine Begründung für diesen Anstieg zu erkennen.

Droht durch den Angriff in Tschernobyl eine Strahlen-Gefahr für Europa?

Experten rechnen derzeit nicht mit einer Gefährdung weiter entfernter Gebiete. Eine Aufwirbelung radioaktiver Stoffe sei zwar denkbar, eine ernsthafte Kontamination mit Radionukliden außerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone aber unwahrscheinlich. Alle allgemeinen Infos zur Strahlung und der Gefahr in Tschernobyl gibt folgender Artikel:

Reaktion der USA auf den russischen Angriff in Tschernobyl

Die Vereinigten Staaten haben sich besorgt zur Eroberung des ehemaligen ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl durch das russische Militär geäußert. Die Einnahme der Sperrzone des früheren Meilers und der Mitarbeiter dort sei eine „Geiselnahme„, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, am Donnerstag in Washington. „Diese unrechtmäßige und gefährliche Geiselnahme, die routinemäßige Arbeiten zum Erhalt und zur Sicherheit der Atommüll-Einrichtungen aussetzen könnte, ist unglaublich alarmierend und sehr besorgniserregend“, sagte Psaki.

Wann ereignete sich das Unglück von Tschernobyl in der Ukraine?

Das Unglück von Tschernobyl am 26. April 1986 gilt als die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Atomkraft. Hunderttausende Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Damals gehörte die Ukraine noch zur Sowjetunion. Im vergangenen Sommer war ein neues Atommüllzwischenlager in der radioaktiv verseuchten Sperrzone um Tschernobyl eingeweiht worden. Mit dem Lager wollte Kiew seine Abhängigkeit von Russland im Atommüllbereich beenden. Im Zuge des 2017 begonnenen Baus wurden etwa 43 Kilometer Eisenbahnstrecke im radioaktiv belasteten 30-Kilometer-Sperrgebiet instand gesetzt.