Ausbruch Maul- und Klauenseuche: Europas Bauern zittern vor der Seuche – aus dem Archiv

Maul- und Klauenseuche in Brandenburg ausgebrochen: Ein gekeultes Tier wird aus einem Stall, in dem die Maul- und Klauenseuche festgestellt wurde, abtransportiert. Ein Text aus dem Jahr 2001 zeigt auf, wie groß die Sorgen in Europa während des großen Ausbruchs in Großbritannien waren.
Sebastian Christoph Gollnow/dpa- Maul- und Klauenseuche (MKS) in Brandenburg ausgebrochen, weckt Erinnerungen an 2001.
- Damals grassierte die Seuche in Großbritannien; EU verhängte Ausfuhrverbot für britische Fleischprodukte.
- Hoher Tierhandel in Europa erhöht Infektionsrisiko; 250 Millionen Tiertransporte jährlich.
- Preisunterschiede treiben Ferntransporte an, erhöhen Seuchengefahr.
- MKS-Impfung 1991 EU-weit verboten; neue Forschung geplant.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Europas Bauern zittern vor der Maul- und Klauenseuche. Die EU-Kommission hat zwar nach dem Ausbruch der Seuche in Großbritannien mit einem sofortigen Ausfuhrverbot für britische Fleisch- und Milchprodukte reagiert. Der massenhafte Tierhandel im übrigen Europa bleibt aber ein zusätzliches Infektionsrisiko.
Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien lässt heute die Landwirte in ganz Europa in Angstschweiß ausbrechen - von der Bretagne über Flandern und das Oderbruch bis ins süditalienische Mezzogiorno oder das spanische Andalusien. Niemand kann sich mehr in Sicherheit wiegen, denn grenzübergreifende Vieh-Exporte über Tausende von Kilometern sind im Europäischen Binnenmarkt an der Tagesordnung.
Tierschützer schätzen ihre Zahl auf jährlich 250 Millionen, doch exakte Statistiken gibt es nicht. In der Brüsseler EU-Kommission zuckt ein Sprecher von Verbraucherschutzkommissar David Byrne auf Anfrage der MOZ mit den Schultern. Auch er habe keinen Überblick über die gesamten Tierbewegungen im gemeinsamen Binnenmarkt. Landwirte aus Deutschland verkauften ihre Schweine, Rinder oder Schafe schließlich auch im benachbarten Holland, Belgien oder Frankreich, wenn sie im dortigen Schlachthof oder direkt beim Fleischer einen besseren Preis erzielen. Und ihre Kollegen in den Nachbarländern täten es ebenso. Für den Handel und damit auch die Schlachtvieh-Lieferungen gebe es schließlich keine Grenzen mehr, und all diese Bewegungen könne niemand mehr vollständig erfassen.
Auch ein Blick in den dicken, jährlich erscheinenden Statistik-Wälzer über die Europäische Agrarpolitik liefert keinen Aufschluss. Er enthält zwar Hunderte von Tabellen, Statistiken und Schaubildern. Es finden sich auch Angaben über den ‚innergemeinschaftlichen Fleischhandel‘, doch wie viele der dort angegebenen Mengen als Gefrierfleisch, Rinderhälften, Schweineschlachtkörper oder als Lebendvieh die Grenzen überschritten haben, ist nicht mehr einzeln aufgeschlüsselt.
764.000 Schafe verließen 2000 die britische Insel
Statistische Angaben der britischen Regierung geben immerhin Auskunft, dass im Jahr 2000 insgesamt 764.000 lebende Schafe die britische Insel verlassen haben, 14,2 Prozent dieser Exporte gingen nach Deutschland. Die Zahl der exportierten Schweine wird mit 97.000 angegeben, wovon 29,8 Prozent einen Bestimmungsort in deutschen Landen hatten. Lebende Rinder wurden wegen des fortbestehenden Exportverbotes nicht ausgeführt - Großbritannien durfte wegen BSE nur scharf kontrolliertes Rindfleisch unter strengen Einschränkungen exportieren.
Die Fleisch- und Lebendviehexporte zwischen den EU-Staaten und damit auch die Zahl der Tier-Ferntransporte unterliegen überdies starken zeitlichen Schwankungen. Zwar gibt es feste Lieferverbindungen, zumeist von Nord- und Westeuropa mit seiner hoch entwickelten Intensivmast und Massentierhaltung in die südlichen EU-Staaten. Darüber hinaus aber nehmen grenzübergreifende Lieferungen immer dann stark zu, wenn das Preisgefälle der jeweiligen nationalen Schlachtviehmärkte dies lukrativ macht. Ein Extremfall sind derzeit die Rindfleischmärkte.
In Staaten, in denen der Konsum durch die BSE-Krise besonders stark eingebrochen ist - allen voran Deutschland mit rund 50 Prozent - ist auch der Rückgang der Verbraucherpreise am stärksten. In der vorigen Woche kosteten 100 Kilogramm Rindfleisch (Lebendgewicht) in Deutschland durchschnittlich 72,723 Euro. In Spanien wurden zur gleichen Zeit 108,405 Euro geboten, in Frankreich 125,664 Euro. In Großbritannien waren es sogar 133,793 Euro und in Belgien mit 159,689 Euro mehr als doppelt so viel wie in Deutschland.
Damit haben urplötzlich massenhaft Ferntransporte eingesetzt, die es normalerweise nicht gibt. Für deutsche Händler ist es ein Riesengeschäft, deutsches Rindfleisch nach ganz Europa zu verhökern und auch die Importeure in den Zielländern machen einen Reibach. Fast-Food-Ketten kaufen fast nur noch Billigfleisch in Deutschland. Dies hat die Landwirte und auch die Regierungen von Dublin über Paris bis Madrid in Harnisch gebracht, da auch bei ihnen die Preise abrutschen und überdies zusätzliche Stützungskäufe auf Kosten der EU-Partner nötig machen.
Der Druck auf Deutschland, nun auch hierzulande mit dem EU-Aufkauf- und Vernichtungsprogramm für ältere Rinder zu beginnen, wird immer größer. Zum anderen steigt mit diesem Anschwellen der Fleisch- oder Schlachtvieh-Exporte auch das Risiko der Seuchenausbreitung. Nachdem in Großbritannien zum wiederholten Mal BSE-Risikomaterial in deutschem Rindfleisch entdeckt wurde, drohte EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne mit einem Exportverbot gegen Deutschland. Dies ist das letzte Mittel, das Brüssel in der Hand hat, auch grenzübergreifende Infektionen zu verhindern.
Totales Ausfuhrverbot gegen Großbritannien für Fleisch und Milchprodukte
Im Falle der Maul- und Klauenseuche kann man Brüssel übrigens keinen Vorwurf machen: Sofort nach Bekanntwerden des ersten Seuchenfalles wurde ein totales Ausfuhrverbot gegen Großbritannien verhängt, das nicht nur Lebendvieh, sondern auch Schaf-, Schweine- und Rindfleisch sowie Fleisch- und Milchprodukte umfasst und inzwischen verlängert wurde.
Allerdings sind die immer länger und zahlreicher gewordenen Viehtransporte nicht allein der EU zuzuschreiben. Auch innerhalb Deutschlands haben sie zum einen wegen des stark gestiegenen Fleischverbrauches erheblich zugenommen. Aus den klassischen Viehzuchtregionen in Norddeutschland rollen heute weit mehr Tiertransporte über Hunderte Kilometer in die entferntesten Ecken der Bundesrepublik als je zuvor. Aus der niedersächsischen Region Vechta-Cloppenburg, die den dichtesten Schweinebesatz in der gesamten EU ausweist, werden weite Teile Deutschlands versorgt, übrigens auch die fest in deutscher Hand befindlichen Urlaubszentren von Mallorca bis zur südspanischen Costa del Sol.
Transportwege für Tiere: Risiko der Seuchen-Verschleppung
Zweiter Faktor ist die immer größere Konzentration der fleischverarbeitenden Industrie, die nur noch wenige Groß-Schlachthöfe überleben lässt. Die Folge sind auch innerhalb Brandenburgs oder der anderen Bundesländer längere Transportwege - auch mit größerem Risiko der Verschleppung infektiöser Tierseuchen. Das wichtigste Rezept, dieses Risiko einzugrenzen, heißt regionale Vermarktung. Die kann im europäischen Binnenmarkt auch durchaus grenzübergreifend sein. Wenn ein Fleischer in Aachen heute in der benachbarten, von Weideland geprägten und übrigens sogar deutschsprachigen Region Ostbelgien einkauft, beträgt der Transportweg nur zwischen fünf und 20 Kilometern.
Maul- und Klauenseuche: Loeffler, die DDR und die Impfungen (Text von 2001)
Nur 25 Nanometer (millionstel Millimeter) misst das Virus der Maul- und Klauenseuche (MKS). Der Kleinsterreger ist hartnäckig und hochinfektiös: Vier Wochen kann er in Rinderhaaren, zwei Wochen an Glasscheiben und bis zu 100 Tagen in Abwässern überleben, wie der Virologe Volker Kaden von der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere auf der hermetisch abgeriegelten Ostseeinsel Riems berichtet.
Bald werden er und seine Kollegen sich wieder der MKS-Forschung widmen, die 1991 auf Riems eingestellt wurde: In spätestens eineinhalb Jahren soll sie an ihren Ursprungsort zurückkehren (2003). Auf dem idyllischen Eiland entwickelte Friedrich Loeffler (1852-1915) vor 90 Jahren mit dem ersten Serumimpfstoff eine Passivimmunisierung gegen die Maul- und Klauenseuche; den Krankheitserreger hatte er bereits 1898 entdeckt.
Seit 1951 dann die damalige DDR mit der jährlichen Vorbeuge-Impfung der Tierbestände begann, zogen die anderen europäischen Länder nach. Die Impfung konnte große wirtschaftliche Schäden verhindern und die Infektionsraten drastisch reduzieren. Analysen hätten jedoch gezeigt, dass in den letzten 20 Jahren in Nicht-Impfungsländern weniger MKS-Ausbrüche auftraten, als in Ländern, in denen die Rinder vorsorglich geimpft wurden, sagt Professor Thomas Mettenleiter, Präsident der Bundesforschungsanstalt. Der Grund: Da die Tiere mit einem Stoff aus einem toten, inaktivierten MKS-Virus geimpft würden, konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die wieder gesundeten Tiere den Virus an andere Artgenossen weitergeben.
Zudem bestand die potenzielle Gefahr, dass das aggressive Virus aus Impfstofffabriken ausbricht: So geschehen 1988 in Niedersachsen oder zuvor auch auf der Forschungsinsel Riems. 1991 wurde die Impfung EU-weit verboten. In Deutschland produziert lediglich Bayer Impfstoffe gegen die Seuche - für Notimpfungen. (dpa)
*Dieser Text wurde am 6. März 2001 in der gedruckten Ausgabe der Märkischen Oderzeitung veröffentlicht.




In Brandenburg ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Wichtig ist jetzt, dass große Transparenz für die Öffentlichkeit besteht.