Sorben im Film: Grit Lemke erforscht in "Bei uns heißt sie Hanka" ihre Wurzeln

Hanka und Ignac zelebrieren ihren großen Tag in sorbischer Tracht. Szene aus dem Dokumentarfilm „Bei uns heißt sie Hanka“. Regisseurin Grit Lemke hat sich auf Spuren sorbischer Kultur heute begeben.
Neue Visionen FilmverleihWer sind wir? Wer bin ich? Grit Lemke spricht diese Fragen in der Mitte des Films aus dem Off heraus zum Publikum. „Bei uns heißt sie Hanka“ heißt ihr neuer Film und berührt eines der andauernden und noch immer aktuellen Themen der Lausitz: das Zusammenleben zwischen Sorben und Deutschen. Zwar ist es nicht der erste Film über die nationale Minderheit, aber dass eine abendfüllende Doku dazu bundesweit in die Kinos kommt, ist wohl einmalig, wurde doch das Thema bisher immer als randständig gesehen und ist selten über die Grenzen der Lausitz hinaus rezipiert worden.
Doch wer ist diese Minderheit? Ist diese Sicht noch gültig, fragt Lemke? Die Sorben – ein slawisches Volk, das seit 1500 Jahren dort siedelt und noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg in den Dörfern in der Mehrheit war. Die Autorin, in Spremberg geboren und in Hoyerswerda aufgewachsen, erzählt diese Geschichte aus der Sicht eines Hochzeitspaares.
Eine Hochzeit in der Oberlausitz
Anna Rosina (Hanka) Wjeselina aus einem Dorf bei Cottbus und Ignac Wjesela aus Crostwitz in der Oberlausitz finden zueinander und geben sich in der katholischen Kirche des Ortes das Ja-Wort. Hanka lernt die Sprache der Obersorben und wird aufgenommen in das Dorfleben, in die Gemeinschaft, ja in den katholisch geprägten Alltag des Volkes.
Um diese Hochzeit herum lassen Lemke und ihr Kameramann Uwe Mann Sorbinnen und Sorben erzählen über ihre Leben und das ihrer Vorfahren. Ein Gefühl des Weniger-Wert-Seins durchzieht über lange Zeit ihr Dasein. Mitten im Film gibt sich die Autorin selbst als erzählende Stimme etwas Raum. Sie spricht über ihre Großmutter Anna, die für Lemke wohl der Grund war für ihr eigenes, spätes Bekenntnis zum Sorbischen, dessen Sprache sie erst in den vergangenen Jahren erlernte.
Der alte Imker Günter Paulisch (Günter Powlis) erinnert sich an so manche Demütigung: Als er 14 war, in den 1950ern, musste in der Schule noch Deutsch gesprochen werden. Aber „meine Bienen sind so sanftmütig wie wir Sorben“, sagt Paulisch. Da ist auch der 87-jährige Jurij Koch, der bekannteste sorbische Schriftsteller der Gegenwart. Er liest aus seinem Essay „Die Schmerzen der endenden Art“.
Trailer zu "Bei uns heißt sie Hanka" auf YouTube
Da ist Hella Stoletzki (Hella Stoleckojc), die junge Malerin und eine der hoffnungsvollen Schülerinnen der Neuen Leipziger Schule. Sie ist Bekenntnis-Sorbin – laut Gesetz ist Sorbe, wer sich dazu bekennt. Eine Tracht tragen würde sie nicht. Dazu fehle ihr die Authentizität.
Lemke gehört, ebenso wie die Produzentin des Filmes, Annekatrin Hendel („Die besten aller Tage“, „Familie Brasch“, „Anderson“), zu einer Generation von Ost-Künstlern, die selbstbewusst ihre Positionen vertreten. Sie wollen sich ihre Geschichte nicht von anderen erzählen lassen und entwickeln kreatives Empowerment.
Dritter Teil einer Lausitz-Trilogie
Mit „Hanka“ legt Lemke den dritten Teil einer anfangs wohl nicht geplanten Lausitz-Trilogie vor. Zuvor gab es das Buch „Kinder von Hoy“ und den Film „Gundermann Revier“, in dem sie ähnlich wie in „Hanka“ die Grenzen des Dokumentarischen weit umschreibt. Manchmal prescht Lemke auch vor. Der Vorwurf eines modernen Kolonialismus, den sie zuweilen außerhalb des Filmes vertritt, kränkt zuerst die Wohlgesinnten. Der Film zeigt aber auch: Es sind immer mehr junge Menschen, die im Sorbischen eine Heimat suchen. Könnte daraus sogar stärkere politische Selbstverwaltung entstehen, wie Vertreter des Serbski Sejm, der Interessenvertretung der Sorben, fordern? In einem eingespielten Filmausschnitt von 1994 sehen zwei alte Sorbinnen am Tagebaurand in die Grube, wo einst ihr Heimatdorf war. Sie sind noch immer verbittert: „Man will das ja gor nich mehr sehen.“
„Bei uns heißt sie Hanka“ startet am 18. April bundesweit in den Kinos.

