Nein, dieser Münchhausen reitet in Cottbus nicht auf einer Kanonenkugel. Für solche Scherze sind wohl die Zeiten zu düster. Die Kanonenkugel ist Mauke. Und der Schauspieler muss sich erst im Online-Shop ausstatten lassen. Deshalb steht ein Löwe ganz allein auf der Bühne im Großen Haus des Staatstheaters. Könnte auch ein Bär sein. Denn er redet sich die Tatzen wund, um den Leuten einen Bären aufzubinden.
Irgendwie muss der Schauspieler im Fellkostüm das Warten auf den Kollegen überbrücken. Münchhausen kommt einfach nicht. Also lässt sich Manolo Bertling, vorher an der Volksbühne Berlin, am Staatstheater Stuttgart und am Centraltheater in Leipzig engagiert, etwas einfallen. Er labert gegen das Warten an, plappert über Gott und die Welt, das Theater, Kiefernwälder und Sand, Freiheit und Lügen als Waffen gegen die da oben. Und so läuft er nach und nach zu Hochform auf, greift sich das Publikum und nutzt ausgiebig die Gelegenheit, sich als neues Ensemblemitglied vorzustellen.
One-Man-Show: Schauspieler Manolo Bertling
One-Man-Show: Schauspieler Manolo Bertling
© Foto: Marlies Kross
Von Armin Petras als Hausautor, Hausregisseur und Co-Schauspieldirektor für das Staatstheater Cottbus neu geschrieben und inszeniert, hatte der Fast-Monolog jetzt in Cottbus als „Münchhausen remix“ am 8. Januar 2023 Premiere.

Premiere des Stand-Up-Formats mit jungem Publikum

Manolo Bertling, der in Sizilien zwischen Bühne und Zirkuswagen aufwuchs, schöpft in seinem Solovortrag lustvoll aus den unendlich vielen Möglichkeiten des angekündigten Stand-Up-Formats, das in der recht spärlich besetzten Premierenvorstellung immerhin deutlich jüngeres Publikum anzieht. Wörtlich genommen ist es ein Meeting im Stehen, wobei der Schauspieler gleichsam aus dem Stand facettenreich sein komödiantisches Talent zeigen kann. Dabei setzt er sich mit seiner Ukulele und sich selbst ermutigenden Liedern auch mal auf den Hosenboden, bietet gemäß seiner Profession auch ein regelrechtes Schau-Spiel. Ein Mann mit vielen Gesichtern: ein eitler Schwätzer, ein Philosoph, ein Sänger, ein Tänzer, ein Jongleur, vor allem ein unentwegter Spieler, der auch mit seinen Ängsten nicht hinter dem Berg hält.

Fantastereien mit dem Publikum als Stichwortgeber

Und so füllt er den Abend mit seinen Fantastereien, wobei er das Publikum zum Stichwortgeber macht. Nur wenige Requisiten, ein Kleiderständer mit obskuren Kostümen, ein Luftballon und eine Konfettikanone dienen ihm, seine Pointen und Storys auszuschmücken. Voller Energie, mal erbittert, mal melancholisch, philosophisch und leise, fröhlich und laut erinnert er an die literarische Münchhausen-Figur. Nein, er entpuppt sind nicht als filmreifer Lügenbaron. Auch wenn nicht äußerlich ähnelt er wohl eher dem Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, der vor mehr als 300 Jahren geboren wurde und als ein begnadeter Geschichtenerzähler galt. In seiner Heimatstadt, im beschaulichen Bodenwerder an der Weser, verehrt man ihn noch immer als charmanten Aufschneider.

Schmales Seil zwischen Flunkern, Großmäuligkeit und Wahrheitssuche

An Schneid mangelt es auch dem smarten Alleinunterhalter in Cottbus nicht. Scheinbar aus dem Stand beschwört er Hochstapelgefühle herauf, um seine Angst nicht zu genügen, herunterzuspielen und der zu werden, der er nie war.
Auf dem schmalen Seil zwischen Flunkern, Großmäuligkeit und Wahrheitssuche müssen sich die Zuschauer so einiges anhören und herausrücken, was sie haben. Und sei es eine matschige Banane. In letzter Minute schreitet der den ganzen Abend erwartete Kollege Jörg Trost dem Solisten im Löwenpelz in Regimentsuniform zur Seite. Worte sind dann nicht mehr nötig.
Armin Petras‘ Münchhausen und Wartezeit-Überbrücker Manolo Bertling werden im Großen Haus am Staatstheater von der kleinen Premierenschar mit großem Jubel bedacht. An intimeren Spielorten wird dieses Stand-Up-Format wohl noch hautnaheren Kontakt zu den Zuschauern ermöglichen. Ein Versuch, vor allem mehr junge Leute ins Theater zu locken. Den Versuch ist es wert.

Münchhausen tourt durch die Spielstätten

Als Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Jan Bosse, dem Schauspieler Milan Peschel und dem Autor Armin Petras kam „münchhausen (nach genet/nietzsche/peschel)“ 2015 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Premiere. Im selben Jahr wurde die Inszenierung an das Deutsche Theater Berlin übernommen. Mittlerweile hat der Text an diversen deutschsprachigen Bühnen Anklang gefunden.
Armin Petras hat für das Staatstheater Cottbus „Münchhausen remix“ neu geschrieben. Die weiteren Vorstellungen werden an verschiedenen Orten und Spielstätten des Staatstheaters gezeigt, so am 16. April, 19 Uhr, im Großen Haus, am 30. April, 16 Uhr in der Theaterscheune und am 16. Mai, 19.30 Uhr, in der Kammerbühne.
Karten online über www.staatstheater-cottbus.de