„Familientragödie“ in Stade: Sechs Tote nach Schüssen in Mutter-Kind-Wohnheim in Niedersachsen

Einsatzkräfte und Spurensicherung am Tatort in Stade. Dort wurden sechs Menschen getötet.
Fabian Höfig/NEWS5/dpa- In Stade wurden in einer Jugendhilfeeinrichtung sechs Erwachsene erschossen – ein Verletzter ist stabil.
- Die Polizei spricht von einer „erweiterten Familientragödie“, ein politischer Hintergrund wird verneint.
- Ein mutmaßlicher Schütze wurde festgenommen, zwei Personen werden vernommen und überprüft.
- Angaben zur Identität fehlen; Bezüge zur Jugendhilfeeinrichtung und eine Beziehungstat stehen im Raum.
- Für die Bevölkerung bestehe keine weitere Gefahr, Falschnachrichten in Chats wurden ausdrücklich verneint.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Bei Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung im niedersächsischen Stade steigt die Zahl der Todesopfer von fünf auf sechs Erwachsene. Bekannt ist, dass vier Frauen und ein Mann vor Ort ums Leben kamen, eine sechste Person erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Die Polizei berichtet zudem von einem Verletzten, dessen Zustand „stabil“ sei.
Als am Montagnachmittag (29. Juni) zunächst fünf Todesfälle bekannt wurden, hieß es, mehrere Menschen wurden zudem verletzt – teils schwer. Es sei nicht auszuschließen, dass die Zahl der Todesopfer noch steige, teilte die Polizei mit. Nähere Angaben zur Identität machten die Ermittler offiziell bisher nicht.
Polizei spricht von „Familientragödie“
Die Polizei spricht von einer „erweiterten Familientragödie“. Es gehe „nicht in Richtung Femizid oder auch politischer Hintergrund“. Das Motiv für die Gewalttat liege vielmehr „im Umfeld der Jugendhilfeeinrichtung begründet“. Dort sind Mutter-Kind-Wohngruppen untergebracht. Einem Spiegel-Bericht zufolge soll es sich um eine „Beziehungstat“ gehandelt haben, es gebe persönliche Bezüge in die Jugendeinrichtung. Ein politischer oder extremistischer Hintergrund sei nach derzeitigem Stand der Ermittlungen nicht bekannt.
Mutmaßlicher Schütze festgenommen
Laut den Ermittlern wurde „ein Haupttäter“ festgenommen. Zwei weitere Menschen befänden sich „noch in polizeilichen Maßnahmen“, darunter auch eine „weibliche Begleitperson“. Sie würden vernommen und gegebenenfalls einer Spurensicherung unterzogen. Welche Rolle sie gespielt haben könnten und in welcher Beziehung der mutmaßliche Schütze zu den Opfern stand, sei Gegenstand der Ermittlungen. Anfangs war von zwei Verdächtigen die Rede gewesen.
Die Hintergründe des Gewaltverbrechens in der Stadt westlich von Hamburg sind zunächst völlig unklar. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler gibt es jedenfalls keinen Zusammenhang zur sogenannten Clankriminalität. Für den Abend kündigten die Ermittler eine Pressekonferenz in Stade an, an der auch Landesinnenministerin Daniela Behrens (SPD) teilnehmen soll.
Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet. Über eine Website können Zeuginnen und Zeugen Hinweise sowie Fotos oder Videos direkt an die Ermittlerinnen und Ermittler übermitteln, wie die Polizei mitteilte. „Jeder Hinweis kann für die laufenden Ermittlungen von Bedeutung sein“, betonte die Polizei.
Viele Einsatzfahrzeuge und Rettungskräfte im Einsatz
Polizei und Rettungskräfte waren mit einem Großaufgebot im Einsatz. Sie riefen Menschen auf, den betroffenen Bereich weiträumig zu verlassen und den Anweisungen der Einsatzkräfte zu folgen. „Aktuell besteht keine weitere Gefahr für die Bevölkerung“, betonte die Polizeisprecherin.
Auf Bildern von der Umgebung des Tatortes waren zahlreiche Einsatzfahrzeuge und Rettungskräfte zu sehen. Auch Kriminaltechniker in weißen Overalls waren vor Ort.
Ein Sprecher der Stadt Stade sagte, für eine Kindertagesstätte und eine Grundschule in der Nähe der Jugendhilfeeinrichtung habe keine Gefahr bestanden. Die Stadt habe nach den ersten Meldungen umgehend Kontakt zu den Einrichtungen gesucht. Die Kita-Kinder seien zum Zeitpunkt der Schüsse im Gebäude gewesen, sagte der Stadtsprecher. Eltern konnten ihre Schulkinder inzwischen abholen.
„Wir sind froh, dass es unseren Mitarbeitenden und den Kindern in Kita und Grundschule gut geht und ich bedanke mich bei den Polizistinnen und Polizisten für ihren Einsatz in dieser unübersichtlichen Lage“, sagte Stades Stadtrat Carsten Brokelmann in einer Mitteilung. Der Stadtrat sprach zudem im Namen der Stadtverwaltung seine Anteilnahme aus. „Gleichzeitig gilt unser tiefes Mitgefühl den Opfern dieser schrecklichen Tat sowie deren Hinterbliebenen.“ Noch seien die Hintergründe der Tat nicht bekannt. Er vertraue darauf, dass diese bald ermittelt würden, sagte Brokelmann in der Mitteilung weiter.
Die Polizei warnte zudem eindringlich vor Falschnachrichten und Gerüchten. In Chatgruppen und sozialen Netzwerken würden unbestätigte Informationen zu der Einsatzlage verbreitet, schrieb die Polizei in ihrem WhatsApp-Kanal. „Die kursierenden Darstellungen entsprechen nicht dem derzeit polizeilich bestätigten Sachstand.“
Die Polizei appellierte, keine ungeprüften Meldungen, Sprachnachrichten oder Gerüchte weiterzuverbreiten. „Dies kann zu Verunsicherung führen und polizeiliche Maßnahmen erschweren.“ Gesicherte Informationen gebe es über die offiziellen Kanäle der Polizei Stade.
Stade hat knapp 48.700 Einwohner und gehört zur Metropolregion Hamburg und ist auch als westliches Tor zum Alten Land bekannt, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Deutschlands. Die Hansestadt liegt rund 40 Kilometer von Hamburg entfernt.
Niedersachsens Ministerpräsident: „Keine Zeit für Spekulationen“
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat den Schusswaffenangriff als „erschütternd“ bezeichnet. Die Tat mache „die gesamte Landesregierung tief betroffen“, erklärte Lies am Montag in Hannover. Zugleich bat er darum, „jetzt keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und den Ermittlungen den nötigen Raum zu geben“. Es sei „die Zeit für Trauer, Anteilnahme und sachliche Ermittlungsarbeit und nicht für Spekulationen und Verunsicherung“.
„Wir sind in Gedanken bei den Opfern, deren Familien und Freunden und bei allen, die das furchtbare Geschehen miterleben mussten“, erklärte Lies und ergänzte: „Wir trauern um die Menschen, die ihr Leben verloren haben. Wir wünschen den Verletzten eine möglichst schnelle und vollständige Genesung.“
Lies dankte „allen Einsatzkräften, die in dieser schwierigen Situation, schnell und entschlossen gehandelt sowie Trost gespendet und Hilfe geleistet haben“. Die zuständigen Behörden arbeiteten „intensiv daran, die Hintergründe dieser schockierenden Tat aufzuklären“.
